Die Chronisten von Mexikos Drogenkrieg

Reportage

Polizeireporter berichten täglich über Drogenmorde und werden dabei selbst zu Zielen der Kartelle

Jeden Morgen, wenn Lucy Sosa in die Redaktion fährt, blickt sie auf das Bild von Luis Carlos Santiago. "Exigimos justicia", wir fordern Gerechtigkeit, steht über dem Foto, das überlebensgroß an der Fassade der Zeitung El Diario in Ciudad Juárez klebt. "Justicia", ein großes Wort im Spanischen, Recht und Gerechtigkeit in einem. Darauf warten Sosa und die anderen Journalisten in der nordmexikanischen Grenzstadt seit über zwei Jahren. Oft nimmt Sosa den Hintereingang, dann muss sie nicht an dem Bild vorbei.

Und doch kommt sie immer wieder hoch, die Erinnerung an den 16. September. Es war früher Nachmittag. Sie solle schnell auf den Parkplatz des Einkaufszentrums Rio Grande kommen, ein Attentat. Ein typischer Anruf, wie er mehrmals am Tag die Redaktion erreicht. Ciudad Juárez ist die gefährlichste Stadt der Welt; voriges Jahr starben von 100.000 Einwohnern 191 eines gewaltsamen Todes. 219 Tote waren es allein im Jänner. 99 Prozent der Verbrechen werden nie aufgeklärt. "Wir gehen immer überall hin; aus Chronistenpflicht, und weil man nie weiß, wer der Ermordete ist", sagt Sosa.

Presseausweis um den Hals

Es könnten Angestellte des US-Konsulats sein, wie vor ein paar Monaten, oder ein wichtiger Drogenboss. Doch diesmal war es Luis Carlos Santiago, Sosas Kollege. Ein Fotograf, gerade einmal 21. Er arbeitete erst seit einigen Monaten für die Zeitung. Lucy war manchmal mit ihm losgezogen. Nun hing sein lebloser Körper auf dem Fahrersitz, die Kamera daneben und den Presseausweis um den Hals.

Wie in Trance registrierte Sosa die Einschusslöcher, befragte die Umstehenden und die Polizisten, stritt mit einem Polizisten um die Kamera, von der sie sich Beweismaterial erhoffte. "Ich war wütend, oft habe ich schon gesehen, wie Polizisten erst einmal die Opfer ausrauben, bevor sie den Tatort sichern", erinnert sich die 41-Jährige.

Seit 19 Jahren ist die kleine Frau Polizeireporterin, sie kann besser Spuren lesen als mancher Ermittler. "Bei den Massakern sieht man oft, wie sich die Einschusslöcher die Wand hochziehen bis zur Decke. Dann waren die Mörder Halbwüchsige, noch nicht stark genug, um den Rückschlag der Maschinenpistolen zu halten."

Von Albträumen verfolgt

Die Chroniken des Diario lesen sich neutral wie Gerichtsakten: "Um 10.58 in der Siedlung Los Bosques wurden drei Unbekannte von Unbekannten erschossen. Die Attentäter feuerten über 120 Schüsse mit Waffen der Kaliber 40 und 308 ab." Hintergründe? Sosa ahnt oft, welches Kartell dahintersteckt, doch spekulieren wäre lebensgefährlich. Die Polizeichroniken werden nicht mehr namentlich gezeichnet.

Bei den spektakulärsten Fällen versucht Sosa nachzuhaken, am Ball zu bleiben. Etwa beim Massaker im Vorort Salvárcar 2010. Dort wurden 16 Jugendliche bei einer Party niedergemetzelt. Allem Anschein nach wurden sie mit einer kriminellen Bande verwechselt. "Diese Geschichte ging mir sehr nahe, ich habe Söhne im gleichen Alter", sagt sie leise. Seither hat sie Albträume.

Das staatliche Versagen hat die Menschen misstrauisch gemacht. Niemand traut den anderen, niemand will reden, schon gar nicht mit der Polizei. Den Reportern vertrauen die Menschen noch am ehesten. "Manchmal muss ich Verletzte verbinden, Angehörige trösten. Einmal wurde eine Mutter mitten im Gespräch ohnmächtig", erzählt Sosa. Eine schwere, psychologische Last. Das Konkurrenzblatt El Norte ist zu einem Rotationssystem übergegangen. Nach einem Jahr berichten die Reporter über Gemeindepolitik oder Wirtschaft, um sich zu erholen.

"Ich liebe diesen Job"

Sosa will das nicht. "Ich liebe diesen Job, trotz allem, und das ist jetzt der kritischste Moment überhaupt, ich kann doch nicht kneifen." Sie versucht, nicht zu vergessen, führt Tagebuch, notiert penibel jeden Mord. In der Hoffnung, es sei zu irgendetwas nütze.

Sosa und ihre Kollegen halten zusammen und gehen gemeinsam los, um sich zu schützen. In Ciudad Juárez ist es nicht mehr wichtig, schneller zu sein als die Konkurrenz. Es geht darum, zu überleben, um Zeugnis abzulegen. Manchmal, ganz selten, gibt es einen Lichtblick. Etwa am 3. Dezember. Da gab es keinen einzigen Mord. Und die Zeitung La Voz de Juárez titelte: "Was ist nur in Juárez los?" (Sandra Weiss aus Ciudad Juárez, DER STANDARD-Printausgabe, 11./12.2.2012)

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