Tatort Wiener Lebensart oder Inspektor Häupl

Kommentar der anderen10. Februar 2012, 18:14
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Anmerkungen zum neuen Integrationspapier der Sozialdemokratie im Lichte der sprachpädagogischen Bemühungen von Harald Krassnitzer im letzten ORF-Sonntagskrimi - Von Richard Schuberth

"Ich hab einen Viechszurn in mir - morgen muss der Bezirk von alle Fremdwörter gereinigt sein, wo ich noch eins drwisch, dem reiß ich's Beuschl heraus!" (Ein Wiener in Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit")

Tatort "Tatort" vom Sonntag, dem 5. Februar. Ein Sozialdemokrat sieht rot. Harald Krassnitzer alias Inspektor Moritz Eisner bläut einer serbischen Kellnerin, die ihn beschimpft, einen Eckpunkt des neuen sozialdemokratischen Integrationspapiers ein: "Wenn Du in meiner Gegenwart noch ein Wort Serbisch sprichst, liefere ich dich höchstpersönlich im Kosovo ab, und zwar mittendrin, hast Du verstanden?" Und wie die Sozialdemokratie selbst hat sich Inspektor Eisner vor dem Platzen dieses Kragens die Sympathie der Zuseher erschnorrt. Denn er fahndet im Nationalistenmilieu, und als Ethnie, von der man sich nicht länger die "Eitrige" madig machen lassen will, figurieren schlauerweise die Wiener Serben, die Ehren-Arier der FPÖ also.

Klischeehaft sind die Unsympathieträger, gegen welche die Sympathieträger ermitteln, allesamt gefährliche Brutalomachos, und die Kellnerin ist deren hörige Komplizin. Für echte Wiener haben sie nur Verachtung übrig, nennen sie "schwule Weicheier" (aber nicht urwienerisch hinterm Rücken, sondern typisch serbisch mitten ins Gesicht) und benehmen sich überhaupt so wie daham, dort also, wo nicht Wien ist.

Kein Wunder, dass auch dem sonst so fremdenfreundlichen Bürgermeister Häupl irgendwann der Kragen platzen musste und er in seinen "Wiener Positionen zum Zusammenleben" herausschrie, was bitte sehr längst geschrien gehörte: "Demokratie, Menschen- und Frauenrechte sind für uns unverhandelbare Grundrechte und unsere Sprache hier ist Deutsch." Dieser völlig unvermittelte Nachsatz gewänne seinen Sinn nur als bürgermeisterlicher Zweifel an dessen Richtigkeit, könnte man nicht die populistische Botschaft herauslesen, die in der Gleichzeitigkeit von Feststellung, Position und Drohung besteht. Der zweite Eckpfeiler des SPÖ-Integrationspapiers, die "Bewahrung der Wiener Lebensart", ist eben so schwammig und appelliert nicht an die Lösung realer Probleme, sondern ans Gemüt. Dieses Gemüt, ein in der Literatur oft und klug beschriebener Zweischritt von Angst und Angriffsbereitschaft, ist das Bauchfleisch der zu verteidigenden Lebensart.

Allerhand humoristisches Kleingeld ließe sich aus diesem Schwachsinn schlagen, zum Beispiel dass Häupls Forderung redundant sei, weil er selbst schon die leibgewordene Bewahrung der Wiener Lebensart darstelle, dass integrationswillige Migranten vom Deutsch der Politiker, die es von ihnen fordern, abgeschirmt gehören wie die Schulkinder vom Leberkas - oder dass das einzig verlässliche Definiens Wiener Lebensart die Feindseligkeit der zu Wienern zerschmolzenen Zuwanderer von vorgestern gegen die von heute ist.

Das alles träfe aber den ideologischen Kern der SPÖ-Positionen nicht, der satirisch viel besser enthüllt wird durch den Applaus, den die FPÖ ihnen spendet. Im 15. Bezirk seien, wie der grüne Bezirksrat Haroun Moalla jüngst kolportierte, die Mandatare der FPÖ so begeistert vom neuen "Integrationspapier" der SPÖ gewesen, dass sie beantragten, die darin formulierten Prinzipien für ihr eigenes "Integrationsleitbild" zu übernehmen. Die SPÖ-Vertreter stimmten dem FP-Antrag zu.

Eines kann man der SPÖ schwer vorwerfen: dass sie nicht traditionsbewusst sei. Ihr hausmeisterliches Red's deitsch, Gfrasda lässt sentimentale Erinnerungen hochkommen an die deutschnationalen Wurzeln der Partei oder Otto Bauers Schnorren um Nazistimmen in den 30er-Jahren ("Die Arbeiter sind nicht gute Deutsche, aber wir kämpfen darum, sie zu guten Deutschen zu machen") oder aber - warum so weit in archaische Vergangenheit schweifen - an das Jahr 1990, als die SPÖ vor den Nationalratswahlen zur Ausländerhetze blies, und ihr die FPÖ nur mit Müh und Not hinterherlaufen konnte.

