Über Reichsein und Sparen

Kolumne12. Februar 2012, 18:14
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Die Sprache des Sparpakets: "Alle "den Gürtel enger schnallen", davon redet niemand mehr

Wenn es beim Budget um weniger Ausgaben ging, hat man früher einmal ganz direkt gesagt, wir müssten alle "den Gürtel enger schnallen". Davon redet niemand mehr. Denn da brachen sich die Schmerzen der Wohlstandsbürger schon über die Wörter eine Bahn.

Am "Wording" arbeiten heute Sprachbildhauer, weshalb die Medien bei der Benennung des Maßnahmenpakets von einem "Sparpaket" sprechen, die Regierungspolitiker selbst aber von einem "Konsolidierungspaket" (ÖVP) oder "Stabilisierungspaket"(SPÖ).

Jeder Ausdruck stimmt, Letztere klingen schöner. Denn "Sparen" war vor kurzem noch etwas Positives. Wer auf der Bank ein großes Sparguthaben hatte, galt als Tugendbürger.

In den 1990er-Jahren, im aufkommenden ökonomischen Neoliberalismus, gewann "Sparen" die Bedeutung von "Einsparen". Das wurde vor allem vom Staat verlangt, denn der gab zu viel aus - für seine sozialen Zuwendungen.

Jetzt in der Finanz- und Wirtschaftskrise kriegt das Wort einen radikaleren Beigeschmack. Es mutiert zu einem ideologischen Argument. Den Konservativen wird vorgeworfen, sie wollten ganze Länder "kaputtsparen" und damit erst recht in den Bankrott treiben.

Sozialliberale und Sozialdemokraten nehmen (im Blick auf ihr Theorie-Idol John Maynard Keynes) hohe Schulden in Kauf, um durch staatliche Investitionen neue Wirtschaftsleistungen zu stimulieren und durch Ermunterung zum Konsum das Steuervolumen zu erhöhen.

Folgerichtig haben Keynes-Anhänger eine positivere Vorstellung von Abgaben und sprechen daher öfter von "Steuerleistungen". Die gegen "zu viel Staat" und für "mehr privat" (Wolfgang Schüssel) kämpfenden Konservativen reden daher meist von "Steuerbelastung" - so, als gehe es nicht um die Finanzierung von Gemeinschaftsaufgaben, sondern um eine Bestrafung der "Tüchtigen" (Jörg Haider).

Um "Gerechtigkeit" herzustellen (ein liberales und christliches Bild zugleich), will die politische Linke, dass die Vermögenden "solidarisch" sind. Der Begriff der "Reichensteuer" beinhaltet jedoch eine Kampfansage, die Formulierung "Solidarabgabe" einen politischen Kompromiss.

Die von der Regierung beschlossene stärkere Besteuerung des 13. und 14. Gehalts der "Besserverdienenden" ist eine solche Kompromissformel. Dabei wird so getan, als sei steuerliche Beschneidung der beiden Zusatzgehälter ein Opfer der Betroffenen. Mitnichten. Das 13. und 14. wurden aus der Idee geboren, den Tourismus und den Geschenkkonsum zu Weihnachten anzukurbeln. Deshalb lässt man die Masseneinkommen in diesem Punkt ungeschoren und kürzt bei "den Reichen" - die deshalb nicht weniger ausgeben.

Das Wort "arm" hat jeden Bezug zur Askese verloren, "reich" wurde völlig ans Geld geknüpft und damit dem Neid ausgeliefert. Die deutsche, momentan in den USA forschende Linguistin Elisabeth Wehling hat darauf hingewiesen, dass solche Verengungen auch Gefahren bergen. Denn man kann "reich an Erfahrung" sein, und der "Staatsreichtum" ist erstrebenswert für alle. Gerade in der Krise.  (DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2012)

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