Österreichs erstes Nach-Shoah-Museum wird 40

10. Februar 2012, 18:37
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Weil dieses im Burgenland steht, wird dort halt allerhand über G.tt zu reden sein müssen - Denn das Burgenland war ein sehr gläubiger Landstrich

Eisenstadt/Asch - Dass Österreichs erstes jüdisches Nachkriegsmuseum ausgerechnet in Eisenstadt, das auch einen hebräischen Namen trägt - die Initialen von Aisenstadt, Aleph und Shin - daheim ist und nun den Vierziger feiert, ist kein Zufall. Weil sich erstens, so hört man es bis heute drunten in Mattersdorf, in Jerusalem also, sowieso die Frage stellt: "Was, bitte, war denn Wien? A Vorort von Aisenstadt." Natürlich ließe sich darauf einiges erwidern, und einige haben das auch getan, was aber nichts am zweiten Grund ändert: dem Sitzfleisch.

Kurt Schubert, der legendäre Doyen heimischer Judaistik, hat sich nämlich ins Burgenland verliebt gehabt. Oder in Fred Sinowatz. Oder in den burgenländischen Wein. Oder in beides. Jedenfalls ergab, Glas für Glas, ein Wort das andere, sodass am Ende man - Schubert und Landesrat, später Unterrichtsminister, noch später Bundeskanzler Sinowatz - übereinkam: Mach ma's! Johannes Reiss, Direktor in Eisenstadt, sagt trocken: "Sinowatz war einer, der hat's kapiert.

Das Dumme dabei ist - das sagt nicht Reiss, das denkt sich bloß der Standard -, dass dieses Kapieren bis heute nicht wirklich funktioniert. Es gab und gibt angeblich wirklich Leute, die dem Eisenstädter Museum Altbackenheit vorwerfen, weil man sich dort weniger mit dem jüdischen Alltag, mehr mit dem Festtag beschäftigt. Statt etwa Gott G.tt schreibt. (2. Gebot: Du sollst den Namen des Herrn nicht verunehren!) Der Goi Johannes Reiss lächelt zu so was beinahe wie ein Rabbiner. "An Freud hat's im Burgenland nicht gegeben. Wir da waren berühmt für die Rabbis."

Tatsächlich ist die jüdische Geschichte des Burgenlandes eine recht einzigartige. Nicht nur in österreichischer Zeit. Die Judengemeinden des späteren Burgenlandes sprachen - anders als anderswo - immer Deutsch. Als sie österreichisch wurden, bemerkten die Rabbis, dass in Wien eher die Sünder daheim waren, weshalb das Burgenland eine eigene Kultusgemeinde ins Leben rief.

Gläubiger Alltag

Dass sich das Eisenstädter Museum also hauptsächlich mit der Religion und weniger mit dem sogenannten Alltag beschäftigt, hat darin eben seinen Grund. Johannes Reiss: "In den burgenländischen Gemeinden war die Religion halt der Alltag." Bis hin zum sogenannten Schulklopfer, der von Haus zu Haus ging und mit dem Klopfen seines Holzhammers die Menschen in die Schul' - den Tempel, die Synagoge - rief.

"Apropos", sagt Johannes Reiss, "wir haben hier im Wertheimerhaus wahrscheinlich die einzige überlebt habende Synagoge des Landes." Überlebt hat sie deshalb, weil es eine private Einrichtung war. Simon Wertheimer, Rabbi nach der leopoldinischen Vertreibung aus Wien 1670, hat die Eisenstädter Gemeinde sozusagen als Notär begründet. Zuletzt war dieses Haus - so wie im Übrigen auch jenes, in dem das Landesmuseum untergebracht ist - im Besitz der Familie Wolf, die zu den wirklich großen ungarischen, später burgenländischen Weinhändlern gehörte.

"Reichskristallnacht"

Zum 40. Geburtstag wird das Museum, erzählt Direktor Reiss, sich das eine oder andere Geschenk selber machen. Es wird eine Art Outdoor-Ausstellung geben. Nicht im Sinn der auf die - darf man das jetzt so sagen, wenn auch unter Anführungszeichen - "Reichskristallnacht" Bezug nehmenden Stolpersteine, aber doch davon inspiriert. "Bei den Novemberpogromen hat es ja keine Juden mehr gegeben im Burgenland." Erstaunlich, aber so war es halt: Des Irrsinns erste Station war, wider alle Wahrscheinlichkeit, im Burgenland.

Die zweite Geschichte, die Johannes Reiss im Auge hat, ist ein Reiseführer durchs jüdische Burgenland. Denn das merkt er schon auch: "Die Kinder der Vertriebenen waren wenig ansprechbar. Die Enkel aber sehr wohl."

Burgenlands Politik und Tourismus hat das noch nicht ganz "kapiert". "Kapiert" nicht allein in dem Sinn, dass das eventuell ein touristisches Geschäftsmodell sein könnte. Eigentlich, so meint das auch Johannes Reiss, ginge es um einen selbst. "Ob man die Haredi im Jerusalemer Kirayat Mattersdorf schätzt oder nicht, ist eigentlich egal." Fürs Burgenland sei es wichtig, dass die bis heute Burgenländer sind. "Das ist nicht deren, es ist unsere Geschichte." (DER STANDARD, Printausgabe,11./12.02.2012)

  • Am Sabbath muss a Ruh sein! Also wurde die Hauptstraße in Eisenstadt-Unterberg 
gesperrt. Dort, wo die Männergruppe (rechts) steht, ist heute das Jüdische 
Museum daheim.
    foto: ojm

    Am Sabbath muss a Ruh sein! Also wurde die Hauptstraße in Eisenstadt-Unterberg gesperrt. Dort, wo die Männergruppe (rechts) steht, ist heute das Jüdische Museum daheim.

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