Gefährliche Opferinszenierungen

Interview10. Februar 2012, 17:28
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Zwischen Macht und Ohnmacht: Für mehr Einfluss inszenieren sich Menschen zum "Opfer" - osb-Wien-Geschäftsführer Santer über die Gefahr der Opferrolle

STANDARD: Im Privatleben wie im Job trifft man immer wieder auf ein Opfer-Täter-Schema. Wie wird man zum Opfer, wie zum Täter?

Santer: Prinzipiell ist die Opfer-Täter-Geschichte eine Funktion, um Auseinandersetzungen zu relevanten Themen zu vermeiden.

STANDARD: Wie funktioniert das?

Santer: Zunächst muss gesagt werden, dass es Opfer gibt, denen tatsächlich Unrecht widerfährt. Viele aber inszenieren sich als Opfer, um Einfluss zu nehmen. In einer Opferinszenierung geht es um die Vermeidung eines Themas, indem man es auf die persönliche Ebene zieht. Das vermeintliche Opfer ist dann in einem Bereich, der im sozialen Umfeld als schützenswert gilt. Und plötzlich geht es um Moral und nicht mehr um die Sache.

STANDARD: Was hat man davon, sich als Opfer zu inszenieren?

Santer: Der momentane Vorteil ist der Gewinn an Boden und Einfluss. Und das soziale Umfeld hat den momentanen Gewinn, sich nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen und sich dem Schützenswerten gefügt zu haben.

STANDARD: Nie ein Vorteil, wo nicht auch ein Nachteil ...

Santer: Mittelfristig ist der Schaden sehr groß. Er oder sie verliert an Respekt. Das soziale Umfeld erkennt die Opferinszenierung als Flucht, aber keiner traut sich das aufzuzeigen, und so verliert man das Vertrauen zu den vermeintlichen Opfern. Sie werden nicht mehr eingeladen und sukzessive gemieden. Diese Menschen verlieren mit der Zeit den Anschluss zum sozialen System und befinden sich dann in einer Abwärtsspirale, in der man dann auch zu einem echten Opfer werden kann.

STANDARD: Erleben Sie das in Ihrer Praxis als Berater oft?

Santer: Permanent. Die Opferinszenierung ist eine Möglichkeit, Einfluss zu gewinnen. Der eigene Einflussbereich endet eben dort, wo der andere Einflussbereich beginnt. Wir lernen diese Technik sehr früh - etwa in der Familie. Dort bekommt jene Person, die sich am besten als Opfer inszeniert, die meiste Aufmerksamkeit.

Auf Unternehmensebene funktioniert das so, dass es häufig als ungerecht beschrieben wird, wenn nicht jeder zum Zug kommt oder eine Person mit ihrem Interesse sich benachteiligt fühlt. Und so kommt es auch zu Sachentscheidungen - und das teilweise auf höchsten Führungsebenen -, die nicht die besten Lösungen sind.

STANDARD: Und der Täter?

Santer: Der zielorientierte Täter, wenn Sie so wollen, ist nicht daran interessiert, Opfer zu haben. Er wird versuchen, seine Ziele zu erreichen, ohne Opfer zu hinterlassen, weil er sonst immer in der Bredouille sein wird. Er ist eigentlich derjenige, der etwas vorgibt und in seine Richtung zu beeinflussen versucht. Und derjenige, dem das nicht passt, kann das durch eine Opferinszenierung bremsen.

STANDARD: Dann gibt es den "bösen" Täter nicht?

Santer: Doch. In dem Augenblick, wo jemand ein Interesse verfolgt, wird es automatisch Benachteiligte dieser Bewegung geben. Die Frage ist, wie man diese anderen Interessen ausgleichen kann oder will. Von der anderen Seite aus betrachtet kann ich mich dann ohnmächtig fühlen oder in meiner Eigenverantwortung bleiben und mich anders entscheiden. (Heidi Aichinger/DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.2.2012)

Hellmut Santer (49) ist Systemischer Organisationsberater, Trainer und Coach. Seit Jahresbeginn ist er Geschäftsführer der osb Wien Consulting.

  • Hellmut Santer.
    foto: osb

    Hellmut Santer.

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