Höchste Zeit, noch rasch die zwei Clans vorzustellen, die diesem Ereignis sein Gepräge geben
Eins, zwei, drei, im Sauseschritt nähert sich der Opernball. Höchste
Zeit daher, noch rasch die zwei Clans vorzustellen, die diesem Ereignis
sein Gepräge geben. "News" tat es in seiner Coverstory. Macht,
Millionen, Missgunst, ließ man die Leser Tragik wittern. Es waren dann
aber nicht die naturgemäß tragikumwitterten Lugners, sondern es waren -
Die Treichls. Im Inhaltsverzeichnis waren es dann schon Diese Treichls!
Und es wurde versprochen, im Talk zum Opernball Antwort auf die nie
gestellte Frage zu liefern: Wie ticken Desirée & Andreas Treichl?
Von seinem Tick hat er die heimischen Politiker bereits vor einiger Zeit
in Kenntnis gesetzt. Sie aber hatte frisch Überraschendes zu bieten:
"Ich wurde bis auf die Unterhose durchleuchtet." ER leitet eine der
wichtigsten Banken, SIE den Opernball. Geldadel küsst Aristokratie. Eine
Liebe, zu groß für Österreich? frug "News". Und wieder einmal erwies es
sich - Austria is a too small country. Ja, diese Treichls. In guten
Zeiten sind sie Österreichs Red Carpet in die große, weite Welt. In
schlechten Zeiten sind sie der neokapitalistische Klassenfeind. Zu
Zeiten des Opernballs sind sie stets beides. Eine gute Zusammenfassung,
wenn man davon absieht, dass der neokapitalistische Klassenfeind noch
nie bis auf die Unterhose durchleuchtet wurde.
So wie "News" im Clinch mit Desirée um Antwort auf die Frage rang, wie
die Treichls ticken, suchte "Heute" im heimischen Paralleluniversum nach
Antworten auf Fragen, wie sie U-Bahn-Benützer stellen. Wer konnte das
Ahnen (sic)? Schon Lugners Vorfahren waren Schlawiner. Geschäftstüchtig,
gewitzt und glamourös! So kennen wir den berühmtesten Baumeister des
Landes. "Heute" wollte wissen, woher Richard Lugner (79) seinen
unvergleichlichen Charme hat.
Während sich "News" auf der Suche nach dem Charme des Banken-Chefs mit
den vergleichenden Auskünften der Ehefrau zufrieden gab - wenn er ihr
eine Freude machen kann, ignoriert er bewusst den geifernden Volksmund
-, ging "Heute" der Frage, woher Richard Lugner seinen unvergleichlichen
Charme hat, mit jener vivisektiererischen Wissenschaftlichkeit nach, die
dem Objekt angemessen ist. Die Genforscher von www.historiker.at wühlten
in Lugners Ahnenkiste und fanden heraus: Schon die Vorfahren von Mr.
Opernball waren Schlawiner! Bei Treichls wäre vielleicht auch
Interessantes aufgekommen, hätten sie "News" statt eines Interviews
ihre Ahnenkiste gegeben.
Einiges ist natürlich aufgekommen. Etwa: Andreas Treichl musste sich
langwierig von seinem Übervater Heinrich, dem legendären CA-General,
emanzipieren. Oder: Auch Desirée musste sich nach dem plötzlichen
Untergang ihrer adeligen Welt von gestern nach Pleiten, Demütigungen und
Schicksalsschlägen ihr Standing in der Society völlig neu erarbeiten.
Damit hat es Lugner leichter - bei besseren Voraussetzungen. Kein
Übervater, kein plötzlicher Untergang adliger Welten, nein: Wein, Weib
und Gesang! Dieses Motto sog Richard Lugner mit der Muttermilch auf.
Schon seine Vorfahren wussten, wie man Leben und Liebe genießt. Die
Männer der Lugner-Linie suchten sich im fortgeschrittenen Alter jüngere
Frauen. "Sein Urgroßvater wurde mit 66 Jahren noch einmal Vater", verrät
der Historiker, und stärkt damit dem Urenkel den Rücken. "Da war ich mit
61, als meine Tochter Jacqueline geboren wurde, ja noch richtig jung",
lacht der Baumeister. "Ich bin eben ein echter Lugner!"
Und nicht nur ein Banken-Chef, auch ein solcher kann nach seinen
Vorfahren kommen. Nicht nur beim Vergnügen, auch beim Fleiß kommt er
ganz nach seinen Vorfahren. Seine Großmutter war Winzerin in Haugsdorf
(NÖ), von ihr hat Richard wohl seinen Vorliebe für Wein. Den
Geschäftssinn hat er hingegen von Großonkel Rudi. Er brachte es vom
Dorfangler bis zum kaiserlichen Hoffischer. Von Onkel Rudis
Geschäftssinn könnte sich mancher Banker etwas abschneiden.
Übrigens: Unter mysteriösen Umständen wird "Heute"-Chefredakteur
Ainetter das Blatt verlassen. Mit Eva Dichand ist "kritischer,
unabhängiger Journalismus aus meiner Sicht nicht mehr möglich gewesen",
fand er, und: "Bei den Gesprächen mit der Geschäftsführung ging es nie
um die Frage der Qualität, sondern um die Frage der politischen und
ökonomischen Einflussnahme auf die Redaktion." Frau Dichand konterte,
unter Ainetter wäre "Heute" zu "Bild"-ähnlich. Wir möchten uns
qualitativ aber ganz deutlich davon abgrenzen. Soweit klar. Mysteriös
daran: All das wusste Ainetter nicht vorher? (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.2.2012)