Im französischen Präsidentschaftswahlkampf bietet ein linker Volkstribun dem Front National die Stirn
Drancy. Tiefste Banlieue, 20 Kilometer nordöstlich von Paris. Hier
fuhren vor 70 Jahren die Deportationszüge mit französischen Juden nach
Auschwitz ab. Heute ist die S-Bahn die einzige Verbindung zur Außenwelt.
Passanten folgen den "Mélenchon"-Schildern durch das dunkle Niemandsland
und durch Wohnsiedlungen.
Sie streben der Sporthalle in der Nachbargemeinde Blanc-Mesnil zu. Dort
heizen Lokalpolitiker vom Front de Gauche (Linksfront) die schlotternden
Besucher auf. Im Publikum recken sich Fäuste aller Hautfarben, und rote
Fahnen mit Hammer und Sichel werden geschwungen, als der Star des Abends
ans Rednerpult tritt.
Wie an den beiden Vorabenden in Montpellier und Villeurbanne sind
Tausende gekommen, um Jean-Luc Mélenchon zu sehen. Euphorische
Zwischenrufe empfangen den 60-jährigen Volkstribun. Mélenchon erzählt,
wie Präsident Nicolas Sarkozy eine Volksabstimmung ansetzen möchte, um
die Rechte der Arbeitslosen zu beschneiden. "Aber die Volksabstimmung
über den EU-Vertrag - die hatte er unterbunden. Dabei wissen wir alle,
wie die Franzosen nach der Ablehnung der EU-Verfassung 2005 gestimmt
hätten." "Mit ,Non'!", ruft der vollgepferchte Saal wie aus einer Kehle
zurück.
Der Ex-Sozialist, der in Umfragen auf knapp zehn Prozent der Stimmen
kommt, führt aus, wie die Rechtsregierung dem Volk den Gürtel enger
schnallen wolle. Darin seien sich alle vier Spitzenkandidaten, Sarkozy,
Hollande, Le Pen und Bayrou, einig, meint Mélenchon, der nur von den
"vier Daltons der Austerität" spricht, weil bei den Comicfiguren auch
der Kleinste der Böse und der Größte der Dumme sei.
An die "Arbeiter" wendet sich Mélenchon immer wieder. So grenzt er sich
bewusst vom gemäßigt-blassen Sozialisten François Hollande ab, dem
Umfragen bis zu 30 Prozent geben. Aber Mélenchon verfolgt damit einen
weiteren Zweck. "Die Vertreter der guten parfümierten Gesellschaft
hassen das Volk, deshalb behaupten sie, alle Arbeiter seien
Le-Pen-Anhänger", meint er.
Dann greift Mélenchon die rechtsextreme Front-National-Kandidatin Marine
Le Pen frontal an. "Sie will allen Arbeitern 200 Euro mehr Lohn zahlen.
Aber schaut nur, woher sie das Geld dafür nimmt - natürlich über eine
Steuererhöhung, für die sie euch das Geld wieder aus der Tasche ziehet.
Madame Le Pen, die Arbeiter pfeifen auf Sie!"
Die Linksfront will mehr als ein Geschenk. "Wir sind alle unbeugsame
Gallier. Wir sind das Rot in der blau-weiß-roten Nationalfahne, wir sind
die Kraft der geschlossenen Faust. Europa ist derzeit ein Vulkan,
Frankreich der Krater. Es lebe die Revolution der Bürger!"
Jetzt ist Stimmung im Saal, doch Mélenchon beruhigt: "Ihr müsst mir
nicht zujubeln, ich weiß, dass ihr mich liebt. Euer Leiden ist groß, vor
allem das der Frauen in den Fabriken. Lasst euch nicht unterkriegen!"
Und nun bricht es aus ihm hervor: "Nieder mit der Prekarität, Tod der
Prekarität!" Auf der Tribüne springt eine Immigrantin aus Afrika auf und
ruft den Sitznachbarn zu: "Jawohl! Ich habe seit langem keinen Job, kein
Geld mehr. Und heute hab ich den Ausweisungsbrief des Vermieters
erhalten. Mé-len-chon!" Diese Stimme hat er sicher. (DER STANDARD-Printausgabe, 13.02.2012)