Kitschfreie Inszenierung des "Evangelimann"
Der Intendant des Klagenfurter Stadttheaters geht am Schluss seiner Intendanz
keine Risiken mehr ein. Josef E. Köpplinger zeigt nur, was schon anderswo
ausgiebig beklatscht wurde. Diesmal ist es der bereits auf DVD vorliegende
"Evangelimann", der schon in der Volksoper ein Publikumserfolg war. Gezeigt wurde
allgemein verständliches Musiktheater an von Johannes Leiacker kreierten
Schauplätzen.
Auf den meterhohen Wänden angebrachte Bibelzitate in Endloszeilen umrahmten
das gekonnte musikalische Schauspiel, das alle emotionalen Register zieht.
Ähnlich der Dramaturgie einer Soap-Opera, wird die Liebe des Titelhelden Mathias
(Johannes Chum) durch die Durchtriebenheit seines Bruders Johannes (Hans
Gröning) zerstört. Zuerst verrät der Bösewicht die Liebelei des Bruders und
zündet, dramatisch inszeniert, ein Haus an. Der gute Mathias wird
ungerechtfertigterweise der Brandstiftung beschuldigt und wandert für 30 Jahre
ins Gefängnis. Daraufhin ertränkt sich die Heldin Martha (Anna Agathonos) in der
Donau. Nach Verbüßung der 30-jährigen Haftstrafe zieht Mathias als bettelnder
Evangelimann, für Almosen Texte aus dem Neuen Testament vorsingend, durch die
Hinterhöfe Wiens. Als Mathias seinen Bruder, der von Schuld zerfressen im
Sterben liegt, erkennt, vergibt er ihm.
Nicht nur dramaturgisch, sondern vor allem musikalisch schöpfte Komponist und
Librettist Wilhelm Kienzl aus dem Vollen. So zeigte sich der Wagner-Schüler
schon bei der Uraufführung 1857 "beglückt, dass das Lied Selig sind, die
Verfolgung leiden nicht nur im Konzertsaal, auch im Hause des Bürgers und
Arbeiters heimisch geworden" sei. Dass die Produktion nicht im Populären
versumpft, ist der Präsenz, stimmlichen Überzeugungskraft und
Intonationssicherheit des Ensembles sowie der kitschfreien Inszenierung zu
verdanken. (szg, DER STANDARD - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)