Therapiemethoden in Heimen

"Menschenverachtende Behandlungen"

Interview | 11. Februar 2012, 06:15
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    foto: apa/georg hochmuth

    Einen erster Bericht über die Verbrechen im Kinderheim am Wilhelminenberg soll es Ende März geben, sagt Barbara Helige.

Heimkinder wurden früher besonders gerne für Medizin-Experimente herangezogen, schlussfolgert die Vorsitzende der Wilhelminenberg-Kommission

Standard: Wo steht denn die Kommission aktuell?

Barbara Helige: Sie arbeitet heftig. Wir durchforsten Akten und führen viele Interviews. Mit Heimkindern und anderen Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Wilhelminenberg in Kontakt waren.

Standard: Wie oft kommt es vor, dass Akten verschwunden sind?

Helige: Es gibt gewisse Akten, die vernichtet werden dürfen - je älter, desto öfter kommt das vor. Was die 1940er- und 1950er-Jahre anbelangt, ist die Lage in manchen Bereichen schlecht.

Standard: Im Fall der Malaria-Opfer aus den 1960er-Jahren heißt es aus der Uni-Klinik, dass die Akten nicht mehr da sind. Ist das normal?

Helige: Jede Institution handhabt das anders. Im Regelfall gibt es ein Gesetz, wer wann welche Akten skartiert. Die Kinderkarten aus Wiener Heimen etwa (rund 170.000 seit 1876, Anm.) liegen umfassend vor. Personalakten sind hingegen teilweise nicht mehr da.

Standard: Glauben Sie, dass Akten auch bewusst vernichtet wurden?

Helige: Diese Beobachtung haben wir bis jetzt nicht gemacht.

Standard: Sind Ihnen Fälle von Malaria-Kuren gemeldet worden?

Helige: Es gibt Meldungen im Zusammenhang mit verdächtigen und menschenverachtenden Behandlungen. Die Frau vom Wilhelminenberg, die sich am Freitag bei den Medien gemeldet hat, war noch nicht bei uns. Viele Fälle sind erst diese Woche an uns herangetragen worden. Ich denke, dass man sehr viel finden wird. Wenn viele Heimkinder von diesen Methoden betroffen waren, mag das ein Anzeichen für ihre "leichte Verfügbarkeit" sein.

Standard: Kann man zwischen damaligem Stand der Wissenschaft und Missbrauch an Heimkindern unterscheiden?

Helige: Ich bin keine Fachfrau für Medizin, da gibt es Experten, die das beurteilen werden. Es haben sich auch Menschen gemeldet, die nicht in Heimen waren. Das Schreckliche daran ist, dass Heimkinder anscheinend für diese Behandlungsformen besonders gerne herangezogen wurden. Weil möglicherweise hier die Kontrollfunktionen der Familie, der Erziehungsberechtigten weniger stark ausgeprägt waren. Die schreckliche Vorstellung drängt sich auf, dass man bei Heimkindern sichtlich wenig Bedenken hatte - sei es bei Versuchen oder anderen medizinischen Behandlungen. Es scheint fast so, dass man den Eindruck hatte, dass es da nicht so schlimm ist. Das ist das Entsetzliche, was ich daraus schöpfe.

Standard: Hat Sie das bisherige Ausmaß der Vorfälle überrascht?

Helige: Nein. Wir haben durch die Zeitungsberichte schon damit gerechnet. Es passt ins Bild. Aber ich bin beeindruckt von der Zahl der Menschen, die das Bedürfnis haben, mit uns zu sprechen. Das liegt auch daran, dass vielen erstmals Glauben geschenkt wird.

Standard: Verjährungsfristen sind oft ein Problem. Was können sich Opfer überhaupt erwarten?

Helige: Verjährung tritt nicht ein, wenn der Täter später weitere Taten begangen hat. Daher ist es so wichtig, die Namen der Menschen zu wissen. Es soll eine Enquete der Stadt Wien zu dem Thema geben. Die Befürworter der Abschaffung sperren sich gegen die Vorstellung, dass der Täter sich irgendwann zurücklehnt, weil ihm nichts mehr passieren kann. Das ist in der Tat eine unbefriedigende Vorstellung. Auf der anderen Seite sind die Voraussetzungen für eine strafrechtliche Verurteilung so eng gefasst, dass nach sehr langer Zeit nicht mehr mit Verurteilungen zu rechnen ist. Die Gefahr der Re-Traumatisierung für ein Opfer ist sehr hoch, wenn es aussagt, aber gleichzeitig ein Freispruch erfolgt.

Standard: Wie ist ihre persönliche Meinung dazu?

