Proteste gegen Spardiktat

"Schlinge um Portugals Hals entfernen"

Jan Marot, 12. Februar 2012, 17:45

Wie in Griechenland wächst in Portugal und Spanien der Widerstand gegen den von der EU-Troika verhängten Sparkurs

Beim größten Protest der letzten drei Dekaden mobilisierte die kommunistische Gewerkschaft Portugals, die CGTP, am Samstag rund 300.000 Menschen in Lissabon gegen die rigorose Sparpolitik des konservativen Premiers Pedro Passos Coelho und seiner Sozialdemokratischen Partei (PSD).

"Man muss die Schlinge um Portugals Hals entfernen, damit der Staat wieder atmen, arbeiten und leben kann", forderte CGTP-Generalsekretär Arménio Carlos am zentralen Platz Praça do Comércio: "Sparen schafft keinen Wohlstand!" 400.000 Portugiesen leben vom Mindestlohn von 434 Euro monatlich, die Armutsgrenze liegt bei 432 Euro, klagte Carlos über steigende soziale Not.

Premier Passos Coelho sucht derweil in erster Linie die Zustimmung der Troika, bestehend aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds. Im Vorjahr wurde ein 78-Milliarden-Euro-Rettungspaket ausgehandelt. Diese Woche werden die Fortschritte des vermeintlichen Musterschülers evaluiert.

Mit ambivalentem Erfolg wurde das 13. und 14. Gehalt einbehalten, die Mehrwertsteuer angehoben, Gehälter und Pensionen gekürzt sowie Urlaubs- und Feiertage gestrichen. Damit dürften die Defizitvorgaben aber übererfüllt worden sein. Statt eines geplanten Abgangs von 5,9 Prozent soll nun bereits 2011 der eigentlich für 2012 anvisierten Zielwert von 4,5 Prozent Defizit erreicht worden sein.

Gleichzeitig stieg die Staatsverschuldung Portugals auf zuletzt 110 Prozent des BIP. Das ist deutlich weniger als in Griechenland, doch ist die Privatverschuldung Portugals höher als jene der Hellenen.

Keinesfalls stehen laut Finanzminister Vitor Gaspar Neuverhandlungen des Troika-Paktes zur Debatte. Auch wenn ihn der Fernsehsender TVI am Donnerstag in Brüssel beim Plausch über Gegenteiliges mit dem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble belauscht haben will.

Auch halten sich Gerüchte, Lissabon würde zusätzliche Gelder oder gar einen Schuldenschnitt nach Klärung des Griechen-Dilemmas benötigen. Gaspar will darum "rasch und vehement die Budgetkonsolidierung vorantreiben". Zu wenig, meint Antonio Saraiva, Präsident von Portugals Industriellenverband: "30 Milliarden Euro werden zusätzlich nötig sein", da Schulden der staatsnahen Unternehmen und der Investitionen in Public-Private-Partnership-Projekte im ersten Paket nicht berücksichtigt wurden.

Kein Ende des Abwärtstrends

Kurzfristige Staatsanleihen konnte Lissabon zwar trotz der Standard-&-Poors-Abwertung auf Ramschniveau mühelos platzieren. Die Zinsen bei langen Laufzeiten von zehn Jahren liegen aber bei über 15 Prozent.

Ein Ende des Abwärtstrends ist nicht in Sicht. Dies zeigen Zahlen wie die steigende Arbeitslosigkeit (Ende 2011: 13,6 Prozent, ein Rekord), 39.000 Firmenpleiten und 6900 zwangsenteignete Wohnungen. Die größten drei Banken, BCP, Espírito Santo und Banco Português de Investimento schrieben über 1,1 Mrd. Euro Verluste.

Auch in Spanien kündigten die Gewerkschaften UGT und CCOO landesweite Protestmärsche gegen die am Freitag von der konservativen Regierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoys beschlossene Arbeitsmarktreform an. Die Gewerkschaft befürchtet, dass die Arbeitslosenzahlen von derzeit 5,3 Millionen auf über sechs Millionen steigen.