Wie kam es zu Häupls Machtwort? Die Wiener SPÖ ortete Versäumnisse in ihrer Integrationspolitik. Aber wie? Etwa zu wenig gegen die institutionelle Diskriminierung von Zuwanderern am Wohnungs- und Arbeitsmarkt, in Recht und Alltag getan zu haben? Weit gefehlt. Man habe die Marginalisierten zu wenig an die kulturelle Kandare genommen. Das ist Wiener Humor: den Frierenden Wolle vorzuenthalten, um ihnen dann vorzuwerfen, dass sie nicht stricken lernen wollen. Die Modi des politischen Populismus sind seit 150 Jahren die gleichen und wurden hinlänglich brillant analysiert, zu ergänzen bleibt, dass das Nachahmen des rechten Schakalgeheuls durch die unsicheren Möpse der Macht nicht nur neuen Fremdenhass, sondern vor allem Fremdscham evoziert.

Bleiben wir beim Thesenpapier, bei dem sich Lügen und Dummheiten um Aufmerksamkeit drängeln. Dort steht: "Erst die gemeinsame Sprache ermöglicht das Verstehen der Wiener Lebensart." Im Gegenteil. Für viele Wiener war Deutsch die einzige Rettung vor der Wiener Lebensart. "Wer hier leben will, muss Deutsch können." Wer hier leben will, sollte Deutsch können. In seinem eigenen Interesse, und es gibt kaum Zuwanderer, die sich nicht aus freien Stücken um den Gebrauch dieser Verkehrssprache in einer multikulturellen Stadt wie Wien bemühen. Doch es ist eines, ihnen Sprachbildung als Serviceleistung anzubieten, und ein anderes, sie als bedrohliche Defizitwesen zu disziplinieren. Und nun kommt es ganz dick: "Deutsch eröffnet persönliche und berufliche Aufstiegschancen." Nicht einmal den alteingesessenen Wienern eröffnen Deutschkenntnisse Aufstiegschancen, wie alle einschlägigen Studien zur geringen sozialen Mobilität der unteren Einkommensschichten beweisen. Und die vielen zugewanderten Akademiker und Fachkräfte wischen auch nicht wegen Deutschverweigerung unsre Stiegenhäuser und fahren uns im Taxi spazieren. Dass selbst qualifizierte Werktätige der zweiten und dritten Generation bei Jobvergaben benachteiligt werden, beweisen jene Untersuchungen, die - in Anbetracht optischer Selektionskriterien - als Blindstudien zu bezeichnen von delikatem Zynismus wäre.

Wie will die Wiener SPÖ die Anpassung an Wiener Lebensart exekutieren? Sind jene Supermärkte Probemodell für das Wien, das uns blüht, in denen türkisch- und jugoslawischstämmigen Angestellten verboten ist, mit Kunden Türkisch und Serbokroatisch zu sprechen, wo man ihnen aber auf die Schulter klopft, wenn sie die Pariser Touristin auf Französisch, den indischen Softwareentwickler auf Englisch bedienen?

Die SPÖ wird in dem Wasser ertrinken, dass sie Strache abzugraben versucht. Mit ihrer windigen Unentschlossenheit vergrämt sie rechte wie linke Wähler. Denn den aus Süd und Ost Zugewanderten empfiehlt sie wie ein gütiger Sozialarbeiter von oben herab Deutschkenntnisse als Chance, dem Stammtisch aber biedert sie sich mit Hetze gegen die an, die ihr mangelhaftes Deutsch nicht von Geburt an erlernt haben. "Ein wesentlicher Teil der Wiener Lebensqualität ist eine typische Wiener Lebensart, die auch international geschätzt wird", heißt es im Integrationspapier. Eben diese zum Volkscharakter degenerierte Heuchelei, welche die SPÖ pittoresk vorlebt, ist das Wesen der Wiener Lebensart. International wird sie nicht im Geringsten geschätzt, und Zuwanderer daran zu hindern, sich ihr zu assimilieren, wird der nobelste Dienst sein, die wir dieser Stadt erweisen können. (Richard Schuberth, DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.2.2012)

 

Richard Schuberth, Jg. 1968, lebt als freier Publizist und Bühnenautor ("Fretag in Sarajewo", "Wie Branka sich nach oben putzte") in Wien.

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