Freudlose Tugend

12. Februar 2012, 17:48
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Studie sieht Enthaltsamkeit, extreme Diät und Fitnessprogramme als ideal für ein langes Leben

Sir Clement Freud, ein Enkel Sigmunds und Bruder des Malers Lucian, gilt den Briten als Vorbild für die freudvolle Bewältigung des Lebens. Von dem legendären Profikoch, Wirt, Restauranttester und Pferdewetter ist ein Bonmot überliefert, das man als Gegengift bei allzu tugendhaften Anwandlungen nah am Herzen tragen sollte: "Wer das Rauchen, Trinken oder Lieben aufgibt, wird deshalb nicht länger leben", sagt Freud, "es wird ihm bloß länger vorkommen."

Das dürfen sich die Kollegen von der angesehenen Wissenschafts-Publikation Nature hinter die Ohren schreiben. Mitten im Fasching veröffentlichen sie eine Studie, die Enthaltsamkeit, extreme Diät und ebensolche Fitnessprogramme als Idealvoraussetzungen für ein langes Leben festschreibt. Als ob das nicht bis Aschermittwoch hätte warten können!

So nämlich hinterlässt die Studie der Uni Texas einen ziemlich sauertöpfischen Nachgeschmack: Ein Leben zwischen permanenter Hungerkur und straffem Fitnessdrill soll demnach erheblich länger dauern können. Irgendwie bezeichnend: Der durch solch asketischen Lebenswandel aktivierte Zellprozess wird als Autopha-gie (griech. "Selbstverzehr") bezeichnet.

Wen derlei Tugendextremismus nicht locken mag, der kann es ja Clement Freud gleichtun. Allerdings: Viel und stets ordentliches Essen sowie reichlich guter Wein setzten ihm mit 84 ein Ende! (DER STANDARD-Printausgabe, 13.2.2012)

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