Man werde den "Druck der Straße" sukzessive steigern, sagten CCOO-Generalsekretär Ignacio Fernández Toxo und UGT-Chef Cándido Méndez: "Rajoy agiert, als wäre Spanien bereits 'gerettet' worden wie Portugal", kritisierten die Gewerkschaftsspitzen unisono.(Jan Marot, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 13.2.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2
Fritz Meyer
00
13.2.2012, 08:09
Schäuble will Portugal helfen:

http://www.spiegel.de/video/vid... 77520.html

Schon seltsam, bei Griechenland gab's ein Medientheater mit allerlei Schmäh gegen die "südländische Mentalität", aber bei den anderen Wackelkandidaten herrscht jetzt Stille.

Tildy
11
12.2.2012, 19:07
Wer wird der Erste unter den Politikern sein der es wagen wird eine Reform des Geldsystems öffentlich zur Sprache zu bringen?

Wer erklärt der breiten Öffentlichkeit, dass man den Zins niemals zurückzahlen kann weil er eine Geldmenge darstellt die niemals in den Umlauf gebracht wurde?

Wer hat genug Integrität und tut es?

</ lustig>
63
12.2.2012, 19:50
Kennen Sie den Unterschied zwischen

Geldmenge und Geldbasismenge? Nein?
Dachte ich mir.

Informieren Sie sich einmal. Aber nicht via YouTube / Verschwörungsseiten...

Fritz Meyer
00
13.2.2012, 08:43
Markier' doch Deine Postings bitte als "bezahlte Werbung"!

Du bist ja eh ganz offensichtlich keine Privatperson, die hier schreibt.

raff1
01
13.2.2012, 01:31
"Aber nicht via YouTube / Verschwörungsseiten..."

sondern direkt bei ihren politikern.
die werden ihnen genau erklären, warum sie für deren clientel schuften schuften und am hungertuch nagen müssen.

Nichtschweiger
 
84
12.2.2012, 18:59
Jetzt weiß ich warum Reiche so reich sind!

Weil die Gewerkschafter den Arbeitern gesagt haben: Sparen schafft keinen Wohlstand!

Die Reichen beweisen das Gegenteil!

The mean green
00
12.2.2012, 19:32
Sie propagieren es auch:

"Ich habe nichts zu verschenken, Sie etwa?"
So oder so ähnlich.

DRIVER 8
25
12.2.2012, 19:22

Dann fang schon mal an zu sparen, du Kasper.

In Österreich verdienen ca. 70% aller Arbeitnehmer weniger als 1500 netto im Monat.
Du darfst jetzt ausrechen, wie lange die sparen müssen bis sie reich sind.

Ich meine, falls du das schaffst.

Aber du bist ja kein Arbeitnehmer, stimmt's?

Was war nochmal mein Nick?
22
12.2.2012, 18:08

ja, die schlinge lockern. soll heißen sie wollen mehr kohle aus dem rettungsschirm.

santa fe
 
65
12.2.2012, 17:10
immer das gleiche muster: ausbeutung von 99% unter dem titel einsparungen zugunsten des schuldenabbaus. die schulden gehen auf eine noch nie dagewesene bereicherung von 1% FI (finanzindustrie) zurück,

wie die bankenpleiten mit unübertreffbarer deutlichkeit zeigen.

südeuropa unterscheidet sich nur graduell vom rest des kontinents und der welt. die FI muss als welt-tyrann und slavenhalter abgewählt werden. das ist nur möglich, wenn jeder einzelne von ihren lohn-und
geldterror befreit wird, denn solange dieser besteht, erpresst man unseren verzicht auf widerstand.

angst um jobs, geld, status, angst vor ausgliederung aus der gesellschaft und einem ende in schande, womöglich im bürgerkriegs-chaos, wird von den FI-gesteuerten medien systematisch hochgepeitscht.

noch besteht demokratie de jure. 1% sind von 99% abhängig, nicht umgekehrt: der terror ist noch friedlich-mehrheitsdemokratisch beendbar.

