Weil dieses im Burgenland steht, wird dort halt allerhand über G.tt zu reden sein müssen - Denn das Burgenland war ein sehr gläubiger Landstrich
Eisenstadt/Asch - Dass Österreichs erstes jüdisches Nachkriegsmuseum
ausgerechnet in Eisenstadt, das auch einen hebräischen Namen trägt - die
Initialen von Aisenstadt, Aleph und Shin - daheim ist und nun den Vierziger
feiert, ist kein Zufall. Weil sich erstens, so hört man es bis heute drunten in
Mattersdorf, in Jerusalem also, sowieso die Frage stellt: "Was, bitte, war denn
Wien? A Vorort von Aisenstadt." Natürlich ließe sich darauf einiges erwidern,
und einige haben das auch getan, was aber nichts am zweiten Grund ändert: dem
Sitzfleisch.
Kurt Schubert, der legendäre Doyen heimischer Judaistik, hat sich nämlich ins
Burgenland verliebt gehabt. Oder in Fred Sinowatz. Oder in den burgenländischen
Wein. Oder in beides. Jedenfalls ergab, Glas für Glas, ein Wort das andere,
sodass am Ende man - Schubert und Landesrat, später Unterrichtsminister, noch
später Bundeskanzler Sinowatz - übereinkam: Mach ma's! Johannes Reiss, Direktor
in Eisenstadt, sagt trocken: "Sinowatz war einer, der hat's kapiert.
Das Dumme dabei ist - das sagt nicht Reiss, das denkt sich bloß der Standard
-, dass dieses Kapieren bis heute nicht wirklich funktioniert. Es gab und gibt
angeblich wirklich Leute, die dem Eisenstädter Museum Altbackenheit vorwerfen,
weil man sich dort weniger mit dem jüdischen Alltag, mehr mit dem Festtag
beschäftigt. Statt etwa Gott G.tt schreibt. (2. Gebot: Du sollst den Namen des
Herrn nicht verunehren!) Der Goi Johannes Reiss lächelt zu so was beinahe wie
ein Rabbiner. "An Freud hat's im Burgenland nicht gegeben. Wir da waren berühmt
für die Rabbis."
Tatsächlich ist die jüdische Geschichte des Burgenlandes eine recht
einzigartige. Nicht nur in österreichischer Zeit. Die Judengemeinden des
späteren Burgenlandes sprachen - anders als anderswo - immer Deutsch. Als sie
österreichisch wurden, bemerkten die Rabbis, dass in Wien eher die Sünder daheim
waren, weshalb das Burgenland eine eigene Kultusgemeinde ins Leben rief.
Gläubiger Alltag
Dass sich das Eisenstädter Museum also hauptsächlich mit der Religion und
weniger mit dem sogenannten Alltag beschäftigt, hat darin eben seinen Grund.
Johannes Reiss: "In den burgenländischen Gemeinden war die Religion halt der
Alltag." Bis hin zum sogenannten Schulklopfer, der von Haus zu Haus ging und mit
dem Klopfen seines Holzhammers die Menschen in die Schul' - den Tempel, die
Synagoge - rief.
"Apropos", sagt Johannes Reiss, "wir haben hier im Wertheimerhaus
wahrscheinlich die einzige überlebt habende Synagoge des Landes." Überlebt hat
sie deshalb, weil es eine private Einrichtung war. Simon Wertheimer, Rabbi nach
der leopoldinischen Vertreibung aus Wien 1670, hat die Eisenstädter Gemeinde
sozusagen als Notär begründet. Zuletzt war dieses Haus - so wie im Übrigen auch
jenes, in dem das Landesmuseum untergebracht ist - im Besitz der Familie Wolf,
die zu den wirklich großen ungarischen, später burgenländischen Weinhändlern
gehörte.
"Reichskristallnacht"
Zum 40. Geburtstag wird das Museum, erzählt Direktor Reiss, sich das eine
oder andere Geschenk selber machen. Es wird eine Art Outdoor-Ausstellung geben.
Nicht im Sinn der auf die - darf man das jetzt so sagen, wenn auch unter
Anführungszeichen - "Reichskristallnacht" Bezug nehmenden Stolpersteine, aber
doch davon inspiriert. "Bei den Novemberpogromen hat es ja keine Juden mehr
gegeben im Burgenland." Erstaunlich, aber so war es halt: Des Irrsinns erste
Station war, wider alle Wahrscheinlichkeit, im Burgenland.
Die zweite Geschichte, die Johannes Reiss im Auge hat, ist ein Reiseführer
durchs jüdische Burgenland. Denn das merkt er schon auch: "Die Kinder der
Vertriebenen waren wenig ansprechbar. Die Enkel aber sehr wohl."
Burgenlands Politik und Tourismus hat das noch nicht ganz "kapiert".
"Kapiert" nicht allein in dem Sinn, dass das eventuell ein touristisches
Geschäftsmodell sein könnte. Eigentlich, so meint das auch Johannes Reiss, ginge
es um einen selbst. "Ob man die Haredi im Jerusalemer Kirayat Mattersdorf
schätzt oder nicht, ist eigentlich egal." Fürs Burgenland sei es wichtig, dass
die bis heute Burgenländer sind. "Das ist nicht deren, es ist unsere
Geschichte." (DER STANDARD, Printausgabe,11./12.02.2012)