Die Chronisten von Mexikos Drogenkrieg

Reportage
10. Februar 2012, 17:12

Polizeireporter berichten täglich über Drogenmorde und werden dabei selbst zu Zielen der Kartelle

Jeden Morgen, wenn Lucy Sosa in die Redaktion fährt, blickt sie auf das Bild von Luis Carlos Santiago. "Exigimos justicia", wir fordern Gerechtigkeit, steht über dem Foto, das überlebensgroß an der Fassade der Zeitung El Diario in Ciudad Juárez klebt. "Justicia", ein großes Wort im Spanischen, Recht und Gerechtigkeit in einem. Darauf warten Sosa und die anderen Journalisten in der nordmexikanischen Grenzstadt seit über zwei Jahren. Oft nimmt Sosa den Hintereingang, dann muss sie nicht an dem Bild vorbei.

Und doch kommt sie immer wieder hoch, die Erinnerung an den 16. September. Es war früher Nachmittag. Sie solle schnell auf den Parkplatz des Einkaufszentrums Rio Grande kommen, ein Attentat. Ein typischer Anruf, wie er mehrmals am Tag die Redaktion erreicht. Ciudad Juárez ist die gefährlichste Stadt der Welt; voriges Jahr starben von 100.000 Einwohnern 191 eines gewaltsamen Todes. 219 Tote waren es allein im Jänner. 99 Prozent der Verbrechen werden nie aufgeklärt. "Wir gehen immer überall hin; aus Chronistenpflicht, und weil man nie weiß, wer der Ermordete ist", sagt Sosa.

Presseausweis um den Hals

Es könnten Angestellte des US-Konsulats sein, wie vor ein paar Monaten, oder ein wichtiger Drogenboss. Doch diesmal war es Luis Carlos Santiago, Sosas Kollege. Ein Fotograf, gerade einmal 21. Er arbeitete erst seit einigen Monaten für die Zeitung. Lucy war manchmal mit ihm losgezogen. Nun hing sein lebloser Körper auf dem Fahrersitz, die Kamera daneben und den Presseausweis um den Hals.

Wie in Trance registrierte Sosa die Einschusslöcher, befragte die Umstehenden und die Polizisten, stritt mit einem Polizisten um die Kamera, von der sie sich Beweismaterial erhoffte. "Ich war wütend, oft habe ich schon gesehen, wie Polizisten erst einmal die Opfer ausrauben, bevor sie den Tatort sichern", erinnert sich die 41-Jährige.

Seit 19 Jahren ist die kleine Frau Polizeireporterin, sie kann besser Spuren lesen als mancher Ermittler. "Bei den Massakern sieht man oft, wie sich die Einschusslöcher die Wand hochziehen bis zur Decke. Dann waren die Mörder Halbwüchsige, noch nicht stark genug, um den Rückschlag der Maschinenpistolen zu halten."

Von Albträumen verfolgt

Die Chroniken des Diario lesen sich neutral wie Gerichtsakten: "Um 10.58 in der Siedlung Los Bosques wurden drei Unbekannte von Unbekannten erschossen. Die Attentäter feuerten über 120 Schüsse mit Waffen der Kaliber 40 und 308 ab." Hintergründe? Sosa ahnt oft, welches Kartell dahintersteckt, doch spekulieren wäre lebensgefährlich. Die Polizeichroniken werden nicht mehr namentlich gezeichnet.

Bei den spektakulärsten Fällen versucht Sosa nachzuhaken, am Ball zu bleiben. Etwa beim Massaker im Vorort Salvárcar 2010. Dort wurden 16 Jugendliche bei einer Party niedergemetzelt. Allem Anschein nach wurden sie mit einer kriminellen Bande verwechselt. "Diese Geschichte ging mir sehr nahe, ich habe Söhne im gleichen Alter", sagt sie leise. Seither hat sie Albträume.

Das staatliche Versagen hat die Menschen misstrauisch gemacht. Niemand traut den anderen, niemand will reden, schon gar nicht mit der Polizei. Den Reportern vertrauen die Menschen noch am ehesten. "Manchmal muss ich Verletzte verbinden, Angehörige trösten. Einmal wurde eine Mutter mitten im Gespräch ohnmächtig", erzählt Sosa. Eine schwere, psychologische Last. Das Konkurrenzblatt El Norte ist zu einem Rotationssystem übergegangen. Nach einem Jahr berichten die Reporter über Gemeindepolitik oder Wirtschaft, um sich zu erholen.

"Ich liebe diesen Job"

Sosa will das nicht. "Ich liebe diesen Job, trotz allem, und das ist jetzt der kritischste Moment überhaupt, ich kann doch nicht kneifen." Sie versucht, nicht zu vergessen, führt Tagebuch, notiert penibel jeden Mord. In der Hoffnung, es sei zu irgendetwas nütze.