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle.

O5
138
12.2.2012, 14:39

Diese Leute protestieren also dagegen dass man nicht ewig mehr raushauen kann als man erwirtschaftet. Das ist ungefähr gleich sinnvoll wie wenn man dagegen demonstriert dass die Sonne heiß ist, oder der Winter kalt. Lächerlich, diese Gierschlünde.

Trollblume
52
12.2.2012, 16:11

Die Leute demonstrieren für Arbeit + einen anständigen Lohn für ihre Arbeit. Spekulation ist Betrug.

Nichtschweiger
 
74
12.2.2012, 19:00
Wieso ist Spekulation Betrug?

DRIVER 8
15
12.2.2012, 19:24

Betrug ist vielleicht das falsche Wort, zumindest rechtlich gesehen.

Diebstahl trifft es eher.

Nichtschweiger
 
33
12.2.2012, 19:34
Dann machen wir halt weiter!

Warum ist Spekulation Diebstahl?

Tildy
00
12.2.2012, 19:13
Frag Bernie Madoff und Co.

Nichtschweiger
 
13
12.2.2012, 19:34
Madoff hat tatsächlich betrogen...

...ist also kein Beispiel!

Goldfinger
00
12.2.2012, 21:46

... und zwar in dem er nicht spekuliert hat.

Trollblume
00
14.2.2012, 17:57
ok, lügt euch weiter selbser in den sack

Waran
16
12.2.2012, 11:42
Marie Antoinette

wird dieser Spruch häufig zugeordnet, stammt aber von Jean Jacques Rousseau:
"Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen"

Geschichtliche Unschärfen einmal außen vor gelassen, charakterisiert dieser Spruch doch sehr gut die Abgehobenheit unserer politischen/wirtschaftlichen Eliten.
Die sozialen Unruhen werden sich steigern!

flotter denker
22
12.2.2012, 18:04
Die sozialen Unruhen werden sich steigern, ja

das ist halt das unvermeidbare Nebengeraeusch der Sanierung.
Dass die Leut angefressen sind, ist ja verstaendlich. Aber dasDemonstrieren macht die Lage nur schlimmer

herbiee
04
12.2.2012, 13:58
Portugal, Spanien, Griechenland, Großbritannien, Italien, Belgien,...

Ob die Gewerkschaft in Österreich auch mal gegen das Sparpaket mobilisiert, anstatt es im Parlament mit zu beschließen, ist leider sehr fraglich.

Trollblume
11
12.2.2012, 16:12

kommt schon. uns gehts noch zu gut.

Das Kapital ist die wahre Macht
16
12.2.2012, 10:22
Schön dass nun endlich so viele kapieren, dass es darum geht,

ob sie künftig noch Suppe im Teller haben, oder nur mehr leere Teller am Tisch stehen haben.

Die Zinsen sind halt hungriger als die Menschen und Tiere. Das verdrängt man halt solange, bis Krieg herrscht. Und das ist etwas seit Marco Polo so.....

kants richtschnur
02
12.2.2012, 19:45
die ersten zinswirtschaften entstanden vor ca. 5000 jahren im mesopotamischen raum. (zentral)bank spielte der jeweilige stadttempel,

wie auch später der tempel zu jerusalem, die akropolis und die haupttempel der griechischen stadtstaaten (bis auf sparta) bankhäuser waren, mit dem geldmonopol (münzprägung) ausgestattet. in rom verstaatlichte caesar eben dieses.

das problem der geldwirtschaft ist und bleibt die rentabilitätshürde, die frage wie der umlauf erhalten bleiben soll.

ich behaupte, jede religion ist vor allem eine wirtschaftliche programmierung, jede fehlerhafte wirtschaftliche programmierung religion.

die unumgänglichen verwerfungen die der zins als garant für den umlauf mit sich bringt (wachstumszwang, verteilung von arbeit zu besitz, leistungslose einkommen usw), müssen von den priestern der glaskathedralen zu giebelkreuz und co vernebelt werden...

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