Große Koalition, kleinkariert

Kommentar | Lukas Kapeller, 13. Februar 2012, 12:24

Das beste Verhandlungsergebnis seit langem - womöglich nicht gut genug

Der einzige Leitartikler, der das Sparpaket uneingeschränkt lobte, war "Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner. Das sollte skeptisch machen.

Tatsächlich ist der nun bekannte Konsolidierungspfad, auf den die Österreicher geschickt werden, eine Pflichtübung dieser Koalition. Zwar mit viel Pathos und Show präsentiert, aber letztlich die eben nötige Impfung für Österreich gegen die europäische Krisenansteckungsgefahr. Der demonstrative Konsens ("Lieber Michael", "Lieber Werner"), den die Regierungsspitzen am Freitag an den Tag legten, war zwar bloß Polit-Marketing, dennoch wirkte er wohltuend. Dass ein relativ rasches Ergebnis vorlag, war bereits mehr, als viele von dieser Regierung noch erhofften.

Dass Kanzler, Vizekanzler und ihre Statthalter im Parlament staatstragend-stolze Mienen zeigten, kann aber nicht über die Ausbaufähigkeit des Sparpakets hinwegtäuschen. Bernhard Felderer, Chef des Instituts für Höhere Studien, brachte es auf den Punkt: "Auf der Ausgabenseite haben wir eine einzige Strukturmaßnahme, die Pensionsversicherung." Die Regierung verteilte die Lasten recht gleichmäßig und mahnt alle zum braven Sparen. Überall wird ein bisschen etwas weggezupft, alles ganz passabel. Die Gelegenheit zu Strukturreformen ließen Werner Faymann und Michael Spindelegger aber verstreichen.

Das Publikum sieht den altbekannten, ermüdenden Große-Koalitionsritus: Nimmst du meinen Eisenbahnern, nehm' ich deinen Bauern! Sollen die schwarzen Beamten zurückstecken, müssen das auch die roten! Gleiches bei Pensionisten.

Und auch wenn nun vieles passiert ist, muss man sich fragen, warum diese Regierung - 2008 im Zeichen der Krise angetreten - immer zaudert, bis ihr keine Wahl mehr bleibt. Von ihren - unfreiwilligen, von außen gebotenen - Spar-Missionen klingen den Österreichern noch die Klausur-Domizile im Ohr: Loipersdorf und Semmering. Sie stützen das Bild einer Wellness-Regierung, die ihre Wähler solange in warmem Wohlbehagen abwarten lässt, bis ihr keine Wahl mehr bleibt, als zu handeln. Die Gebote dieses Handelns heißen dann Schuldenbremse und AAA-Bonität.

Bei der Nationalratswahl 2013 könnte der nun zur Schau gestellte Konsolidierungswille jedoch unbelohnt bleiben. ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf lobte den Reformeifer am Freitag mit den Worten: "Mit diesen Maßnahmen schafft man sich nicht überall Freunde." Das könnte für SPÖ und ÖVP noch zur unbequemen Wahrheit werden. Das ohnehin unzufriedene Wahlvolk wird die verspätete Konsolidierung kaum mit lautem Hurra in der Wahlzelle bejubeln. Glaubt man den Umfragen, wird die SPÖ nur mehr knapp vor der FPÖ liegen, und sollten die ÖVP-Strategen die Nerven wegwerfen und Spindelegger à la Wolfgang Schüssel sagen, er gehe als Dritter in Opposition, wäre das Land 2013 tatsächlich unregierbar.

Ironischerweise lag es diesmal wirklich nicht am fehlenden Willen in SPÖ und ÖVP, dass man beim Sparpaket nicht ambitionierter war, sondern daran, dass sich die beiden (noch) großen Parteien gar nicht näher kommen können, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Insofern war dieser zuweilen doch recht kleinkarierte Abtausch von Sparideen das Beste, was die Große Koalition zu leisten imstande ist. Für viele Wähler womöglich nicht gut genug. (derStandard.at, 13.2.2012)

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16 Postings
rm2000
00
14.2.2012, 18:56
Ambitionierte Auflösung

Sparpaket ohne Grundlagen, wie ein Brief ans Christkind, das einem dann HaZeh ((c) Falter?) retourschickt. Selten musste in der Politik weniger getan werden um höher zu fallen.

Stiwaché
22
13.2.2012, 20:42
guter Kommentar

Der Stil gefällt mir gut! Kurz, sachlich, trotzdem illustrative Wortführung. Der Standard sollte Sie einstellen!

Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is
 
01
14.2.2012, 00:02

Keine Sorge, ist bereits geschehen :
http://derstandard.at/r12543104... s-Kapeller
;)

Krawuzi Kabuzi
02
13.2.2012, 16:45
Paßt eh...

Kleinkarierte Koalitionen für kleinkarierte Bürger.

der elch mit dem kelch
01
13.2.2012, 19:01
Kleinkariert ist noch zu gross

Pepita Koalition ist der richtige Ausdruck.

andreas wilbard
25
13.2.2012, 16:11

Wenn stets Politiker gewählt werden, die mit neuen sozialpopulistischen Versprechungen
die Abgabenquote in noch nie da gewesene Höhen treiben und den Bürgern so ihr letztes Geld abknöpfen (um es dann evtl. zum Teil wieder "großzügig" zu verteilen), wird sich nichts ändern.
Hohe Sozial- und Abgabenquote gelten in Ö. als schick, denn „man hat es ja". Vorgeblich. Woanders ist das zu recht verpönt und wird als Systemfehler erkannt.

lichaot
25
13.2.2012, 17:37

Woanders ist nicht einmal eine allgemeine Krankenversicherung durchsetzbar. Ist das der Weg, den wir für Österreich wollen?

Christoph Steiner2
01
14.2.2012, 15:53

is ja geil...

Renreff
00
13.2.2012, 12:58
wieso unregierbar?

Als Schüssel sagte er ginge als Dritter in Opposition, hat er doch danach das Land regiert. Wie ist eine andere Frage.

Die Tibetanische Gebetsmühle
 
01
14.2.2012, 05:02
ER hat das Land besser regiert, als alle nachfolgenden Populisten-Koalitionen....

da war der "Weinkenner", der "es reicht Typ", der "Kronenzeitung- und Facebookverkäufer", usw.

Schüssel hat die Pensionsfalle richtig erkannt und begonnen daran zu arbeiten. Er wollte auch das leidige Geldloch ÖBB zu machen, auch die Polizeireform war im Thema richtig, usw.

Schüssel hatte nur ein großes Manko, er hatte keine Hand für das Personal - weder parteiintern noch mit dem halblustigen Kabinett aus Freiheitlichen und das hat ihm letztendlich auch die Reputation als einer der besten BK der zweiten Republik gekostet.

Der gemeinsame Gang mit den Grünen hätte ALLEN gut getan, sie konnten leider nicht über ihren Schatten springen.

karl65
00
14.2.2012, 15:21

Schüssel hat wie mit absoluter Mehrheit regieren können, weil er den blauen Steigbügelhaltern den Griff in die Staatskassen erlaubt hat. Das war das System-Schüssel, kein "Manko". Ohne dieses "Manko" hätte er nicht regieren können. Und die Grünen hätten den Schwarzen einfach nicht erlaubt die Republik zu plündern.

Die Tibetanische Gebetsmühle
 
00
14.2.2012, 16:56
ich glaube nicht das Schüssel plündern wollte,

aber die Vielseitigkeit schwarz/grün wäre weit besser gwesen, als alles danach folgende.

andreas wilbard
04
13.2.2012, 16:13
Etwa auch der sozialpopulistische Stimmenkauf um Steuergelder zwei Tage vor der letzen NR-Wahl war der reine Irrsinn.

Wenigstens konnte Faymann die MwSt-Senkung nicht durchsetzen. Dennoch:
Der Zinsendienst für die Schulden ist schon jetzt so groß wie die Ausgaben für Erziehung, Kunst, Unterricht, Kultur, Forschung und Wissenschaft zusammen: nämlich ca. 15 % der Einnahmen oder rund 10 Mrd €/Jahr.
Und der Zinsendienst wird weiter steigen!
Dazu kommt nun noch das Faymann-Defizit von vor der Wahl von etwa 2,9 Mrd/Jahr (auch ohne USt-Senkung).
Alleine die jährlichen Zinsen betragen schon jetzt
€ 1.200 je Einwohner (noch ohne Tilgung!).
Aber Hauptsache Faymann/Dichand haben den anderen das "Kaputtsparen" (sic!) erfolgreich angedichtet und so die Wahl gewonnen.

lichaot
11
13.2.2012, 17:38

Ich dachte, Sie seien für niedrige Steuern? Also warum keine USt Senkung?

Marcus Frischherz
10
13.2.2012, 23:29
Nur Steuern, die Reiche treffen, sind böse!

Also, Erbschaftssteuer, Schaumweinsteuer, Börsenumsatzsteuer, Kapitalertragsteuer, Vermögenssteuer... alles böse. Mehrwertsteuer trifft nur die Armen... die ist gut, und soll ruhig hoch sein.
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