Sosa und ihre Kollegen halten zusammen und gehen gemeinsam los, um sich zu schützen. In Ciudad Juárez ist es nicht mehr wichtig, schneller zu sein als die Konkurrenz. Es geht darum, zu überleben, um Zeugnis abzulegen. Manchmal, ganz selten, gibt es einen Lichtblick. Etwa am 3. Dezember. Da gab es keinen einzigen Mord. Und die Zeitung La Voz de Juárez titelte: "Was ist nur in Juárez los?" (Sandra Weiss aus Ciudad Juárez, DER STANDARD-Printausgabe, 11./12.2.2012)

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Wenn Drogen frei verkäuflich wären

könnte das den sozialen und physisch/psychischen Verfall auch nicht stoppen, mit dem die Gesellschaft bei Drogenmissbrauch zu kämpfen hat. Andererseits ist es das Zerbrechen von Strukturen, wie Familie, Arbeit, soziale, gesellschaftliche Orientierung, welche den Drogengebrauch derart ausweitet, dass eine Legalisierung geboten erscheint. Denn es sagt die Vernunft, dass kleine Kokabauern und abhängige Konsumenten eher als Opfer dieses Prozesses kriminalisiert werden und dass die Wurzel des Übels dadurch nicht gepackt werden kann. Der einzige Weg wäre das innere Gesunden der Gesellschaft, aber das will keiner hören, aber immerhin bestünde die Freiheit, sich auch darüber Gedanken zu machen.

"Andererseits ist es das Zerbrechen von Strukturen, wie Familie, Arbeit, soziale, gesellschaftliche Orientierung, welche den Drogengebrauch derart ausweitet, dass eine Legalisierung geboten erscheint."

Suchtverhalten gab es immer schon - demnach gab es nie solche Strukturen, von denen Sie sprachen, also konnte auch nichts zerbrechen.

Ich stelle mir gerade vor

was passieren würde, wenn plötzlich alle Drogen frei verkäuflich wären...Wovon sollten die Drogenbanden leben? Es wäre eine Katastrophe!!!! - für alle, die an Drogen verdienen, wie z.B.: Politiker, Polizisten, Pharmakonzerne......

...

Eine wichtige Frage, die man sich auch überlegen muss, wenn man für die komplette Freigabe von Drogen ist (wie ich auch). Denn nach einer Freigabe von Drogen hätte man plötzlich viele arbeitslose Mitglieder krimineller Banden, von denen möglichst viele resozialisiert werden müssten.

Wer nichts zu verbergen hat...

"Die Polizeichroniken werden nicht mehr namentlich gezeichnet. " - wo bleibt der Aufschrei der "wer nichts zu verbergen hat" Fraktion?

beliebte gschichten drehen opfer/taeter

die verfolgung erhoeht einfach den leverage unter dem die banden arbeiten und ist ein kontinuierliches training. nichts anderes machen die medien und der staat hier in gewissen rechtsbereichen man verspricht sich so gewinn fuer den staat. dass es da zu so wenigen spannungen kommt ist verwunderlich, sie ziehen sich zu den konsumenten durch die so nicht punkten koennen. die institutionen sind auch gar nicht an problemloesung interessiert, sondern die haupttaeter wenn man auf lokaler und kleinster ebene dh im privatleben recherchiert. natuerlich ein pressefotograf ist aermer als ein suechtiger oder kindersoldat aber beruehmter als jeder angehoeriger der genau weiss wie es dazu zb in lokaler diktatur kommen muss...

endlich drogen legalisieren (ja, alle), dazugehörende kriminalität aus dem geschäft brigen, dadurch drogen vom strassen-geschäft nehmen, gefängnissen den echten kriminellen überlassen.. END THE WAR ON DRUGS NOW!!

ganz meine meinung.

alleine das geld, welches jetzt für THC-produkte ausgegeben wird (und dann wieder großteils in die wirtschaft fließen würde) könnte unser budgetdefizit gewaltig verringern.

lg
dein trollkind

Gute Geschäfte

Das ist eine ganze Branche. Die Schmuggler in Mexiko und Kolumbien, die korrupte Polizei und Politik, die U-Boot-Hersteller, die Waffenproduzenten in USA und Europa, die Grenzpolizisten, die Drogenabteilungen der Polizei, die Gefängnisbetreiber, und auch die Suchtbehandler, die Psychiater und Psychotherapeuten, sie alle leben ausgezeichnet davon. Und in Gang gehalten wird das ganze Geschäft durch das künstliche Hochhalten der Marktpreise mittels Prohibition. Die ganze Branche wäre durch Freigabe der Drogen arbeitslos. Darum sind genau diejenigen die davon leben auch für die Bekämpfung der Drogen und die Verschärfung der Drogengesetze ( das ist gut für den Preis... )

naja....

du machst dir das aber sehr einfach. Was passiert dann mit den Menschenschmugglern, Entführungen Schutzgelderpressungen usw? Auch legalisieren....??

Nein, natürlich nicht.

Hier geht es um Drogen und wo die Drogenbosse ihre Waffen kaufen und ihre U-Boote und wo sie ihr Geld investieren und wer sonst noch einen Nutzen davon hat.. und darum, dass erst das Verbot der Drogen die Drogen zu einem interessanten Geschäft machen. Also nicht einfach alles in einen Topf werfen!

