Wahl in Turkmenistan

Das Problem mit der Übergabe der Macht

Interview | André Ballin, 12. Februar 2012, 16:47
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    Präsident Berdymuchammedow wird Staatschef bleiben.

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    Experte Danil Kislow bezeichent die Wahl als Farce.

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Danil Kislow meint, die Wahl in Turkmenistan sei eine reine Farce

Moskau/Aschchabad - In Turkmenistan wird gewählt, doch die Wahl ist reine Farce, meint der Zentralasien-Experte Danil Kislow. Mit dem Standard hat er über die Regime in Zentralasien und deren Perspektiven gesprochen. Das Interview führte André Ballin.

***

Standard: In Turkmenistan wird gewählt. Wer gewinnt?

Kislow: Ganz klar: Amtsinhaber Gurbanguly Berdymuhammedow. Wenn bei den jüngsten Parlamentswahlen in Kasachstan zumindest so etwas wie die Imitation von Wahlen geschaffen wurde, mit Wahlbeobachtern und - wenn auch aufgezeichneten - TV-Debatten der Parteien, so sind die Wahlen in Turkmenistan ein absolutes Theater. Der Präsident hat seine sieben Gegenkandidaten ernannt und Jeder versteht, dass sie völlig unbekannt und unbedeutend

Standard: Es sind bestellte Beamte?

Kislow: Genau, es sind Beamte, die niemand kennt, weil es kein politisches Leben gibt. Außer dem Präsidenten tritt niemand im Fernsehen oder der Öffentlichkeit auf. Die Wahlen sind daher absolute Attrappe. In Turkmenistan ist nicht nur die Opposition ausgelöscht, es fehlen neben dem Präsidenten überhaupt irgendwelche der Öffentlichkeit bekannten politischen Figuren. Wer Minister oder Parlamentschef ist, wissen nur Eingeweihte.

Standard: In Kasachstan gab es zwar Proteste vor den Wahlen, doch nach den Wahlen war es ruhig. Auch in Turkmenistan sieht die Lage äußerlich stabil aus. Stimmt das?

Kislow: Die Wahlen werden kein Grund für einen Aufstand dort sein. Unseren Informationen nach hat das Volk in Kasachstan nicht gewählt. Nur ein Viertel oder maximal ein Drittel der Wahlberechtigten hat abgestimmt. Das war in Almaty gut zu erkennen, wo es viele Wahlbeobachter gab, und es deshalb schwieriger war zu manipulieren. Die offizielle Wahlbeteiligung dort lag bei 29 Prozent. Das bedeutet, dass dem Volk diese Wahlen völlig gleichgültig sind. Sie glauben nicht daran, dass sich dadurch etwas ändert. Und so ist es auch, denn das Ergebnis stand schon vorher bis ins Detail fest.

Die Präsidentenwahlen in Turkmenistan sind genau so illegitim wie die Parlamentswahlen in Kasachstan. Aber Aufstände wird es deswegen in Aschchabad nicht geben. Die Gesellschaft ist unterdrückt, depolitisiert. Es gibt keine Moral und kein Selbstbewusstsein. Die Gesellschaft interessiert sich nicht für Politik. Es gibt keine Informationen, kein Internet, nichts, was das Interesse der Menschen an der Politik wecken könnte.

Standard: Welche politischen Prozesse vollziehen sich derzeit in Zentralasien oder lässt sich das nicht verallgemeinern?

Kislow: Es gibt Gemeinsamkeiten, die sich auch auf Russland und Aserbaidschan erstrecken. Das ist die Hälfte der ehemaligen Sowjetunion, die nach Osten schaut. Bei all den Regimen ist eine Degradierung der politischen Führung zu erkennen, die sich auf eine Konservierung der Macht ohne jegliche Modernisierung fokussiert. Interessant dabei ist, dass die Obrigkeit in diesen Ländern gebetsmühlenartig die Worte Modernisierung, Liberalisierung und Demokratisierung wiederholt. Doch es bleibt beim Wort.

