Sauerland stürzt über Loveparade-Katastrophe

12. Februar 2012, 19:50

Duisburgs Oberbürgermeister wurde abgewählt - Bürgerinitiative hatte gegen den 56-Jährigen Front gemacht

Duisburg - Rund eineinhalb Jahre nach der Love-Parade-Katastrophe mit 21 Toten muss der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland sein Amt abgeben. Der CDU-Politiker wurde am Sonntag in einem Bürgerentscheid abgewählt. Sauerland wird von seinen Kritikern für Fehler bei der Genehmigung der Großveranstaltung im Sommer 2010 verantwortlich gemacht. Sie werfen ihm außerdem "völliges Versagen" beim Umgang mit Opfern und Angehörigen vor. Der Oberbürgermeister hatte stets jede Schuld an der Massenpanik von sich gewiesen und einen Rücktritt abgelehnt.

Für den Abwahlantrag einer Bürgerinitiative stimmten nach Angaben der Stadt vom Sonntagabend 129.833 Wähler. Das waren deutlich mehr als die für eine Abwahl notwendigen rund 92.000 Stimmen. Für einen Verbleib Sauerlands im Amt sprachen sich 21.557 Wähler aus. Seine Amtszeit hätte noch bis zum Spätsommer 2015 gedauert. Jetzt muss innerhalb von sechs Monaten ein Nachfolger gewählt werden.

"Politischer Frieden kehrt zurück"

Der Sprecher der Abwahlinitiative, Theo Steegmann, sprach von einem eindeutigen Ergebnis der Abstimmung. "Damit kommt der politische Frieden in die Stadt zurück", sagte er im WDR-Fernsehen. SPD und Grüne begrüßten das klare Ergebnis des Bürgerentscheids.

Die Schuldfrage ist nach der Massenpanik mit 21 Toten und 541 Verletzten bis heute nicht geklärt. Sauerland gehört nicht zu den Beschuldigten, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt. Einen Anfangsverdacht der fahrlässigen Körperverletzung und Tötung haben die Ermittler gegen 17 Personen. Unter den Beschuldigten sind elf Mitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung, fünf des Veranstalters Lopavent und ein Polizeibeamter.

Sauerland war auch in die Kritik geraten, weil er den Verletzten und Angehörigen der Opfer lange eine Entschuldigung verweigert hatte. Erst spät übernahm er die moralische Verantwortung für das Unglück am 24. Juli 2010.

Bei den Trauerfeiern war er nicht erwünscht und nahm mit Rücksicht auf die Gefühle der Angehörigen nicht teil. Bei öffentlichen Auftritten war er Buhrufen und Beschimpfungen ausgesetzt, es gab eine Attacke mit Tomatenketchup und sogar Morddrohungen.

"Parteipolitische Abrechnung"

Der Oberbürgermeister und die Duisburger CDU hatten das Abwahlverfahren als "Kampagne" und "parteipolitische Abrechnung" kritisiert, die nichts mit der Love-Parade zu tun habe. Der Abwahlantrag der Bürgerinitiative wurde auch von SPD, der Linken, den Grünen und Gewerkschaften unterstützt.

Jetzt gebe es "die Chance auf einen echten Neuanfang für Duisburg", sagte der Generalsekretär der NRW-SPD, Michael Groschek. Die Landesvorsitzenden der Grünen, Monika Düker und Sven Lehmann, erklärten, Sauerland habe die Quittung für seine fehlende Bereitschaft erhalten, "politische und moralische Verantwortung für die Love-Parade-Katastrophe zu übernehmen".

CDU-Generalsekretär Oliver Wittke sagte, nach der demokratischen Abwahl Sauerlands gehe es jetzt vor allem darum, die Verantwortlichkeiten für die Tragödie "rechtlich belastbar aufzuklären".

Sauerland scheidet nach der Sitzung des Wahlausschusses am Mittwoch (15.2.) aus dem Amt. Die Stadt wird dann vorübergehend vom 1. Bürgermeister repräsentiert. Der Stadtdirektor übernimmt die Rolle des Chefs der Verwaltung. (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
1 2
Javert
00
13.2.2012, 12:45
jede medaille hat zwei seiten

der schale beigeschmack an der sache ist, daß erst die abwahl sauerland eine lebenslange rente garantiert ...

Georg Schütt
00
13.2.2012, 14:44
Gegen den Mann gibt es weder ein Gerichtsurteil noch ein Dienstrechtsverfahren.

Mit welcher Begründung wollen Sie ihm die Pension streichen?

mit riesenschritten zur NWO aka ganzsichernicht
 
00
13.2.2012, 12:25
.."stürzt über loveparade katastrophe"

irgendwie sehr geschmacklos. dass da jemand drüberstolpert, ist ein geschmackloser treppenwitz!! da sind jugendliche und kinder umgekommen! der standard wird immer mehr zur kronenzeitung der "a bisserl intelligenteren und ach-so-links denkenden" (gut)menschen...

Sieh an
71
13.2.2012, 12:02
...die wahren Täter sind die "Besucher", welche von hinten bewußt...

ihre Vorderleute in Richtung Eingang geschoben und gedrückt haben...

