Der Tiroler Vinzenz Hörtnagl war der stärkste Mann Österreichs. Später widmete er sich dem Schmiedehandwerk und machte aus einer kleinen Quetsche in Fulpmes ein europäisches Unternehmen
Fulpmes - Vergleichsweise ist er ein Strich. Jedenfalls verglichen mit
jenem Bild, das man mit sich herumträgt seit 35 Jahren. Dieses Bild
zeigt einen Bären von einem Mann, Oberschenkel wie Baumstämme, Arme wie
Hämmer, einen also, von dem man nicht umsonst sagt, er könne Bäume
ausreißen. "Nein", sagt Vinzenz Hörtnagl, "der Vinzenz Hörtnagl bin ich
nicht mehr."
Das liegt nicht allein am Alter, fast 64 ist er mittlerweile. Der
Kraftsportler hat seinen Körper halt umgestellt. Jetzt ist er ein
Ausdauermensch, Radler. Aber nicht so, wie unsereins vielleicht fährt
oder strampelt. Hörtnagl sucht immer noch das physische Limit, "im
Zeitfahren bin ich ganz gut".
Kann aber auch ganz gut sein, dass diesbezüglich noch Luft nach oben
ist. Denn jetzt könnte Vinzenz Hörtnagl ja das Training intensivieren,
"jetzt bin ich in Pension". Behauptet er jedenfalls. Aufgestöbert hat
der Standard den Vinzenz Hörtnagl allerdings schon in seiner
mittlerweile übergebenen Firma in Fulpmes, der Ernst Hörtnagl & Söhne
GmbH.
Kuhglocken
Und die, die Firma, ist die eigentliche Geschichte des Vinzenz Hörtnagl.
Gestemmt hat er im Grunde immer nur nebenher. Er allein, erzählt er,
hätte wohl schon leben können vom Sport - er war ja immerhin einer der
weltweit Besten -, aber die Familie schon nicht mehr. Und also übernahm
er 1968, zwanzig war er da, den väterlichen Kunstschmiedebetrieb, in dem
er - "mit einem Arbeiter" - Kuhschellen herstellte. Und Souvenirs.
Nebenher wurde Vinzenz Hörtnagl 21-mal österreichischer
Gewichtheber-Staatsmeister. Er war der erste Österreicher, der die 200
Kilogramm zur Hochstrecke gebracht hat, der erste, der im Zweikampf -
Reißen und Stoßen zusammengerechnet - mehr als 400 Kilogramm gestemmt
hatte. Zweimal reiste er zu Olympischen Spielen. In Montreal 1976 wurde
er 13., vier Jahre später, in Moskau, Fünfter. Ein paar Jahre hindurch
war er der stärkste Mann außerhalb des Ostblocks.
Ölschock
In diese sportlich so hochaktive Zeit, die Siebzigerjahre, fiel der
erste Ölschock, der auch die Kunstschmiedebranche in Mitleidenschaft
gezogen hat. "Die Souvenirs konnten wir nicht mehr verkaufen. Und so
sind wir in die Heizungsbranche gekommen."
1980 begann Vinzenz Hörtnagl mit der Produktion von Heizungsrohren und
Heizkörperaufhängungen. 1984 stellte er die Erzeugung von Kuhglocken
ein, verlegte sich stattdessen auf Kachelofenzubehör und wenig später
auf die Erzeugung von Heizkaminen.
Daheim ist Vinzenz Hörtnagl im Stubaital, in Fulpmes. Physisch.
Geschäftlich allerdings ist er in ganz Europa zu Hause. Hörtnagl war
einer, der die Gunst des historischen Moments am Ende der 1980er-Jahre
nutzte. Heute produziert die Ernst Hörtnagl & Söhne an drei Standorten,
neben Fulpmes auch im ungarischen Esztergom und dem deutschen Chemnitz,
für dessen Stemmerverein der Österreicher Matthias Steiner Olympiasieger
wurde. "Leider halt deutscher."
Der 63-jährige Hörtnagl kennt Chemnitz auch unter dem Namen
Karl-Marx-Stadt. "Ich muss auch sagen", sagt er, "dass mir meine
sportlichen Kontakte im Osten auch geschäftlich geholfen haben."
Besonders gute Kontakte hatte er zum polnischen Verband, weshalb es ihm
naheliegend schien, dorthin zu expandieren. Das polnische Werk stieß
freilich bald an seine Leistungsgrenze, sodass er den Wechsel nach
Ungarn wagte, direkt an die Donau, in die alte Bischofstadt Esztergom.
Das war 1994, als in Ungarn alles noch voller Hoffnung war.
Ernst
Hörtnagl & "Söhne"
Dass das jetzt nicht mehr so ist, so hoffnungsvoll, weiß Hörtnagl
natürlich, auch wenn seine Firma von den magyarischen Fisimatenten kaum
betroffen ist. Im Gegenteil: "Wir zahlen die Löhne in Forint und
verkaufen in Euro." Das Heizungszubehör geht in der Hauptsache in den
Export, was dann freilich auch der ungarischen Ökonomie zugute kommt.
Oder zumindest käme, wenn man versucht, die Lage realistisch
einzuschätzen.
Der Stemmer glaubt, und damit ist er keineswegs alleie: "Früher hatten
wir es leichter." Das betrifft nicht nur die Lage in Ungarn, die
Umstände einer Betriebsgründung. Aber das alles meint er damit auch.
Kann sein, dass er deshalb damit begonnen hat, sich aus dem Geschäft
zurückzuziehen. "Computer sind nicht so meines." Aber natürlich sind
Computer das Um und Auf.
Sechs Söhne hat der Vinzenz Hörtnagl, mit seiner zweiten Frau hat er
noch einen Nachzügler bekommen, der ist jetzt 13. Die Söhne in Ernst
Hörtnagl & Söhne passen dennoch nicht ganz. "Ich hab die Firma einem
Sohn übergeben, dem, der mir am geeignetsten erschienen ist." Allfällige
Streitereien sollen so vermieden werden.
Zufriedenheit
Er selber, der Alte, ist "zufrieden". Das erwähnt er mehrmals. "Sehr
zufrieden. Mir geht es gut." Mit 40 hat er mit dem Golfen angefangen.
Mit 51 mit dem Radfahren, da fährt er bei den Senioren immer noch an der
Spitze.
Seinem alten Sport, dem Stemmen, ist er als Sponsor weiterhin verbunden.
Sonst eher nicht. Als Verbandspräsident hat er sich einmal beworben,
2009 war das. Geworden ist er es nicht, "da waren die Wiener stärker".
Den Eindruck, dass er dies bedauert, erweckt Vinzenz Hörtnagl nicht.
"Eigentlich bin ich froh, dass ich es nicht geworden bin."(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 13.02.2012)