Ökonom

"Wirtschaftswachstum ist kein Recht"

Interview | Johanna Ruzicka, 10. Februar 2012, 18:33
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    In der Wirtschaft geht es nach Tomás Sedlácek um Gut und Böse. Die Ökonomie ist dabei eine nicht so wertefreie Wissenschaft, wie immer dargestellt.

Bei der Jagd nach noch mehr Wohlstand wurden Werte und Moral beiseitegeschoben: Tomás Sedlácek über nicht haltbare Wachstumsgläubigkeit

Standard: Wir leben in einer Welt, die bedingungslos an Wirtschaftswachstum als Problemlöser glaubt. Ist dies aus geschichtlicher Perspektive normal oder ein neuzeitliches Phänomen?

Sedlácek: Mit dem Fortschritt verbinden wir nicht nur materielle Hoffnungen, wir sehen darin auch die Vorstellung, dass es eine immer bessere Welt geben kann. Ein Absinken des Bruttoinlandsprodukts nehmen wir mit beinahe religiöser Enttäuschung hin - selbst wenn es sich nur um ein paar Zehntelprozentpunkte handelt. Doch ist das Phänomen Wirtschaftswachstum sehr jung.

Standard: Warum?

Sedlácek: Wenn man sich ansieht, wie die Haushalte von 2000 v. Chr. bis hin in das Industriezeitalter funktionierten, merkt man, dass sich diese ziemlich ähnelten, trotz des langen Zeitraums. Damals wurde Zeit als zyklisch begriffen - ohne Entwicklung. Man sieht dies beispielsweise an Kinderspielzeug, das sich innerhalb von 4000 Jahren kaum verändert hat. Erst mit dem Beginn des Industriezeitalters kam es zu fundamentalen Änderungen, und ich denke, dass die Menschen vom plötzlichen Einsetzen des Fortschritts überrascht waren. Allerdings gewöhnten wir uns schnell daran, und heute sind wir abhängig davon. Wenn es keinen Fortschritt gibt, kollabiert unsere Gesellschaft. Wir halten Fortschritt für unser Recht - aber das ist es nicht.

Standard: In Ihrem Buch beschreiben Sie die Hebräer, die alle 49 Jahre Schuldenstreichungen vorgenommen haben sollen. Wäre eine so bedingungslose Aktion auch etwas für uns?

Sedlácek: Nun, wir wissen natürlich nicht genau, ob und wie dies umgesetzt wurde. Aber natürlich hätte die moderne Gesellschaft von Zeit zu Zeit einen Neustart nötig. So wie man beim Computer immer wieder einen Reset, ein generelles Zurücksetzen aller Programme vornehmen muss, würde uns so ein Neustart auch immer wieder mal guttun. Unsere Systeme sind ja sehr überfrachtet. Das würde uns auch in Erinnerung rufen, dass einem Besitz nicht auf ewig gehört. Und dass vor allem die Akkumulation von Reichtum nur bis zu einem gewissen Punkt möglich ist. Das ist es ja insbesondere, was uns derzeit Probleme macht: diese extreme Anhäufung von Wohlstand.

Standard: Sind Schuldenstreichungen nicht etwas Ähnliches?

Sedlácek: Wir machen zwar Schuldenstreichungen, aber wir machen sie ohne System und mit vielen, vielen Auflagen. Im Alten Testament wird die Vorschrift beschrieben, Boden alle sieben Jahre ruhen zu lassen. Das hatte natürlich landwirtschaftliche Gründe, aber die Bedeutung ging tiefer. Alle sieben Jahre wurden Menschen, die aufgrund hoher Schulden in Sklaverei gefallen waren, von ihrer Sklavenarbeit befreit.

Standard: Wir aber tun uns beim Vergeben schwer ...

Sedlácek: Ja. Offensichtlich gibt es viele Hürden, was Vergeben und Vergessen von Schuld betrifft. Kleine Firmen können bankrottgehen - aber die großen, insbesondere die Finanzinstitute? Da heißt es "too big to fail", zu groß, um bankrottgehen zu können. Dabei heißt es nicht nur "too big to fail", sondern auch "too interconnected to fail" - zu verwoben, als dass eine Institution bankrottgehen könnte. Diese Grundhaltung spielt in die Fundamente unseres Wirtschaftens hinein: in Spezialisierung und insbesondere in Globalisierung. Als Einzelner sind wir nichts im System. Aber alles ist so verwoben und so sehr voneinander abhängig, dass große Institutionen mit aller Kraft erhalten bleiben müssen.

Standard: Sie sind also ein Globalisierungsgegner?

Sedlácek: Nicht unbedingt. Es muss uns nur stärker bewusst werden, dass es eine dunkle Seite der Globalisierung gibt. Wir sind dazu übergegangen, unser Wirtschaftssystem wie blind zu verteidigen. Außer den Globalisierungsgegnern wollte die Schattenseiten dieser extremen Verwobenheit, die wir durch die Globalisierung erreicht haben, niemand richtig wahrhaben.

