Kapelle will nicht mehr nach Nazi-Dichter heißen

12. Februar 2012, 18:29
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Musiker in Pöllau stimmten gegen "Kernstock", in Graz Zusatztafel für Kernstockgasse

Pöllau/Hartberg/Graz - Dass ein Dichter, dessen literarischer Wert von Germanisten als niedrig eingeschätzt wird und der Werke wie das "Hakenkreuzlied" schuf, noch immer geehrt wird, sorgt seit Jahren für Aufregung. Allein in der Oststeiermark ist - der zwar schon vor Beginn des NS-Regimes verstorbene, aber von den Nazis sehr verehrte - Ottokar Kernstock noch immer öffentlich verankert: durch ein nach ihm benanntes Gasthaus, ein Denkmal, einen Platz und sogar eine Kernstock-Volksschule in der Bezirkshauptstadt Hartberg - der Standard berichtete.

Doch im nahgelegenen Pöllau gibt es nun Bewegung: Die traditionsreiche Kernstock-Kapelle führte unter ihren Mitgliedern eine anonyme Umfrage darüber durch, ob man den umstrittenen Namen behalten solle. Ergebnis: Weit mehr als die Hälfte der Musiker entschied, dass man sich vom rechten Namen trennen wird. Ausschlaggebend war dafür unter anderem das Urteil des Grazer Germanisten Uwe Bauer, der meinte, Kernstock stehe "für Kriegshetze, Deutschnationalismus und damit für ein Menschenbild, das mit den allgemeinen Menschenrechten nicht vereinbar ist. Im gegenwärtigen deutschen Sprachraum wird es nur noch von den Rechtsextremen geschätzt."

Der Pöllauer Künstler Josef Schützenhöfer, dessen Mahnmal für US-Piloten, die von den Nazis in Pöllau abgeschossen wurden, letzten Sommer von Unbekannten zerstört wurde und im Juni wiedererrichtet wird, freut sich sehr: "Da ist eine neue Generation in der Kapelle, die im Sinne Europas entscheidet, nicht wie die Altnazis."

In Graz gibt es weiter eine Kernstockgasse mitten in Gries. Eine Namensänderung, der hunderte Anrainer, die Dokumente ändern müssten, zustimmen müssten, ist im zuständigen Ausschuss des Gemeinderates kein Thema mehr. "Aber eine erklärende Zusatztafel ist vom Kulturamt bereits in Auftrag gegeben", erklärt Christina Jahn, Klubchefin der Grazer Grünen, die Anträge für die Umbenennung eingebracht hatten, dem Standard. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2012)

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