Helige: Ich glaube, dass das Strafrecht nicht die einzige Form der Aufarbeitung sein kann. Wir suchen nach Wegen, um Täter strafrechtlich zu verfolgen. Aber wenn das nicht geht, gibt es die Möglichkeit der Darstellung der Ereignisse. Das soll man nicht unterschätzen. Es ist für Opfer nicht dasselbe, aber es ist eine Möglichkeit, Dinge aufzuarbeiten und vielleicht Frieden finden zu können.

Standard: Wissen die Betroffenen die Namen der Täter noch?

Helige: Das ist ein großes Problem, viele Opfer waren noch Kinder. Wir würden uns sehr wünschen, dass uns Menschen Fotos schicken. Vielleicht haben einige, die in Wilhelminenberg gelebt haben, noch Bilder aus der Zeit. Das wäre sehr hilfreich für die Identifizierung.

Standard: Im Abschlussbericht des runden Tisches in Deutschland werden Psychopharmakatests an Heimkindern beschrieben. Was weiß man da aus Österreich?

Helige: Ich gehe davon aus, dass wir auch auf Ähnliches stoßen.

Standard: Auf der Baumgartnerhöhe sollen Kinder sediert worden sein, es ist sogar von Todesfällen die Rede. Was wissen Sie da?

Helige: Es gibt gewisse Verbindungen zwischen Spiegelgrund und Wilhelminenberg. Todesfälle im Zusammenhang mit Medikamenten sind mir bisher noch nicht bekannt. Alles, was in die Richtung geht, ist Forschungsgegenstand. Insbesondere die Frage, inwieweit Doktor Gross am Wilhelminenberg tätig war.

Standard: Geht es bei dem Zusammenhang um Personal oder um Kinder, die in beiden Anstalten auftauchen?

Helige: Genau das untersuchen wir, die Personalakten sind nicht vollständig. Was es eindeutig gibt, sind organisatorische Zusammenhänge, die wir noch klären. Es ist die Frage, wer 1948 Erzieher am Wilhelminenberg wurde.

Standard: Wo ist der Unterschied zum Weißen Ring?

Helige: Wir arbeiten zusammen, haben aber andere Ziele. Bei uns gibt es keine Entschädigungszahlungen. Dass man nicht alles auf die Zeit schiebt, das ist eine der Aufgaben unserer Kommission. Wir versuchen die Geschichte zu rekonstruieren. Auch die Rolle der Stadt Wien und der Politiker, die damals tätig waren. Für mich ist auch wichtig zu fragen: Ist es nicht die Aufgabe der Politik, etwas als menschenverachtend zu deklarieren, selbst wenn es gesellschaftlich noch akzeptiert ist? (Julia Herrnböck, DER STANDARD-Printausgabe, 11./12.2.2012)

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00
13.2.2012, 07:00

Auch heute steht nicht das Wohl des Kindes im Vordergrund.
Kinder gelten z.B. als Werkstoff für Gesellschaftsexperimente.

bm.koger
 
03
12.2.2012, 14:53
und heute bekommen sie risperdal

wenn sie sich nicht angepasst (also pflegeleicht) verhalten.
oder andere neuroleptika
sie verlieren damit die fähigkeit, über die mimik gefühle zum ausdruck zu bringen, werden extrem langsam, tröge, interesselos.
mir bricht es das herz, wenn ich sehe, wie schüler zugedopt werden, nur weil die eltern damit überfordert sind, der gesellschaft den angepassten normierten behinderten zu liefern.
früher sperrte man sie in heime (das ist heute nicht mehr so leicht, weil teuer und wird daher vermieden).
heute treibt man sie mit chemischen keulen in die isolation.
ich glaube nicht, dass das besser ist.
vom verständnis für menschen außer der norm sind wir weiter als je entfernt.

Tullner Liebe
01
12.2.2012, 11:08
Hätte man damals dagegen protestiert,

wäre man "nieder-prozessiert" und von den Gerichten bestraft worden.

Auch heute passiert Missbrauch, z.B. werden Kinder in Heime gesteckt, weil es ein lukratives Geschäft geworden ist. Oder aus Rache der Justiz an unbotmäßigen Vätern!
Und diese Kritik ist heute mindestens genauso gefährlich wie vor 40 Jahren!!!!

Der keynesianische Endpunkt ist erreicht.
00
11.2.2012, 18:36

"Für mich ist auch wichtig zu fragen: Ist es nicht die Aufgabe der Politik, etwas als menschenverachtend zu deklarieren, selbst wenn es gesellschaftlich noch akzeptiert ist?"