Standard: Auf was sollte die Wirtschaftspolitik denn fokussieren, wenn nicht auf Wachstum des Bruttoinlandsprodukts?

Sedlácek: Es müsste doch vorstellbar sein, dass wir unseren Level von Wohlstand einfach halten. Wir sollten dankbar sein, wenn es zu ökonomischem Wachstum kommt, aber es sollte nicht um jeden Preis sein, weil dies unsere Ökonomien irgendwann unweigerlich kollabieren lässt. Gerade wegen des technologischen Fortschritts sollten wir mit dem derzeitigen Wohlstandslevel auch mal zufrieden sein. Wirtschaftswachstum ist kein Recht.

Standard: In Ihrem Buch gehen Sie auf die "unsichtbare Hand" des Adam Smith ein, wonach sich Märkte am besten selbst regeln. Wurde das durch die aktuelle Krise, die von ungeregelten Finanzmärkten ausgeht, nicht ad absurdum geführt?

Sedlácek: Märkte brauchen Regierungen und umgekehrt. Die Märkte wären kollabiert, hätte es nicht staatliche Interventionen in den letzten Jahren gegeben. Aber auch die Regierungen ziehen ihre Berechtigung daraus, dass sie ständig intervenieren. Sie sind wie Betrunkene, die sich stützen müssen, damit sie nicht fallen.

Standard: Die Rolle der Ökonomie wird in unserer Gesellschaft also überbewertet?

Sedlácek: Der materielle Fortschritt ist zur säkularen Religion geworden. Und die Hohepriester dieser Religion sind die Ökonomen. Sie interpretieren die Realität, leisten prophetische Dienste, indem sie makroökonomische Vorhersagen treffen. Und den Weg aus der Schuldenkrise wollen sie auch noch aufzeigen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 11./12.2.2012)

 

Tomás Sedlácek lehrt an der Prager Karls-Universität, ist Chefökonom der größten tschechischen Bank CSOB und Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats in Prag. Während der Amtszeit des tschechischen Präsidenten Václav Havel arbeitete er als dessen Berater. Sein Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse", das vor kurzem auch auf Deutsch im Hanser-Verlag erschienen ist, war in Tschechien ein Bestseller. Zwei Schauspieler arbeiteten das Buch zu einem Theaterstück um und inszenierten es am Nationaltheater in Prag. Einige Male spielte der 35-Jährige darin mit. Die Yale Economic Review bezeichnet Sedlácek 2007 als einen der jungen "hot minds in Economics".

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Tschuri Cazzino
 
01
14.2.2012, 06:36
Eindrucksvolle Darbietung, die zeigt, dass er nicht nur die Wirtschaft nicht versteht, sondern

auch das Wesen des Menschen nicht kennt und schon die Bibel nicht versteht.
Bereits in alttestamentarischen Zeiten ruhte nur der Boden und nicht die Menschen im siebenten Jahr. Da verhungerten nur ein paar mehr.

Mike Freeman
00
13.2.2012, 10:49
"too big to fail" only means "too fat to walk"

Und was ihre These Wirtschaftswachstum sei kein Recht betrifft so sehen das die fetten Player dieses Spieles ganz anders:
http://derstandard.at/plink/132... id24486277
Aber an sonsten bin ich Ihrer Meinung.

Bürgerüberwachungs- und Totengräberindustrie
01
13.2.2012, 08:54
Eine Kreatur
12
12.2.2012, 17:33
der witz ist ja ..

dass großteils nicht die "einfachen leute" an grenzenloses wachstum glauben, sondern genau die, die es eigentlich besser wissen sollten, die die in wirtschaft und co. das sagen haben und diverse schulen, universitäten usw. besucht haben (sollten) ..

diese leute leben die größte lebenslüge .. die "durchschnittsverbraucher" sind froh, wenn sie jedes jahr was kaufen können, was ein bisserl anders aussieht, als das vom vorjahr und ein bisserl mehr schnickschnack bietet .. ob es sich dabei wirklich um große techische weiterentwicklungen oder würfe handelt oder nicht, ist ihnen eigentlich wurscht (dank übersättigung) .. und beim erfinden von "neuem" was eigentlich nur ein aufguß von alten ideen ist, ist die industrie ja oft genug kreativ ..

QUANTUM
00
13.2.2012, 06:50

die glauben ja uch nicht drann, sondern instrumentalisieren die einfachen leute einfach nur für sich und machen damit in ihrem spielsystem cash.

so wie die bauern im feudalismus kanonenfutter waren, sind arbeitnehmer in demokratien abschreibposten zur gewinnmaximierung.

gregleto
00
12.2.2012, 18:06
kann ich nur...

