Golfmobile statt Enkelkinder

Reportage12. Februar 2012, 17:12
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Auf den Straßen fahren Golfcarts statt Autos und Kinder sind nur 30 Tage im Jahr erlaubt: In der Rentnerkolonie Sun City soll Altsein schön sein

An Sun City fand John Bowker Gefallen, als er eine auffällige Radioantenne über den schlichten Bungalows aufragen sah. Da hatte er seine Hobbyfunker gefunden, Gleichgesinnte zum Fachsimpeln. Johns Gattin Linda entdeckte beim selben Ausflug zufällig einen Nähklub, und damit war es entschieden: Die beiden zogen aus dem winterkalten New Jersey ins sonnige Florida - in eine Retortenstadt, in der nur ein Haus kaufen darf, wer mindestens 55 ist.

In Sun City folgt man der Philosophie, dass Altsein eine schöne Sache sein kann. Dafür ist Sun City berühmt geworden: Eine Stadt der Aktiven, 1961 vom Bauunternehmer Del Webb eingeweiht, perfekt ausgerichtet an den Bedürfnissen älterer Menschen. Mittlerweile leben in den USA Hunderttausende in solchen Enklaven. Sun City war eine der ersten, ein Experiment.

Eisstockschießen ohne Eis

Keines der sechstausend Häuser hat eine zweite Etage, was das Treppensteigen erspart. Im Zentrum gibt es Fitnessräume, Schwimmbecken und Betonbahnen, auf denen man Shuffleboard spielen kann, ein entfernt an Eisstockschießen erinnerndes Spiel, nur ohne Eis. Palmengesäumte Alleen winden sich um künstliche Seen, um Golfplätze mit welligen Wiesen auf den künstlichen Hügeln.

Im Telefonbuch steht auch, woher einer stammt und welchen Beruf er ausübte - so können Bahningenieure oder Bostoner Lokalpatrioten einander gezielt kontaktieren. Was es nicht gibt, sind Kinderspielplätze. Die Enkel dürfen nur an 30 Tagen im Jahr zu Besuch kommen, wenn möglich nicht außerhalb der Schulferien.

Keine Politik im Lokalblatt

Karen Jones, Herausgeberin der Lokalzeitung, blendet alles aus, was mit dem Leben vor den Toren Sun Citys zu tun hat, speziell mit dem politischen Leben. Sie druckt Ratschläge zur Abwehr von Telefonbetrügern und Leserfotos von Urlaubsreisen, von der Großen Mauer in China und den Pyramiden Ägyptens.

Dafür steht im Lokalblatt keine Zeile über das Duell Barack Obamas mit den Konservativen. Zwar unterhalten sowohl Demokraten als auch Republikaner ihren eigenen Club, aber strikt außerhalb der Gemeindegrenzen. Nichts soll die Fassade schönster Harmonie stören.

Wirtschaftskrise

Doch auch Sun City bleibt von der Gegenwart nicht verschont: Als vor fünf Jahren die Immobilienpreise auf Talfahrt gingen, in Florida noch rasanter als anderswo, begann hier das große Zittern. Manche Bewohner arbeiten selbst noch mit 75, weil sie, zumindest auf dem Papier, viel Geld verloren haben. Und dann gibt es Leute wie John Bowker, der seine Hände einfach nicht in den Schoß legen kann. Eine Zeit lang lenkte er sogar einen der Rettungswagen der freiwilligen "Emergency Squad". "Aber an deinem 76. Geburtstag sagen sie dir, hey, das ist jetzt wirklich keine gute Idee mehr. Also habe ich aufgehört."

Golfmobil fährt er immer noch. Das elektrisch angetriebene Cart ist das Erkennungszeichen der Stadt. Vor Weihnachten werden sie geschmückt - als Boot, als Kirchenaltar, als Lokomotive - das schönste wird von einer Jury gekürt.

Golfcarts auf den Straßen

Anfangs durfte man darin nur auf den Wegen fahren, nicht auf der Straße, was mühsam war. Also erklärten die Bewohner dem zuständigen Inspektor, man könne manche der elftausend Sun-City-Bewohner nicht mehr hinters Lenkrad eines Autos lassen, wohl aber hinters Steuer eines Golfcarts. Bald surrten die Elektrokarren auch auf Straßen. Zuerst nur in der Rentnerstadt, dann durfte auch der nächste Walmart-Supermarkt jenseits der Ortsschilder angesteuert werden. Walmart hat die billigste Apotheke und ist somit unverzichtbar.

Den härtesten Strauß aber haben Sun Citys Bewohner wegen des örtlichen Spitals ausgefochten. Es wollte die Pforten schließen, denn Rentner sind keine lukrativen Patienten. "Zwei Jahre haben wir uns kräftig ins Zeug gelegt, und nun behalten wir unser Krankenhaus", sagt einer, und klingt so erleichtert wie ein Profiboxer nach zwölf Runden. (Frank Herrmann aus Sun City, DER STANDARD-Printausgabe, 13.2.2012)

  • Ein Parkplatz in der Rentnerstadt Sun City. Anfangs durften die Golfcarts nur innerhalb der Stadtgrenzen auf der Straße fahren, nun ist auch ein Ausflug zur nächsten Apotheke erlaubt.
    foto: standard/herrmann

    Ein Parkplatz in der Rentnerstadt Sun City. Anfangs durften die Golfcarts nur innerhalb der Stadtgrenzen auf der Straße fahren, nun ist auch ein Ausflug zur nächsten Apotheke erlaubt.

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