Naiver Wunschtraum, ehrenwerte Fr. Heilige sollte sich womöglich um ein etwas desillusionierteres Bild v. "Politik" umsehen.

vive
 
00
11.2.2012, 23:55
traummfraulein

"Ist es nicht die Aufgabe der Politik, etwas als menschenverachtend zu deklarieren, selbst wenn es gesellschaftlich noch akzeptiert ist?" genau dieser satz istmir aufgestossen - aus dem spricht ja schon realitätsverweigerung !

E. Laserstrahl
10
11.2.2012, 16:49
www.aerztepfusch.at

Das bleibt kein Einzelfall, Menschenverachtende Behandlungen wird es immer wieder geben. Gewissenlose Ärzte werden uns weiterhin als Versuchskaninchen benutzen!

°°__°°
00
13.2.2012, 09:40

Ah der Herr Elmar Battlogg. Wieder fest beim Werbung machen für eines seiner oberflächlichen Hefterl. Das mit dem Sterlingmotor ist ja auch grandios aber die eigene Rezzesion auf Amazon schlägt dem Fass den Boden aus.

tschamba fii
00
11.2.2012, 16:41
abwarten

des was uns hier präsentiert wird , soll doch hoffentlich nicht die geschichte am schloß wilhelminenberg verharmlosen.

wofür ist diese fr. helige jetzt zuständig?

noch nicht vergessen!

erwin aschenwald
 
03
11.2.2012, 15:59
http://www.tt.com/csp/cms/s... m-land.csp

so las sich das in der Zeitung. 3 Wochen später 'entschuldigte' sich LH Platter gestenreich bei den armen Opfern, die ExpertInnen der Steuerungsgruppe Opferschutz wurden abserviert und durch eine 'Kommission der 2. Wahl" ersetzt.
Die Vorschläge der 'Steuerungsgruppe' hinsichtlich der empfohlenen Entschädigungen wurden auf "Klasnic-Niveau" hinunter lizitiert und auf die groß angekündigten Verantwortung des Landes Tirol für seine Heimopfer musste man staunend zur Kenntnis nehmen, dass Opferkontingente, an deren Schicksal irgendein Klosterkittel beteiligt war, an die Klasnic-Kommission verschoben wurden, wie man es sonst von Schweinebäuchen auf dem globalisierten Markt kennt.... Aufsichtspflicht, Verantwortung der JuWo: Schwamm drüber ...

Diagnose: Fernsehvergiftung dritten Grades!
41
11.2.2012, 15:34
<<Heimkinder wurden früher besonders gerne für Medizin-Experimente"

Kinder werden auch noch am laufenden Band kommerziell verwertet, nicht nur Heimkinder.
Die Kleinen werden z.B. von Geburt an, in der zartesten Entwicklungsphase des Organismus, laufend mit Impfpampe vollgepumpt, dass es ihnen fast schon bei den Ohren rauskommt. Für die Pharmaindustrie ein einträgliches Milliardengeschäft. Und die Eltern sind heute so unsicher und verängstigt, dass sie von sich aus auf jedes Hinterfragen dieser Praxis und ihrer langzeitwirkungen aggressiv reagieren.
Verantwortung wird einfach abgegeben- an die, die es ja wissen müssen.

Erwin Wolfram
00
11.2.2012, 15:16
...

ich seh keinen unterschied zum standard...

re flexion
00
11.2.2012, 14:23
Lustig

dass man "Verbrechen in Kinderheimen" untersucht aber nicht einmal zwischen damaligem Stand der Wissenschaft und Missbrauch an Heimkindern unterscheiden kann.

Da kommt ja fast der Verdacht auf dass man das Ergebnis dann je nach Interessenslage in die eine oder andere Richtung interpretiert.

afterthought
00
11.2.2012, 14:31

Erstens ist das nicht wirklich lustig, und zweitens schließt doch das Eine das Andere nicht aus. Manche Behandlungsmethoden werden nicht mehr eingesetzt, da sie mehr oder weniger Mißbrauch darstellen.

re flexion
01
11.2.2012, 15:12

Das "lustig" war ironisch gemeint und bzgl. Behandlungsmethodik und deren Beurteilung geht meine Kritik nicht an die Sache an sich sondern an den Umstand, dass sich die Kommission da nicht einmal die Kompetenz zugesteht dies nur halbwegs zu beurteilen. Sammeln die da blind irgendwelche Daten? Wird da einfach gesammelt wer da wo Malariaerreger eingesetzt hat und erst nachher beurteilt (ev. je nach Opportunität) ob dies überhaupt experimenteller Mißbrauch oder doch Stand der Wissenschaft war?

Weniger ist mehr.
00
11.2.2012, 14:22
"Menschenverachtende Behandlungen" - in der VERGANGENHEIT??? Und was ist mit der Gegenwart?

Psychos erzeugen durch das kranke Getriebe des Turbokapitalismus, aber Psychotherapie auf Krankenschein mehr denn je einschränken.

