Eine Überdosis Lärm

12. Februar 2012, 17:24
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Studien belegen, dass vor allem empfindliche und ältere Menschen Herz- und Kreislaufschäden durch zu viel Dezibel erleiden können

Es ist nicht einfach für einen Großstadtmenschen, wirkliche Stille zu finden. Immer hängt ein leichtes Dröhnen von Autos oder Flugzeugen in der Luft. Ruhe ist Mangelware, Krach alltäglich. "Lärm ist ein unterschätztes Gesundheitsrisiko", sagt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. Rund 20 Prozent der EU-Bürger sind langfristig einem zu hohen Schallpegel ausgesetzt, sagt der an der Med-Uni Wien tätige Experte, "und diese Zahl betrifft nur den Umweltlärm." Eine Lärmbelastung im Beruf kommt für viele noch dazu. In Österreich fühlen sich 39 Prozent der Bevölkerung in ihren Wohnungen durch Krach gestört, elf Prozent stark oder sehr stark. Die wichtigste und am weitesten verbreitete Lärmquelle ist seit Jahrzehnten der Straßenverkehr.

Die genaue Beurteilung der Problematik hat allerdings Tücken. Was den einen belastet, muss den anderen nicht stören. Dementsprechend sind Schallpegel nicht unbedingt das Maß der Dinge.

Auf Herz und Nerven

Lärm kann aber krankmachen. 60 Dezibel (dB) Dauerschallpegel am Tag sind eine kritische Grenze, sagt Hutter. "Das Bluthochdruck- und Herzinfarkt-Risiko steigen ab diesem Wert deutlich an." Es gebe Hinweise, dass auch niedrigere Dauerpegel Schäden verursachen können, so der Umweltmediziner. "Gerade der Umweltlärm versetzt das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems in Richtung Aktivierung." Der Körper wird in erhöhte Aufmerksamkeit versetzt, es kommt zur Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol, die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen, eine Gefahr, wenn dies zum Dauerzustand wird.

Lärm verursacht auch Schlafstörungen, beeinträchtigt den Hormonhaushalt und somit den Stoffwechsel. Der Blutzucker steigt, ebenso die Konzentrationen von freien Fettsäuren und Cholesterin im Blut - eine weitere Bedrohung für Herz und Gefäße. Auch das Immunsystem wird durch die hormonellen Verschiebungen negativ beeinflusst.

Eine neuere dänische Untersuchung hat zudem erstmalig einen Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und Schlaganfallrisiko nachgewiesen. Den Daten einer Langzeit-Gesundheitserhebung mit mehr als 57.000 Teilnehmern zufolge laufen Menschen ab einem Alter von 64,5 Jahren eine statistisch deutlich höhere Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden, wenn sie an ihrem Wohnort Verkehrslärm ausgesetzt sind. Ab 60 Dezibel steigt das Risiko um 27 Prozent für jede zehn dB mehr (vgl.: European Heart Journal, Bd. 32, S. 737). Bei jüngeren Personen ließ sich kein solcher Einfluss feststellen.

Die genauen Ursachen der vermehrten Schlaganfall-Rate konnten noch nicht geklärt werden, doch man müsse sie womöglich vor allem in der Nacht suchen, meinen die dänischen Forscher. Ältere Menschen neigen zu fragmentiertem Schlaf, erklärt Mette Sørensen, Humanbiologin am Institut für Krebs-Epidemiologie in Kopenhagen und Erstautorin der Studie. "Das macht sie eventuell anfälliger für Störungen durch Lärm." Die Senioren selbst müssen dies nicht einmal bewusst wahrnehmen, weil sie nicht aufwachen, meint Sørensen. Dennoch könnten vor allem die Tiefschlafphasen beeinträchtigt sein. "Und genau da erholt sich der Körper."

Die Auswirkungen von Lärm am Arbeitsplatz sind für Industriearbeiter, Straßenbauer und ähnliche Berufe gut erforscht. Seit einigen Jahren ist allerdings noch ein ganz anderes Arbeitsumfeld als lärmbelastet in die Diskussion geraten: das Großraumbüro. Immer wieder klagen Angestellte über Konzentrationsstörungen und Gesundheitsbeeinträchtigungen, die angeblich mit der täglichen Tätigkeit in solchen Räumen verbunden seien. "Man weiß, dass Großraumbüros eine Menge Probleme mit sich bringen", sagt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. Deren wissenschaftlicher Nachweis ist schwierig. Bisherige Untersuchungen haben widersprüchliche Ergebnisse gebracht.

Im Rahmen einer - ebenfalls dänischen - Studie aus dem Jahr 2009 testeten Wissenschafter den Einfluss von simuliertem Bürolärm auf die Leistungsfähigkeit und die Stressreaktionen von zehn Frauen. Die Probandinnen sollten Computeraufgaben lösen und waren dabei zeitweise einem Lärmpegel von 65 dB mit Spitzenwerten bis zu 83 dB ausgesetzt. Die Auswertung der Ergebnisse zeigten trotz Krachs keine signifikante Beeinträchtigung. Auch die körperlichen Messwerte ließen nicht auf einen erhöhten Stress-pegel schließen, die Cortisol-Konzentration im Speichel stieg nicht wesentlich an. Erstaunlicherweise beobachteten die Wissenschafter bei den büroerfahrenen Testpersonen unter simulierten Lärmbedingungen sogar eine leichte Senkung der diastolischen Blutdruck-Messwerte. Gleichzeitig meldeten die Frauen ein stärkeres Gefühl der Erschöpfung "im Kopf" (vgl.: International Archives of Occupational and Environmental Health, Bd. 82, S. 631).

Mangelndes Wohlbefinden in Großraumbüros ist nicht nur von Lärm abhängig, sondern auch von Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Einschränkung der Privatsphäre, betont Hutter. Das alles wirkt sich negativ auf die Leistungsfähigkeit und die Arbeitszufriedenheit aus. "Der Lärm ist dann ein zusätzlicher Belastungsfaktor." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 13.02.2012)

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    Dauerbeschallung schlägt sich aufs Gemüt: vor allem nachts, wenn der Lärm die Tiefschlafphasen stört. Doch auch Lärm tagsüber am Arbeitsplatz treibt Stresshormone in die Höhe. Für die Wissenschafter sind die Belastungen in Großraum- büros ein neues Forschungsfeld.

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