Bruderzwist als kirchliche Soap-Opera

10. Februar 2012, 19:05
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Kitschfreie Inszenierung des "Evangelimann"

Der Intendant des Klagenfurter Stadttheaters geht am Schluss seiner Intendanz keine Risiken mehr ein. Josef E. Köpplinger zeigt nur, was schon anderswo ausgiebig beklatscht wurde. Diesmal ist es der bereits auf DVD vorliegende "Evangelimann", der schon in der Volksoper ein Publikumserfolg war. Gezeigt wurde allgemein verständliches Musiktheater an von Johannes Leiacker kreierten Schauplätzen.

Auf den meterhohen Wänden angebrachte Bibelzitate in Endloszeilen umrahmten das gekonnte musikalische Schauspiel, das alle emotionalen Register zieht. Ähnlich der Dramaturgie einer Soap-Opera, wird die Liebe des Titelhelden Mathias (Johannes Chum) durch die Durchtriebenheit seines Bruders Johannes (Hans Gröning) zerstört. Zuerst verrät der Bösewicht die Liebelei des Bruders und zündet, dramatisch inszeniert, ein Haus an. Der gute Mathias wird ungerechtfertigterweise der Brandstiftung beschuldigt und wandert für 30 Jahre ins Gefängnis. Daraufhin ertränkt sich die Heldin Martha (Anna Agathonos) in der Donau. Nach Verbüßung der 30-jährigen Haftstrafe zieht Mathias als bettelnder Evangelimann, für Almosen Texte aus dem Neuen Testament vorsingend, durch die Hinterhöfe Wiens. Als Mathias seinen Bruder, der von Schuld zerfressen im Sterben liegt, erkennt, vergibt er ihm.

Nicht nur dramaturgisch, sondern vor allem musikalisch schöpfte Komponist und Librettist Wilhelm Kienzl aus dem Vollen. So zeigte sich der Wagner-Schüler schon bei der Uraufführung 1857 "beglückt, dass das Lied Selig sind, die Verfolgung leiden nicht nur im Konzertsaal, auch im Hause des Bürgers und Arbeiters heimisch geworden" sei. Dass die Produktion nicht im Populären versumpft, ist der Präsenz, stimmlichen Überzeugungskraft und Intonationssicherheit des Ensembles sowie der kitschfreien Inszenierung zu verdanken. (szg, DER STANDARD - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)

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