In 40 Jahren wird dann die heutige Gegenwart kritisiert.
Die meisten FührerInnen der geschundenen Bevölkerung sind immer wieder von gestern.

Andreas W
06
11.2.2012, 12:44
"Menschenverachtende Behandlungen" - puh, was fuer eine Erkenntnis und sooo neu!

Ueberall, wo Menschen zu viel Macht haben und schlimmstenfalls diese auch noch unkontrolliert gewaehrt wird, gibt es Missbrauch jeglicher Art.

Das ist nicht neu, aber die Naivitaet derer, die va die Unkontrolliertheit aendern koennten ist ebenso verfestigt, wie das Festhalten an moeglichst hoher VerteilungsUNgerechtigkeit.

Missbrauch ist immer und ueberall - und es zahlen immer die Schwaechsten am Meisten drauf - in der Familie, in Kinder- und Pflegeheimen, in Krankenhaeusern, in der Wirtschaft, in der Politik

Erisian Liberation Front
22
11.2.2012, 10:36
Hmm

noch nichtsehr weit, die Vertuschungskommission.
Na ja, die nächsten Wahlen in Wien sind ja erst in ein paar Jahren, die haben ja noch viel Zeit.

atomkraft neindanke
28
11.2.2012, 10:30

Mir tun die betroffenen Menschen, die damals als sie noch Kinder waren, gewalttätigen Personen schutzlos ausgeleifert waren, wirklich leid. Ich möchte mich bei den Opfern dafür entschulidgen, dass dies im Namen der Republik und unter dem "Schutz " der Stadt Wien möglich war.
ich bin der Meinung, dass die sog. Verjährung, wenn Kinder die Geschädigten waren, zur Gänze aufgehoben werden muss!
ich fordere die Stadt Wien auf, dass die Opfer von damals heute als selbstorganisierte und unabhängige Institutionen die Überwachung und Kontrolle staatlicher Heime übernehmen und damit ihre Nasen heute in jede Angelegenheit, in jedes Heim stecken dürfen!
die Opfer von damals wissen sicherlich am besten wie man die Opfer von heute beschützt!

Quasis Herr Karl
014
11.2.2012, 11:04
In keiner einzigen Kommission *österreichweit*

sitzt auch nur eine einzige direkt betroffene Person. Der Staat,die Stadt, die Bundesländer untersuchen den Staat, die jeweilige Stadt, das jeweilige Bundesland ohne auch nur im geringsten einer begleitenden Kontrollfunktion zu unterliegen. Als ehemaliger Zögling der Caritas-Klostererziehungsanstalt Gleink bei Steyr und des LJH Korneuburg (1963 bis 1970) biete ich meine Mitarbeit an. heimkind@chello.at

erwin aschenwald
 
04
11.2.2012, 14:30
die werden sich hüten .....

In Tirol übrigens wurde mit viel "Trara" eine 'ARGE Missbrauch' vorgestellt, allein schon die Bezeichnung ist grenzwertig; in diesem Gremium sitzt unter anderem auch wieder die Leiterin der JuWo des Landes Tirol, die bei den Machenschaften rund um das notorische "Pflegenest" Ihrer 'Duz-Freundin' Hanni tatenlos zusah, auch vor der Bezeichnung "Vorzeigeeinrichtung" nicht zurückschreckte. 2 Wochen später wurde die Schliessung der Einrichtung - erst auf Druck einer empörten Öffentlichkeit - durchgesetzt.
"ARGE Missbrauch" - ob dieser 'hatschert' klingende Name nicht schon wieder Programm sein wird ....

die Großmutter
00
11.2.2012, 13:35

ja, so sollte es sein. Haben Sie schon die verschiedenen Kommissionen kontaktiert ?

Quasis Herr Karl
02
11.2.2012, 17:26
Zwei.

Antworten stehen aus.

die Großmutter
04
11.2.2012, 20:21

ok, anscheinend hat sich nichts geändert.Präpotent wie immer.Die sitzen immer noch am hohen Ross.Ob sich das einmal ändert?

siliconvalley
00
23.2.2012, 00:32

die werden sich nicht rühren

erwin aschenwald
 
02
11.2.2012, 15:04
Na soweit kommt's noch ...

... dass man wie ein Bittsteller um Mitwirkung an der Aufklärung betteln muss; die wollen ja - siehe Tirol - nicht einmal ExpertInnen mit Rückgrat und Fachkenntnis in ihren Fuzzi-Pseudo-Alibi-Tribunalen;

Dokumentierte Wünsche Betroffener, an diversen 'Runden Tischen' teilzunehmen, werden schon seit März 2010 nicht einmal ignoriert ....

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