...solche Egoisten machen dies, um schnell in oder aus dem Gelände zu gelangen oder schlichtweg aus "Jux"...

...in den meisten Fällen wissen sie sehr genau, dass sie andere Menschen damit schädigen können, aber sie können sich schlichtweg in der Anoymität der Masse verstecken...
...dieses Phänomen gibt es auf jeder größeren Veranstaltung oder Konzert...
...es dürfte heute hinreichend bekannt sein und ein Veranstalter hat daher alles dagegen zu tun...
... und das hat Herr Sauerland und vor allem der Veranstalter aber nicht gemacht, damit haben sie wesentlich die Toten aufgrund organisatorischer Mängel zu verantworten und die Abwahl ist somit berechtigt...

Zinsenfeger
00
13.2.2012, 15:22

Ja eben, er hat es nicht gemacht. Und schlimmer noch: hat sich hingestellt, als wäre eh alles paletti gewesen. Politische Verantwortung kann manchmal auch einfach nur in einem symbolischen Akt bestehen: ob jemand geht oder am Sessel klebt, das beweist sein Format.

asinus
03
13.2.2012, 12:27

Das ist bei Massenveranstaltungen einfach so, damit muss jeder rechnen, der hingeht, und das haben die Verantwortlichen gewusst (Duisburg hat die Loveparade ja nur bekommen, weil Bochum verantwortungsbewusster war und abgelehnt hat). Wenn Sie die Zu- und Abgangsmöglichkeiten noch in Erinnerung haben, dann kann man nur von Dilettantismus und Verantwortungslosigkeit sprechen. Bei der Loveparade geht es ja weniger um Love als um viel Cash.

abalada
00
13.2.2012, 13:13

Die Reihenfolge der Loverparades im Ruhrgebiet stand schon länger fest. Duisburg ist nicht für Bochum eingesprungen - in dem Jahr fiel die Loveparade aus - sondern war im Jahr danach dran.

Das Kernproblem der Loveparade war immer zu wenig Cash. In Berlin ging der Veranstalter ja zweimal Pleite. Solch eine Veranstaltung kostet Geld für die Organisation, Sicherheit, Müllentsorgung. Deswegen war ja immer die Devise entweder Kosten einzusparen oder an die öffentliche Hand abzudrücken.

Sieh an
02
13.2.2012, 11:56
... wie kann man eine Veranstaltung mit hunderttausenden von Besuchern auf ein abgeschlossenes Areal veranstalten?

...die Loveparade war grds. ein Straßenfest... an der Strecke gab es genügend Zu- und Abgänge...

...tausende Besucher durch ein Nadelöhr rein und raus zu schleusen war schon vor der Genehmigung der Veranstaltung unmöglich, was Untersuchungen diverser Universitäten und die Erfahrungen von der Hadsch in Saudi-Arabien (nicht ganz so vergleichbar ich weiß) gezeigt haben, faktisch nicht möglich...

... und das muss sich Sauerland UND der Veranstalter (Eigentümer von McFit) vorwerfen und verantworten lassen... der Veranstaltungsort war in erster Linie aus reinen Profitinteressen gewählt und das hat letztlich zu den Toten geführt...

free spirit
00
13.2.2012, 11:39
er konnte einfach nicht gehen ohne vorher kosten zu verursachen

IHM war es das wert...

Lionel Cosgrove
00
13.2.2012, 11:05
wenn er nicht zurücktreten will,

dann wird er eben zurückGEtreten

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
00
13.2.2012, 10:49

War wohl nix mit dem Sesselkleben. Goodbye and good riddance.

earlofcarinthia
21
13.2.2012, 10:45

Sündenböcke will das Volk haben war ja immer schon so.

Rauhreif
01
13.2.2012, 10:03

Lieblingstelle aus der RTL-Doku damals "der südliche Bereich ist nicht so wichtig"
ja, der südliche Bereich war der Ein und Ausgang über die Rampe.
ich verstehs bis heute nicht, wie man das verantworten konnte, die Besucher da durchzuschleusen.

Peter Wichtig
315
13.2.2012, 08:56
So ein blödsinn......

.... was kann der bürgermeister dafür? Da hat jemand ein unglück instrumentalisiert und der mündige wähler ist drauf reingefallen. :-)

URKNALL
05
13.2.2012, 11:54
der mündige wähler hats im gegensatz zu ihnen kapiert.

Kontrahent1
00
13.2.2012, 11:46
Das ist schon richtig, aber

der Bürgermeister war führend involviert, diese Veranstaltung, welche Berlin nicht mehr haben wollte, ins Ruhrgebiet zu holen. Übrigens, wie vieles Anderes auch, was dieser 'sterbenden' Stadt zum Vorteil gereichte. Daß nicht der geeignete Ort für so eine Veranstaltung gewählt wurde, war nun eben ein Schuß ins Knie. Ob es besser wir in Duisburg wird man sehen.

