Aktuelle Bewerber statt "Karteileichen"

  • Das Gründertrio: V.l.n.r: Michel Winata, Philipp Kriechbaum und Eduard Ducho.
    foto: candidatis

    Das Gründertrio: V.l.n.r: Michel Winata, Philipp Kriechbaum und Eduard Ducho.

Neuer Recruitingkanal "Candidatis" will Schnittstelle zwischen Bewerbern, Arbeitgebern und Personaldienstleistern sein - "So etwas fehlt am Markt"

"Ich bin Unternehmer mit Leib und Seele", sagt Philipp Kriechbaum, "immer schon gewesen." Der 29-jährige Wiener ist Teil eines Trios, das mit der Gründung eines neuen Recruitingkanals für Furore sorgen möchte. Der Kanal ist eigentlich ein Portal, das unter dem Namen "Candidatis" firmiert, und stellt, nomen est omen, Jobkandidaten in den Mittelpunkt. "Einerseits grenzen wir uns von Stellenportalen ab, andererseits von sozialen Netzwerken", erklärt er im Gespräch mit derStandard.at. "So etwas fehlt am Markt."

Anonyme Profile

Die Plattform candidatis.at besteht aus zwei Komponenten. Auf der einen Seite können Jobsuchende ihr Profil anlegen, um von Unternehmen gezielt rekrutiert zu werden. Das geht entweder anonym oder personalisiert über die Bühne. Je nachdem, wie es gewünscht wird. "Profile sind per Standard-Einstellung anonym", so Kriechbaum. Das bedeutet, dass keine personenbezogenen Daten ersichtlich sind, auch nicht die Namen vergangener und aktueller Arbeitgeber. Rückschlüsse, wer hinter dem Profil steht, sind nicht möglich, versichert er. Diskretion sei Garantie. Aber was erfährt man dann überhaupt? "Berufserfahrung, Ausbildung, Anstellungsziele und die Gehaltsvorstellungen."

Das Prozedere läuft so ab: Der Arbeitgeber nimmt mit dem Kandidaten Kontakt auf und bittet um die Freigabe seiner Daten. Bestätigt dieser die Anfrage, wird das Profil mit allen Angaben für das anfragende Unternehmen sichtbar. Das Profil selbst kann optional noch mit Arbeitszeugnissen oder Bewerbervideo "aufgefettet" werden. Ist der Jobsuchende nicht an der Firma interessiert, kann er den Wunsch nach Veröffentlichung seiner Daten verweigern.

Mit Einverständnis platziert

Bei der zweiten Komponente, um den Bewerberpool zu vergrößern, kommen Personaldienstleister ins Spiel. "Vom Headhunter bis zu Personalleasingfirmen", präzisiert Kriechbaum. "Die können bei uns Profile von Kandidaten anonymisiert reinstellen." Wenn sich zum Beispiel hundert Leute für einen Job bewerben, bleiben theoretisch 99 Bewerber übrig, die für Candidatis infrage kommen. Geht das so einfach ohne Rückfrage? "Natürlich nicht", betont der FH-Absolvent, der Datenschutz spiele eine wichtige Rolle. Personalberater müssen vorab das Einverständnis der Kandidaten einholen, um sie am Jobmarkt platzieren zu können.

Außerdem werde auch hier noch eine Selektion stattfinden. "Der Personalberater steht mit seinem Namen für die Qualität der Kandidaten." Arbeitgeber können die Profile, die auf diesem Wege in der Datenbank landen, nicht direkt, sondern über den Umweg Personalberater kontaktieren. Dieser schlüpft dann quasi wieder in die Rolle des Vermittlers und fragt den Bewerber, ob er interessiert sei. "Das ist ein zusätzlicher Vertriebskanal", so Kriechbaum, der die eigene Branche auf den Prüfstand stelle. Sind die Kandidaten nicht qualifiziert, gehe dies zwangsweise zulasten der Reputation.

Personaldienstleister und Firmen zahlen

Für Jobsuchende fallen bei Candidatis keine Zahlungen an, ihr Profil ist gratis. Zahlen müssen Personaldienstleister, die ihre Bewerber einspeisen, und Arbeitgeber, die die Datenbank nach geeigneten Mitarbeitern durchsuchen. Der Zugang zum Portal sei ein zeitlich befristeter, die Kosten orientieren sich am Leistungsumfang. Aber was ist daran neu? Karriereprofile können schließlich bereits bei einigen Portalen von Bewerbern deponiert werden - und Unternehmen können gezielt danach suchen. Laut Kriechbaum ist es der "aktuelle Kandidatenpool, der aus unterschiedlichen Quellen gespeist wird". So will Candidatis aus der Masse der Job- und Karrierebörsen herausstechen.

Gefunden werden können nämlich nur Leute, die aktuell auf Jobsuche sind: "Und keine Karteileichen wie bei vielen anderen Seiten." Denn: "Die Profile sind automatisch nur acht Wochen online, danach braucht es eine Bestätigung, sonst werden sie inaktiv gestellt." So wolle man größtmögliche Aktualität garantieren. Was man auch garantieren wolle, ist Suche ohne großen Aufwand. Der sogenannte "Talent Agent" versorgt Firmen mit Vorschlägen. Sprich: Kandidaten, die den Anforderungen entsprechen könnten.

Die Idee zu Candidatis entstand im Frühjahr 2011. Seit Jänner 2012 ist das Gemeinschaftsprojekt von Kriechbaum und Eduard Ducho, Freunde seit der Volksschule, im Netz. Kriechbaum studierte an der Fachhochschule Wien Unternehmensführung, Ducho war viele Jahre in der Personalbranche tätig. Die Führungsriege komplettiert Michel Winata. Ein Wirtschaftsinformatiker, der für die technische Umsetzung rekrutiert wurde.

Kurs Richtung Deutschland

Bis jetzt haben sich rund 400 Jobsuchende registriert, die Gespräche mit Unternehmen verlaufen vielversprechend, heißt es. Nach der Etablierung in Österreich wollen die drei Gründer so schnell wie möglich auf Expansionskurs gehen. Im Visier haben sie die Märkte Deutschland und Schweiz. Kooperationen mit Partnern, die den Eintritt erleichtern, seien bereits fixiert.

Das Start-up ist rein gründerfinanziert, nach Investoren halte man nicht Ausschau. "Wir wollen das Ruder selbst in den Händen halten", sagt Kriechbaum. Nachhaltiges Wachstum stehe im Vordergrund - "und nicht der schnelle Profit". Eine Zwischenbilanz, ob das Geschäftsmodell aufgeht, soll Ende nächsten Jahres gezogen werden. "Wir sind guter Dinge." (om, derStandard.at, 13.2.2012)

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