Neue EU-Finanzregeln

Zeit für die Kernfragen

Kommentar | András Szigetvari, 10. Februar 2012, 18:54

Die Antwort auf den globalen Crash bleibt Stückwerk

Seit inzwischen drei Jahren wird in Europa darüber diskutiert, die Banken- und Finanzindustrie effektiver zu regulieren. Geschehen ist seither: ziemlich viel. Gelöst wurden allerdings nicht die wichtigsten Probleme. Ratingagenturen wurden zu mehr Transparenz verpflichtet, werden strenger überwacht. Hedgefonds müssen sich in Europa registrieren lassen, die Wetten auf Staatspleiten werden beschränkt. Gerade wurden in der EU Regeln für den 530-Billionen-Euro-Finanzderivate-Markt vereinbart. In kaum einem Segment der Finanzindustrie sind Gesetzgeber und Aufseher nicht aktiv geworden. Das oft beschworene Bild von der untätigen Politik trifft nicht zu.

Trotzdem blieb die Antwort auf den globalen Crash Stückwerk. An den Ansprüchen, wonach ein neuerlicher Big Bang auszuschließen sein muss, ist die Politik gescheitert. Denn Ursprung der Krise waren weder die nun strikter beaufsichtigten Hedgefonds noch die Ratingagenturen, sondern klassische Banken. Da wurde den Bürgern ein „große_Wurf" in Aussicht gestellt: „Wir brauchen Regeln, und zwar für jedes Produkt, für jeden Platz, an dem gehandelt wird, und für jedes Institut", sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel im Herbst 2009. Keine Bank dürfe mehr so groß sein, „dass sie wieder Staaten erpressen darf".

Das Erpressen geht aber munter weiter. Noch immer sind einige Großbanken „too big to fail" und müssen in jeder neuen Krise mit Milliarden gerettet werden. Riskante Geschäfte wurden zwar transparenter gemacht, aber - abgesehen von wenigen Ausnahmen - nicht verboten. Das Regulierungsprojekt steht also erst am Anfang. Abgearbeitet wurden überwiegend Nebenschauplätze.
Wer weiterkommen will, kommt an der Grundsatzfrage nicht vorbei: Welche Form des Kapitalismus wollen wir? Im Prinzip ist dabei zu entscheiden, welche Teile der in den 1980er- und 1990er-Jahren durchgeführten Deregulierung der globalen Finanzindustrie rückgängig gemacht werden sollen. Denn wer Risiken nachhaltig minimieren will, muss Geschäfte nicht nur transparenter machen, sondern einige schlicht verbieten. Wer das „Too big to fail"-Problem lösen will, muss in letzter Konsequenz über die Zwangsaufteilung von Banken nachdenken.

Diesem Diskurs stellten sich bisher vor allem Exoten wie Attac, Occupy Wall Street und einige wenige Ökonomen. Die etablierten Parteien, allen voran Konservative und Sozialdemokraten, verschließen davor die Augen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.2.2012)

waunsinn
00
12.2.2012, 08:39

Bei dem Titel hab ich erstmal gedacht, es geht um einen Artikel zur Nuklearenergie... ;-)

x-tron
00
11.2.2012, 19:03

Wir wissen noch immer nicht, wo die eigentlichen Finanzmarktbomben hochgehen, wenn beispielsweise Griechenland (oder eine Großbank) Pleite geht. Dank der nach wie vor unregistriert möglichen CDS´s und anderer Derivate. Wir haben nicht einmal jene Transparenz in den Märkten geschaffen, die für funktionierende Märkte unerlässlich sind. Und ich rede hier noch gar nicht von steuern oder besteuern. Der Artikel ist für mich beschönigend.

VS.
00
11.2.2012, 16:50
danke!

seit langem wieder ein guter, systemisch denkender kommentar zu krisenthemen.

Protagoras v. Abdera
02
11.2.2012, 11:33
So ist es. Bedauerlicherweise hat die Sozialdemokratie, die eigentlich als politische Kraft der Arbeiterbewegung über die analytischen Konzepte und Instrumentarien verfügt, um diese Zusammenhänge zu begreifen,

an ihrer Spitze PolitikerInnen, die nicht in der Lage sind, strategisch zu denken und zu handeln. In diesem Jahr, 2012, entscheidet sich das Schicksal der nächsten 10 Jahre: Gibt es eine verlorene Dekade wie in Lateinamerika in den 1980er Jahren oder eine fundamentale Reform des finanzgetriebenen Kapitalismus? Entschieden wird dies politisch auf Ebene der EU wie auf Ebene der Nationalstaaten. Faymanns Antwort war gestern bitter und deutlich: Er will "sich einordnen" in die deutsch-frz. Austeritätspolitik, sowohl hinsichtlich des sog. Fiskalpakts wie auch hinsichtlich der Plünderung nationaler Wohlstandsreserven im Gefolge der Disziplinierungsmechanismen (Ratings) seitens bestimmter Finanzmarktakteure. Der Kern der Krise sind die Banken;

Protagoras v. Abdera
03
11.2.2012, 11:33
Fortsetzung

Hier müssen die Funktions-Parameter des Kapitalismus, die seit den späten 1970er Jahren zugunsten einer völlige Deregulation politisch (!) geändert wurden, völlig neu konzipiert werden. Faymann, als einer der wenigen regierenden Sozialdemokraten in einem Land, das (noch) nicht extrem von dieser Krise betroffen ist, ist dazu nicht in der Lage, obwohl das die historische Rolle gewesen wäre, die ihm in den letzten 2 Jahren zukam. Hier hatte die Ignoranz der Parteiführung gegenüber der Europapolitik fatale Konsequenzen: Es gibt kein sozialdemokartisches Gegenprojekt auf europäischer Ebene gegen die Vertiefung des neoliberalen "adjustment". Das muss daher aus anderen Teilen der Gesellschaft kommen, die die Sozialdemokratie mitnehmen.

ohne-tee-party
01
11.2.2012, 14:03

ich stimme ihnen zu.

allerdings: hätte/hat faymann in ihrem sinn eine chance? als vertreter von klein-österreich? mit recht wenig gesinnungsgenossen? mit ganz, ganz starken gegenkräften, die sicherlich nicht nur aus der politik kommen ... ?

aber: dafür kämpfen lohnt sich allemal. was nicht ist kann ja noch werden.
die alternative ist ja schließlich eine soziale-und-integrative-werte-vernichtende dauerkrise, die auch ziemlich explosiv ist.

ohne-tee-party
00
11.2.2012, 00:34

ein guter und wichtiger artikel - nur ein kritikpunkt: er könnte ausführlicher und länger sein :-)

es gibt viel zu wenig davon

FatFaceRicky
02
10.2.2012, 23:44

Ich finde in dieser Hinsicht ausnahmsweise den amerikanischen Weg(Dodd-Frank Act) ganz gut - dort wurde einfach den Banken der Eigenhandel untersagt. In Zukunft soll sich ihre Rolle auf einen einfachen Intermediär beschränken. Im Kreditwesen alleine gibts ja eh schon genug Risiken, da müssen sie nicht noch zusätzlich spekulieren gehen.

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