Standard: Was für eine Art Regime herrscht denn in den zentralasiatischen Republiken?

Kislow: Diese Systeme kann man heute als feudalen Kapitalismus bezeichnen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind viele Länder ihrer Verwaltungsstruktur nach ins 18. Jahrhundert zurückgekehrt, in eine Zeit, bevor sich das Russische Imperium dort ausbreitete. Damals wie heute ernennt der Emir (heute Präsident) seine Anführer zu Oberhäuptern der Regionen. Die regieren dort willkürlich und pumpen Geld ab. Die Elite ist allein damit beschäftigt, Geld aus der Wirtschaft, den Rohstoffeinnahmen und dem Volk herauszuziehen, um damit ihre eigene Sicherheit zu stärken und das Regime zu festigen.

Standard: Sind die Regime überlebensfähig?

Kislow: Die mangelnde Wandlungsfähigkeit ist eine Bedrohung für die politischen Regime selbst. Dass das gefährlich ist, zeigen die zwei Revolutionen in Kirgisien. Kirgisien gilt als das demokratischste Land, doch auch dort war die Führung damit beschäftigt, die wenigen Ressourcen unter sich aufzuteilen. Das vom Handeln der Elite aufgebrachte Volk hat diese gestürzt. Ähnliches ist heute ja in Moskau auf dem Bolotnaja-Platz zu sehen. Der Unterschied zwischen Moskau und Bischkek besteht darin, dass in Kirgisien die ungebildete Unterschicht auf die Straße geht, während es in Russland das Bildungsbürgertum ist. In praktisch jeder zentralasiatischen Republik kann es zu einem blutigen Konflikt zwischen Volk und Obrigkeit kommen.

Standard: In Usbekistan wurde ein solcher Aufstand ja 2005 brutal niedergeschlagen. Derzeit ist ein Szenario für einen „arabischen Frühling nicht zu erkennen. Wie sehen die Perspektiven der zentralasiatischen Regime aus?

Kislow: In Usbekistan wird es wie in Turkmenistan ohne arabischen Frühling und gravierende Veränderungen abgehen. Die Geduld des Volkes ist hoch. Präsident Islam Karimow ist noch recht rüstig und doch fürchten seine Anhänger schon fünf bis sieben Jahre, dass er plötzlich stirbt. Das ist das eigentlich größere Problem: In den zentralasiatischen Ländern fehlt ein Modell zur Machtübergabe. Jedes System braucht ein solches Modell. In Asien ist der traditionelle Weg eine Dynastie. Nur: Kasachstans Präsident Nasarbajew hat drei Töchter und einen noch ganz kleinen Sohn von seiner zweiten Frau. Usbekistans Präsident Karimow hat zwei Töchter. Aber in den Ländern wird keine Frau Präsidentin. (derStandard.at, 12.02.2012)


Zur Person: Danil Kislow, geboren in Fergana (Usbekistan), lebt seit 1995 in Moskau. Leiter der auf Zentralasien spezialisierten Nachrichtenagentur Fergana

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17 Postings
Alp Arslan
00
13.2.2012, 13:33
Turkrepubliken - Russische (Sowjetische) Vorherrschaft!

In den von der UdSSR unabhängig gewordenen Turkrepubliken, Azerbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan Usbekistan und Turkmenistan herrschen ehemalige Mitglieder des Politbüros der KPdSU.

In Azerbaidschan Hayder Aliyev, Mitglied der Kommunisten Partei, der bereits verstorben ist, aber sein Sohn Ilham Aliyev herrscht weiter.

In Kasachstan herrscht weiterhin Nursultan Abischewitsch Nasarbajew, Generalsekretär der KPdSU der Sowjetrepublik Kasachstans!

Almasbek Atambajew, der kirgisische Präsident, war als Ingenieur für die Sowjets tätig!

Der usbekischer Präsident Islom Karimov war sowjetischer Parteisekretär in Usbekistan!

In Turkmenistan wurde der verstorbene Nijasow damals von Gorbatschow zum Präsidenten bestellt!