...voll zustimmen - das wirtschaftswachstum, daß wir haben beruht einerseits auf immer geringeren Produktzyklen (siehe iPad und co) und Schulden.

gregleto
00
12.2.2012, 13:37
Unendliches Wachstum

Ich finde es herzig, daß Leute noch immer an unendliches Wachstum glauben - obwohl der Mensch selbst eine sehr zeitlich begrenzte Zeit zur Vefügung hat. Er hat ja auch noch nie etwas unendliches geschaffen - kann er auch nicht ;-) Und wir leben auf einer Kugel mit begrenzten Raum und Materie. Witzigerweise spricht die Wirtschaft ja immer selbst von Produktlebenszyklen - alles in der Natur unterliegt Lebenszyklen mit Ablaufdatum.

Ich melde mich hier live aus L.A. von der SpassGes.
22
12.2.2012, 12:13

Es ist wirklich unglaublich wie viele ahnungslose Schwammerl hier "wissenschaftliche" Posts abgeben und nicht mal ihre Argumente erklären können!!

bloody-nine
 
00
12.2.2012, 19:52
deine verweise auf das weltall

sind aber auch net sinnvoller

Enzo93
01
12.2.2012, 19:38

Ihr Beitrag hat sehr dazu beigetragen das Thema zu beleuchten. Danke vielmals.

ict log
00
12.2.2012, 11:45
solange ...

... wir auf der welt immer mehr menschen werden gibts eigentlich (mathematisch) im wesentlichen nur 3 Varianten
a) wachstum oder b) alle haben weniger oder c) wenige haben gleich viel resp. immer mehr und sehr viele haben immer weniger (derzeit sind wir bei variante c))

atomkraft neindanke
02
12.2.2012, 09:28
weniger ist mehr, langsamer und gemeinsam im Sinne aller ist besser! Kooperation ist das Wesen des Friedens, Konkurrenz bringt nur Ausbeutung von Mensch und Natur!

ich finde, der Streit hier im Forum über die Möglichkeit eines ständigen Wirtschaftswachstums geht am Wesentlichen vorbei. Wesentlich für mich ist
Wirtschaftswachstum hat auch seinen Preis, da dafür Ressourcen verbraucht und Umwelt zerstört wird, für diese Gesamtkosten kommen aber nie die echten Profiteure des Wachstums sondern stets die Allgemeinheit auf, siehe Fukushima! 2. werden wir zwar ständig reicher, aber auch ständig unglücklicher, daher verfehlt das Wachstum sein Ziel, 3. verhindert der Markt, der auf Konkurrenz abzielt, Kooperation und nur Kooperation sichert den Frieden langfristig!

Ivan Bukov
00
12.2.2012, 13:00

wenn dann die drei ode mehr lokalen Bauern kooperieren und 3 euro fuer einen liter milch verrlangen wird das leben sicher extrem friedvoll und erfuellend werden...

QUANTUM
00
13.2.2012, 07:02

wobei der friede durch kartelle, mono-, oligopole und sonstige preisabsprachen ja geradezu paradisisch für eine ganz kleine gruppe von profiteuren sich darstellt.

dumm gelaufen
01
11.2.2012, 19:19

Wirkt sympathisch

wilderpel
00
11.2.2012, 19:06

sehr guter artikel - merci

dumm gelaufen
00
11.2.2012, 18:23

Dieses fanatische Klammern an ein paar Prozent Wachstum waren mir schon länger suspekt.

parmigianino
00
11.2.2012, 15:52

spannende gedanken. interessant wäre nur zu wissen wie er mit solchen ideen als chefökonom der größten cz bank vorankommt

Anaxagoras
243
11.2.2012, 15:25
Weltfremder Schwätzer.

Recht ist es keines, aber sehr wohl erstrebenswert.
Wir alle wollen auch mehr Einkommen (Gewinne, Löhne und Pensionen) - und das ist bei Wirtschaftswachstum erst möglich.

dumm gelaufen
03
11.2.2012, 18:24

Find ich nicht. Man muss die Dinge auch mal in einem Größeren Konnex sehen

Helmut Hromadnik21
 
113
11.2.2012, 17:21

AM GRABSTEIN DES KAPITALISMUS WIRD STEHEN:

ZU VIEL WAR NICHT GENUG!

( volker pispers, politischer kabarettist )

sterngucker
 
112
11.2.2012, 16:32
Weltfremd

ist, wer ernsthaft glaubt, daß es so etwas wie immerwährendes Wachstum gibt.

Ich melde mich hier live aus L.A. von der SpassGes.
71
11.2.2012, 17:49

Warum soll es das nicht geben? Erklären Sie mal.

NotUsed
00
13.2.2012, 10:46

schonmal was von der exponentialfunktion gehört?

sterngucker
 
06
11.2.2012, 18:21
Der Physiker Albert Allen Bartlett prägte den Satz:

"The greatest shortcoming of the human race is our inability to understand the exponential function."

Sie sind ein lebendes Zeugnis dafür.

Hier können Sie nachlesen, was eine Exponentialfunktion ist:

http://de.wikipedia.org/wiki/Expo... alfunktion

Wenn es Ihnen dann noch immer nicht klar ist, wird es ein bißchen schwierig.

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