Die Wiener Austria ist frisch aus der Winterpause gekommen und hat Ried souverän mit 2:0 geschlagen. Ivica Vastic feierte somit ein gelungenes Debüt als Cheftrainer
Wien - Es gibt gewiss Spektakuläreres, als Ivica Vastic bei der Arbeit
zuzuschauen. Er stand einfach nur dickvermummt in der Coachingzone und
schien darauf bedacht zu sein, die weißen Begrenzungslinien nicht zu
überschreiten. Schließlich könnte nach so einer Schandtat der Fall
eintreten, dass der Schiedsrichter dahergelaufen kommt und maßregelnde
Worte spricht. Darauf legt der 42-jährige Vastic echt keinen Wert.
Natürlich ist er vor seinem Debüt als Cheftrainer der Wiener Austria
"positiv angespannt" gewesen. "Aber ich wusste, dass die Vorbereitung
gut war."
Ein bisserl bewegt hat er sich ja. Vermutlich aus medizinischen Gründen.
Denn wer friert schon gerne am 11. Februar 2012 in der Generali Arena
ein? Zwei Schritte nach rechts, drei nach links, vier zurück, fünf nach
vor. Ein paar händische Anweisungen. Abklatschen mit frisch
ausgetauschten Spielern, zwei Umarmungen mit Co-Trainer Manfred Schmid.
In der neunten und 84. Minute. Nach den beiden Toren von Alexander
Gorgon gegen Ried. Da kann man durchaus die Sau rauslassen, zum
Temperamentbündel mutieren.
Richtig gepokert
"Ich bin sehr zufrieden", sagte Vastic unaufgeregt. "Fußball ist ein
Pokerspiel." Dabei hat er nicht hoch gepokert, nur richtig aufgestellt.
Der von Sturm Graz geholte Roman Kienast wird im Laufe der Zeit noch
besser stürmen, das 1:0 hat er mit einer famosen Flanke vorbereitet. Der
23-jährige, im rechten Mittelfeld tätige Gorgon vollierte den Ball ins
Netz. "Ich habe einfach draufgehauen." Der Australier James Holland
erledigte den Part im defensiven Mittelfeld solide. Auffallend war das
geordnete Verhalten in der Abwehr, Ried wurde maximal eine Torchance
gestattet. Trainer Paul Gludovatz: "Wir hätten noch fünf Stunden spielen
können und nicht getroffen." Das wollte aber nicht einmal Gludovatz.
Der Trainereffekt ist im Fußball statistisch nicht nachweisbar.
Vielleicht war es trotzdem einer. Manuel Ortlechner, Innenverteidiger
und Kapitän, über die Neuerungen unter Vastic beziehungsweise den
Unterschied zu Karl Daxbacher: "Er ist wahnsinnig detailverliebt."
Vastic glaubt, das Hauptproblem der Austria erkannt zu haben. "Die
Linien standen zu weit auseinander, Harmonie und Abstimmung fehlten. Wir
waren für Konter anfällig." Also ist die Austria näher zusammengerückt.
Psychisch wie physisch. Ortlechner: "Ich bin stolz auf die Mannschaft.
Es ist eine Ehre, Kapitän sein zu dürfen. Aber keine Sorge, ich hebe
nicht ab, bleibe der ganz normale Ortlechner."
Linz verpokert
Der von den Kollegen abgewählte Roland Linz, immerhin Schützenkönig der
Vorsaison, saß wie angekündigt nur auf der Tribüne. Er wird sich an
diese Rolle möglicherweise gewöhnen müssen. Wobei Vastic die Tür nicht
zuschlägt: "Jeder kann sich aufdrängen. Aber wer gewinnt, hat immer
einen Vorsprung auf die anderen."
Am Samstag steigt im Happel-Stadion das 300. Derby gegen Rapid. Vastic
wird bis dahin tüfteln, ins Detail gehen. Als ehemalige Offensivkraft
wisse er, "dass der Erfolg nur über die Defensive klappen kann. Es ist
nicht nur der wichtig, der das Tor schießt." Vastic lobte trotzdem
Gorgon ausdrücklich, schließlich hat er zwei Tore geschossen: "Er ist
willig, risikofreudig, temporeich." Natürlich freue er sich aufs Derby.
Und weil mit Vastic ab und zu das Temperament doch durchgeht, sagte er:
"Ich freue mich sogar sehr."(Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, 13.02.2012)