Vor dem Ball der Glamourösen

10. Februar 2012, 17:30
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Höchste Zeit, noch rasch die zwei Clans vorzustellen, die diesem Ereignis sein Gepräge geben

Eins, zwei, drei, im Sauseschritt nähert sich der Opernball. Höchste Zeit daher, noch rasch die zwei Clans vorzustellen, die diesem Ereignis sein Gepräge geben. "News" tat es in seiner Coverstory. Macht, Millionen, Missgunst, ließ man die Leser Tragik wittern. Es waren dann aber nicht die naturgemäß tragikumwitterten Lugners, sondern es waren - Die Treichls. Im Inhaltsverzeichnis waren es dann schon Diese Treichls! Und es wurde versprochen, im Talk zum Opernball Antwort auf die nie gestellte Frage zu liefern: Wie ticken Desirée & Andreas Treichl?

Von seinem Tick hat er die heimischen Politiker bereits vor einiger Zeit in Kenntnis gesetzt. Sie aber hatte frisch Überraschendes zu bieten: "Ich wurde bis auf die Unterhose durchleuchtet." ER leitet eine der wichtigsten Banken, SIE den Opernball. Geldadel küsst Aristokratie. Eine Liebe, zu groß für Österreich? frug "News". Und wieder einmal erwies es sich – Austria is a too small country. Ja, diese Treichls. In guten Zeiten sind sie Österreichs Red Carpet in die große, weite Welt. In schlechten Zeiten sind sie der neokapitalistische Klassenfeind. Zu Zeiten des Opernballs sind sie stets beides. Eine gute Zusammenfassung, wenn man davon absieht, dass der neokapitalistische Klassenfeind noch nie bis auf die Unterhose durchleuchtet wurde.

So wie "News" im Clinch mit Desirée um Antwort auf die Frage rang, wie die Treichls ticken, suchte "Heute" im heimischen Paralleluniversum nach Antworten auf Fragen, wie sie U-Bahn-Benützer stellen. Wer konnte das Ahnen (sic)? Schon Lugners Vorfahren waren Schlawiner. Geschäftstüchtig, gewitzt und glamourös! So kennen wir den berühmtesten Baumeister des Landes. "Heute" wollte wissen, woher Richard Lugner (79) seinen unvergleichlichen Charme hat.

Während sich "News" auf der Suche nach dem Charme des Banken-Chefs mit den vergleichenden Auskünften der Ehefrau zufrieden gab – wenn er ihr eine Freude machen kann, ignoriert er bewusst den geifernden Volksmund -, ging "Heute" der Frage, woher Richard Lugner seinen unvergleichlichen Charme hat, mit jener vivisektiererischen Wissenschaftlichkeit nach, die dem Objekt angemessen ist. Die Genforscher von www.historiker.at wühlten in Lugners Ahnenkiste und fanden heraus: Schon die Vorfahren von Mr. Opernball waren Schlawiner! Bei Treichls wäre vielleicht auch Interessantes aufgekommen, hätten sie "News" statt eines Interviews ihre Ahnenkiste gegeben.

Einiges ist natürlich aufgekommen. Etwa: Andreas Treichl musste sich langwierig von seinem Übervater Heinrich, dem legendären CA-General, emanzipieren. Oder: Auch Desirée musste sich nach dem plötzlichen Untergang ihrer adeligen Welt von gestern nach Pleiten, Demütigungen und Schicksalsschlägen ihr Standing in der Society völlig neu erarbeiten.

Damit hat es Lugner leichter – bei besseren Voraussetzungen. Kein Übervater, kein plötzlicher Untergang adliger Welten, nein: Wein, Weib und Gesang! Dieses Motto sog Richard Lugner mit der Muttermilch auf. Schon seine Vorfahren wussten, wie man Leben und Liebe genießt. Die Männer der Lugner-Linie suchten sich im fortgeschrittenen Alter jüngere Frauen. "Sein Urgroßvater wurde mit 66 Jahren noch einmal Vater", verrät der Historiker, und stärkt damit dem Urenkel den Rücken. "Da war ich mit 61, als meine Tochter Jacqueline geboren wurde, ja noch richtig jung", lacht der Baumeister. "Ich bin eben ein echter Lugner!"

Und nicht nur ein Banken-Chef, auch ein solcher kann nach seinen Vorfahren kommen. Nicht nur beim Vergnügen, auch beim Fleiß kommt er ganz nach seinen Vorfahren. Seine Großmutter war Winzerin in Haugsdorf (NÖ), von ihr hat Richard wohl seinen Vorliebe für Wein. Den Geschäftssinn hat er hingegen von Großonkel Rudi. Er brachte es vom Dorfangler bis zum kaiserlichen Hoffischer. Von Onkel Rudis Geschäftssinn könnte sich mancher Banker etwas abschneiden.

Übrigens: Unter mysteriösen Umständen wird "Heute"-Chefredakteur Ainetter das Blatt verlassen. Mit Eva Dichand ist "kritischer, unabhängiger Journalismus aus meiner Sicht nicht mehr möglich gewesen", fand er, und: "Bei den Gesprächen mit der Geschäftsführung ging es nie um die Frage der Qualität, sondern um die Frage der politischen und ökonomischen Einflussnahme auf die Redaktion." Frau Dichand konterte, unter Ainetter wäre "Heute" zu "Bild"-ähnlich. Wir möchten uns qualitativ aber ganz deutlich davon abgrenzen. Soweit klar. Mysteriös daran: All das wusste Ainetter nicht vorher? (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.2.2012)

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