Somit herrscht Russland!

Markus Miller 2
00
13.2.2012, 04:42
Der Turkmenbashi war doch der coole

Geistesgestörte, der die Monate nach seinen Kindern umbenannte. War also nicht Jänner, Februar.... sondern Fraunz, Kurtl und so....

Alp Arslan
00
13.2.2012, 13:22
Nein,...

das war der 2006 verstorbene Saparmurat Atajewitsch Nijasow. 2008 wurden die alten Namen wiedereingeführt.

VS.
04
12.2.2012, 22:50
Sehr spannendes Interview zu einer oft vernachlässigten Region

danke. mehr davon!

Gesetzgeber
01
12.2.2012, 22:40
Interessant ist ja auch die Rolle von Siemens und dergleichen im Land der Ruchnama

Abhörgerätschaften und Folterinstrumente boomen richtig. Da sind deutsch/österreichische Firmen ganz vorne dabei.

K 3
00
13.2.2012, 01:47

Turkmenistan ist bei uns unbekannt gewesen. Nur Hitler erwähnte in den von den sowjetischen Besatzungsmächten veröffentlichten Protokollen aus seinem Führerbunker, daß es zum Beispiel ein völliger Unsinn sei, die Bulgaren als Slawen zu bezeichnen, da sie turkmenischen Ursprungs seien. Dies war das erste mal, daß wir etwas von Turkmenen zu lesen bekommen hatten.

Und jedem seine eigene Busspur
04
13.2.2012, 05:30
oh, schön Nachrichten aus dem Führerbunker

lange still gewesen. Ein Wunder dass Sie noch leben...

Muh Kuh
 
00
12.2.2012, 23:03
... und unser "sozialdemokratischer", ach so intellektueller Ex-Gusi "berät" ja wiederum in Kasachstan den dortigen Potentaten.....

shaki1
04
12.2.2012, 22:31

Wurde das Roß schon zum Konsul ernannt?

Müllers Mops
00
12.2.2012, 23:25
Glaub ich nich. Einen Konsul kriegen sie günstiger ;)

Rumo von Zamonien
00
12.2.2012, 21:50
Die wahre Sensation war doch

das der Vorgänger des Zahnarztes, Herr Saparmyrat Nyýazow aka Saparmurat Turkmenbaschi der Große, trotz verkündeter Unsterblichkeit aus der Mitte seines schockierten Volkes gerissen wurde.

Nachdem er Kinos, Oper, Ballett und Zirkus verbieten ließ und alle öffentlichen Bibliotheken geschlossen wurden.

der schwitzbär der schwitzt sehr
02
12.2.2012, 17:53
"Wahlbeteiligung 29% - das bedeutet, dass dem Volk diese Wahlen völlig gleichgültig sind"

ja genau

Ich sag auch immer, diese Diktaturen gehören weg

Wahlbeteiligung zum EU-"Parlament":

Ö: 46% nach 42%, D: 43%, FR: 40%, Finnland: 40%, UK: 39%, Portugal: 37%, CZ: 28%, Slo: 28%, Polen: 24%, Lett: 21%, Sl: 19,6%

Ich bin da ganz auf Seiten des Herrn Kislow.

Karl Labruni
02
12.2.2012, 17:24
Wir sind auch auf dem Weg genau dorthin!

banditsteve
01
12.2.2012, 17:32

warum ?

Weil der Faymann auch nur 2 Töchter hat ?

Karl Labruni
00
12.2.2012, 17:47
Ja!

K 3
00
12.2.2012, 20:24

Aus Turkmenistan gibt es noch Daten aus den 1980er Jahren über Frauen vom Forschungsdienst für Frauen und Gesellschaft aus Hannover. Zwar weiss ich nicht, wie man zu den Daten damals gekommen war, aber damals scheint der Informationsfluß hervorragend funktioniert zu haben.
Wird wohl nur ein Zufall gewesen sein ?
http://derstandard.at/132850756... u-in-Brand

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