Ausgeflippter Lodenfreak
05
13.2.2012, 10:08

Die Loveparade in Duisburg war von Stadt und Land unbedingt gewollt. Sie war Teil eines großen Kulturprogrammes 2010 im Ruhrpott. Von Land und Stadt hat großer Druck geherrscht, diese Veranstaltung möglich zu machen, auch auf kritische Stimmen bei Polizei und in den Ämtern wurde Druck ausgeübt. Da haben auch Eitelkeiten mitgespielt, da Bochum 2009 die Loveparade absagte, weil die Verkehrskapazitäten zu gering waren. Die Veranstaltung hatte also einen hochpolitischen Hintergrund und der Bürgermeister hat auf jeden Fall die moralische und politische Verantwortung und kommt meiner Meinung nach nur nicht vor Gericht, weil dann auch die Verantwortung im Bundesland hinterfragt würde.

Georg Schütt
00
13.2.2012, 14:46
Bei soviel Druck aus Stadt und Land, aus Wirtschaft und Parteien

ist´s dann aber doch seltsam, dass am Ende nur einer schuldig sein soll, oder?

Ausgeflippter Lodenfreak
00
13.2.2012, 17:47

Ich schreibe ja, dass die Landesregierung Mitschuld trägt. Politische Verantwortung lässt sich naturgemäß immer an einigen wenigen festmachen.
In diesem Fall sind Stadt, Land und Partei ja die gleichen Personen.

Rob Edge
115
13.2.2012, 09:28
Wer sich mit den Hintergründen ein wenig befasst hat weiß, ....

... das Sauerland zu 100% die politische Verantwortung hat. Wenn er einen Funken Anstand gehabt hätte wäre er sofort zurückgetreten. Hätte seine Partei einen Funken Anstand gehabt hätte sie ihn dazu gezwunden nachdem er selbst nicht zum Rücktritt bereit war.

Georg Schütt
00
13.2.2012, 14:46
Das Dienstrecht sieht keine Möglichkeit zum Rücktritt vor.

abalada
32
13.2.2012, 10:37
Wer sich mit den Hintergründen ein wenig befasst hat, weiß ...

dass die politische Macht in einer Stadt ausschließlich beim Stadtrat liegt. Ein Bürgermeister ist der gewählte Chef der Stadtverwaltung. Aber nicht der Regierungschef der Stadt (abgesehen mal von den 3 deutschen Stadtstaaten). Der Bürgermeister muss die Beschlüsse des Stadtrates umsetzen. Ob er nun dafür oder dagegen ist. Er ist kein Regierungschef welcher dem Stadtrat mit Neuwahlen drohen kann. Er darf auch dientstrechtlich nicht einfach hinschmeißen, nur weil er nicht hinter den Beschlüssen des Stadtrates steht. Und nur wer politische Macht kann auch politische Verantwortung tragen. Und der Stadtrat hat die Loveparade beschlossen.

Natürlich hat er als Chef der Verwaltung auch Verantwortung. Aber das ist keine politische Verantwortung.

Sieh an
01
13.2.2012, 11:49
... Tatsache ist, dass massgeblich Sauerland mit den Veranstalter die Loveparade

...nach Duisburg geholt hat...

Er allein hatte die Möglichkeit die Veranstaltung zu genehmigen oder nicht. Der Stadtrat ist wie in vielen Gemeinden oder BT nur ein "Abnickorgan", sofern er überhaupt darüber informiert wurde.

Das sieht man daran, dass die CDU Sauerland nicht abgewählt und einen Nachfolger bestimmt hat.

Der "Sündenbock" stellt für mich mehrheitlich die 17 Leute dar, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt.

abalada
00
13.2.2012, 12:44

Die Loveparade wurde von Berlin ins Ruhrgebiet geholt. Dass da Duisburg erst an 4. Stelle kam spricht nicht für eine besondere Rolle von Sauerland dabei. Es war ja geplant die Loveparade in allen großen Städten des Ruhrgebiets abzuhalten.

Der politische Beschluss "wir machen die Loveparade in Duisburg" hat der Stadtrat mit großer Mehrheit gefällt. Der musste nicht nur informiert werden sondern diesen Beschluss fassen.

Wer was zu genehmigen hat ist ja in Verwaltungsvorschriften geregelt. Auch was gegen eine verweigerte Genehmigung unternommen werden kann. Der Bürgermeister ist da maximal eine Ebene unter mehreren.

A ndreas Bogeschdorfer
01
13.2.2012, 10:52
Formalrechtlich stimmt das.

Daher wird ja auch nicht gegen ihn ermittelt. Als Mann der Öffentlichkeit hätte er aber die Möglichkeit gehabt auch öffentlich zu protestieren. Moralisch-politisch kann er sich daher eben nicht so leicht aus der Verantwortung ziehen.

Dass natürlich auch der politische Gegner mit Kalkül handelt und die Lage für sich nutzt, darf angenommen werden und ist wohl auch nicht gerade ein Ausweis moralischer Festigkeit.

Ein freiwilliger sofortiger Rücktritt nach dem Unglück wäre wohl mit Abstand die ehrlichste Lösung gewesen und hätte Sauerland das Gesicht wahren lassen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.