Gebt doch den Hanf frei!!!

50 Jahre Krieg gegen Drogen hat nichts verbessert: weder die Verfügbarkeit noch die Konsumentenzahl verringert aber Millionen Leute wegen dem Besitz von Cannabis hinter Gitter und XX-tausende unter die Erde gebracht.

Hier noch ein Video über die fähigen Agenten des DEA:
http://www.youtube.com/watch?fea... bCr8#t=45s

...

Hier gehts doch schon lange nicht mehr um Hanf, sind sie tatsächlich dermaßen einfältig?
Selbst wenn man alle Drogen frei geben würde, dann machen wir weiter bei allen Waffen, Menschenhandel,usw.... who cares? Ich garantier Ihnen das wird nicht besser werden dadurch! Seien Sie lieber froh das sie nicht dort wohnen.

Sie haben vollkommen recht

Es würde nichts nutzen Hanf freizugeben.

Und die Forderung vieler Poster nach der Freigabe von Hanf ruht meistens daher, dass die Leute selbst gerne diese Droge konsumieren.

Es ist schon schlimm genug, dass Alkohol (der sicher schädlicher ist als Hanf) und Nikotion freigegeben sind.

Sagt einer, der selbst oft und viel trinkt und privat nix gegen rauchbare Pflanzen und synthetische Freudenmacher hat.

Genau da liegt der gedankliche Fehler

Jede Weltgegend hat ihre typische Droge. Über die Jahrhunderte wurde der jeweilige Umgang damit eingelernt und meistens auch ritualisiert. Dass Drogen nötig sind, um dem Menschen Entspannung zu verschaffen, scheint sogar nach derzeitigem Stand der Wissenschaft bewiesen zu sein: Schon Steinzeitmenschen haben Getreide vergoren, anstatt vermutlich dringend nötigere Nahrung wie Brei oder Brot herzustellen.

Diese Erkenntnis rechtfertigt, dass sich Länder, die mit der landestypischen Droge einigermaßen zurechtkommen, den Zuwachs durch weitere Drogen heftig abwehren. Oft sind diese Drogen nicht etwas, das wo wächst und sich leicht aufbereiten lässt. Wie Qat, Coca, Hanf, Wein, Bier u.a.m. sondern chemisch synthetisiertes, hochgezüchetetes Zeug.

Also dass...

...der Krieg gegen Drogen ein kompletter Fehlschlag ist, ist wohl unbestritten. Cannabis zu legalisieren wäre hilfreich da es die Haupteinnahmequelle der Kartelle ist (weltweit beliebteste und meist konsumierte Droge), sie dadurch erhebliche Einbußen hätten und dadurch dezimiert würden -> das sagen führende Experten weltweit (global commission on drug policy), warum SIE das besser wissen wollen weiß ich nicht.

PS: Waffen werden aus den USA nach Mexiko geschmuggelt/verkauft - nicht anders herum.

das ist ein idiotichens argument.. wenn du etwas illegal machst, wird dieses geschäft von nun an von kriminellen geführt, und drokenkonsum ist keine delikt gegen andere personen, es ist ein sogenannter delikt gegen sich selbst, und wenn man eine freie gesellschft hat, hat das indiviidum das recht auf selbstbestimmung.. wir sperren auch die alkoholiker nicht weg, oder???

Fordert

eigentlich der Drogenkonsum oder die Drogenbekämpfung mehr Opfer? Weiss das wer?

Die Drogenbekämpfung

ein mal grad aus denken...

90% des drogenproblems ist verursacht dadurch das drogen illegal sind

Einmal einen geraden Satz schreiben ;-)

Hier gibt's den aktuellen World Drug Report: http://www.unodc.org/unodc/en/... -2010.html

Auf Seite 81 steht Folgendes:
"Some 31,800 people died from drug-related
causes in the United States in 2007" - weiß nicht, ob es sich dabei nur um Kokain handelt, oder um alle Drogen.

Laut Report geht der Drogenkonsum in den USA zurück. Wie sich das auf die Drogentoten auswirkt, ist da natürlich die Frage, weiß nicht, ob es dazu aktuellere Zahlen gibt.

In Mexiko sind seit 2006 beinahe 50.000 Menschen in "drug-related crimes" umgekommen (http://news.xinhuanet.com/english/w... 5986.htm).

In den USA leben 312.988.000 Menschen, in Mexiko 112.322.757 - das müsste man sich dann prozentuell ansehen

Soweit ich weiß (hab jetzt leider keine exakten Quellen da, glaube aber, sowas mal gelesen zu haben) sterben mehr Menschen im mexikanischen Drogenkrieg, als es in den USA Drogentote gibt.

Wobei anzumerken ist, dass weite weniger Menschen durch die Drogenbekämpfung sterben, als durch die Auseinandersetzungen zwischen den Drogenbanden.

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