Im Ring um Damaskus tobt der Aufstand

Reportage10. Februar 2012, 18:09
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Verwundete Soldaten berichten, wie nahe an der Hauptstadt bereits gekämpft wird

Die Geschichten der verwundeten Soldaten im Tishrin-Militärspital in Damaskus zeigen, wie nah an der Hauptstadt die Truppen von Präsident Assad und die bewaffneten Oppositionellen kämpfen.

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Ein Team des staatlichen TV-Senders Al-Akhbariya filmt vor der Omayyaden-Moschee im Herzen der Altstadt von Damaskus - ein Zeichen dafür, dass das Regime dieses Freitagsgebet für sich beansprucht. Und tatsächlich beginnen bald Jugendliche, Pro-Assad-Parolen zu skandieren und russische Flaggen zu schwingen.

Die Opposition hat hingegen für Freitag zu Kundgebungen unter dem Motto "Russland tötet unsere Kinder" aufgerufen. Auch vor diesem Wahrzeichen der Stadt hatte es anfangs Proteste gegen den Präsidenten gegeben, aber das Regime hat reagiert und schickt seither die eigenen Leute her.

Spontane Kundgebungen

Das nahe gelegene Midan-Viertel südwestlich der Alstadt bleibe dagegen ein "Hotspot" der Opposition, erklärt Salem, der auf der zentralen Marktstraße ein Geschäft führt. Meist kommt es freitags zu kleinen Demonstrationen gegen Bashar al-Assad, und die Läden machen schnell dicht. Diese "fliegenden Demonstrationen", wie sie die Einheimischen nennen, lösen sich stets nach nur wenigen Minuten wieder auf. Oft dokumentieren die Teilnehmer die Aktion mit Handykameras und stellen Videos ins Internet.

"Niemand weiß, wann die Versammlungen stattfinden, sonst wären auch die allwissenden Sicherheitskräfte informiert", sagt Salem. In der Umgebung sei deshalb bis jetzt auch noch nie geschossen worden.

Solche Spontankundgebungen sind inzwischen in vielen Stadtvierteln der Hauptstadt zu beobachten.

Am nördlichen Stadtrand, in Barzeh, gingen zuletzt sogar Schüler gegen die Bombardierung der Stadt Homs auf die Straße - diese soll es laut staatlichen Medien gar nicht gegeben haben.

Nur wenige Kilometer weiter, in mehreren Orten des Hauptstadtbezirks, gibt es hingegen regelmäßig bewaffnete Auseinandersetzungen. Davon zeugen die verwundeten Soldaten und Offiziere, die im Tishrin-Militärkrankenhaus behandelt werden. Vor wenigen Tagen wurden hier 13 Tote - ein Major, ein Leutnant sowie elf Soldaten der regulären Armee - als "Märtyrer" geehrt und beerdigt.

Die jüngste Patientin ist die dreieinhalbjährige Naghmeh. Sie wurde vor einer Woche im Vorort Arbeen angeschossen, als sie mit ihrer Großmutter auf der Straße unterwegs war. Die Frau ist noch immer geschockt und wünscht sich nur, dass Syrien wieder das sichere Land werde, das es einmal war.

Ein Stockwerk höher liegt der 20-jährige Hamid, der in Rastan angeschossen wurde; er wird nie mehr gehen können. "Welche Sünde hat er denn begangen?" , fragt der Vater verzweifelt. Hamid ist einfacher Soldat, der seinen 18-monatigen Pflichtdienst ableistet.

Er erzählt seine Geschichte mit ähnlichen Worten wie der 25-jährige Geheimdienstagent Majed, der mit zwei Messerstichen in die Brust verletzt wurde. "Wir waren auf dem Weg zu einem Job, als es passierte." Soll heißen: Die Armee schickt ihre Truppen los, sobald sie Informationen über Stellungen der oppositionellen Freien Syrischen Armee hat. Ihre Mitglieder werden von den Soldaten nur als "Terroristen" oder "Al-Kaida" bezeichnet. Schuld an der Gewalt sei eine Verschwörung gegen Syrien.

Oberst Khazzan nennt auch soziale Gründe und die "Manipulationen von Al-Jazeera", wie das "fabrizierte Massaker von Homs". Der 48-Jährige hat eine Schusswunde, ein Teil der Lunge musste entfernt werden. Er sei seit März schon zum dritten Mal angeschossen worden, zuletzt in Rastan. Dort herrsche Chaos, sagt er. Der Befehl laute, nur zur Verteidigung zu schießen, betont er - um gleich anzufügen, dass er bereits mehrere "Terroristen" getötet habe.

Der Oberst ist überzeugt, dass die syrische Armee die Oberhand behalten wird. Die Erzählungen der Soldaten im Militärspital zeigen aber, dass Damaskus umgeben ist von einem Ring, in dem der Aufstand brodelt. (Astrid Frefel aus Damaskus /DER STANDARD, Printausgabe, 11.2.2012)

  • Die dreieinhalbjährige Naghmeh ist die jüngste Patientin im Tishrin-Militärkrankenhaus. Sie wurde angeschossen, als sie mit ihrer Großmutter auf der Straße war.
    foto: standard/astrid frefel

    Die dreieinhalbjährige Naghmeh ist die jüngste Patientin im Tishrin-Militärkrankenhaus. Sie wurde angeschossen, als sie mit ihrer Großmutter auf der Straße war.

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