Voestalpine-Gruppe

"Mein Job ist kein Honiglecken"

Interview | 10. Februar 2012, 17:21
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    Karriere als Betriebsrat? Welche Fähigkeiten der mächtige Voestalpine-Belegschaftsvertreter für ausschlaggebend in dieser Position hält.

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    Hans Karl Schaller: "Sattelfest sein, sich bilden, lesen - nur dann stellt man sich hin."

Betriebsrat, das wollte er nie und nimmer werden - Wie es dennoch dazu kam, dass Hans Karl Schaller heute Konzernbetriebsratsvorsitzender der Voestalpine-Gruppe ist

STANDARD: Herr Schaller, schon Ihr Vater war Betriebsrat. War der familiäre Einfluss auch ein Grund dafür, sich von Anfang an als Interessenvertreter auf betrieblicher Ebene zu engagieren?

Schaller: Ich bin zweifellos vorbelastet, und zwar im negativen Sinn. Mein Vater war in einem kleinen oberösterreichischen Unternehmen Betriebsrat. Schon als Kind habe ich mitbekommen: Das ist ein Job, der endet nie. Von früh bis spät war nicht nur er, sondern auch die ganze Familie mit den Sorgen seiner KollegInnen konfrontiert. Das war belastend. Darum habe ich mir damals auch geschworen: Du wirst nie im Leben Betriebsrat.

STANDARD: Und heute sind Sie sicherlich einer der mächtigsten Belegschaftsvertreter. Weshalb sind Sie sich selbst gegenüber wortbrüchig geworden?

Schaller: Das ist eher zufällig passiert. Ich bin erlernter Betriebsschlosser und 1982 in die Voestalpine eingetreten. Als Junger war ich ganz auf eine betriebliche Karriere konzentriert. Aber die Kollegen sind sehr bald an mich herangetreten und wollten, dass ich im Betrieb ihr Vertrauensmann werde. Nach nicht einmal einem Jahr war ich dann schon Betriebsrat. Alles ging Schlag auf Schlag.

STANDARD: Wohl kein Zufall, dass die Kollegen gerade Sie "auserwählt" haben.

Schaller: Wahrscheinlich nicht. Ich habe immer die Auffassung vertreten, dass wir uns artikulieren müssen, wenn uns etwas nicht passt. Jammern alleine hilft nicht.

STANDARD: Welchen Fähigkeiten schreiben Sie es zu, dass Sie in Ihrer Funktion reüssiert haben? 2005 wurden Sie Vorsitzender des Arbeiterbetriebsrats, seit 2008 sind Sie Vorsitzender des Konzernbetriebsrats und des Europabetriebsrats der Voestalpine AG.

Schaller: Ich sage immer, es kommt auf die drei "V" an. Man muss mit den Menschen so sprechen, dass sie einen verstehen. Wenn sie mich verstehen, vertrauen sie mir auch. Und mit ihrem Vertrauen im Rücken können wir gemeinsam etwas verändern. An diese Regel halte ich mich immer. Betriebsrat sein ist ja kein Honiglecken. Mein Hauptgeschäft ist der Umgang mit Problemen. Denken Sie an die Verhandlungen über Kurzarbeit, Standortverlegungen oder Betriebsschließungen. Die Leute ziehen ja nur mit mir mit, wenn sie die Thematik verstanden haben, wissen, worum es jetzt geht.

STANDARD: Es scheitert ja meist nicht am Verstehen. Die Menschen fürchten sich vor den persönlichen Konsequenzen.

Schaller: Die Sorgen der Kollegen sind bei mir auch Nummer eins. Trotzdem bin ich kein Betriebsrat, der nicht auch die Interessen des Unternehmens und der Kunden im Blickfeld hat. Ich setze mir immer den Hut meines Gegenübers auf, ich denke auch an das Unternehmen und die Kunden. Auf den Dreiklang kommt es an.

STANDARD: Das klingt eher, als wäre Ihre Funktion die eines Mediators, nicht die eines Interessenvertreters.

Schaller: Natürlich geht es mir um die Mitarbeiter. Aber ich höre mir bei Verhandlungen immer die Standpunkte der anderen an. Früher war ich ein Heißsporn. Heute gehe ich ruhiger an die Sache heran. Und eines habe ich gelernt; Wenn sich Kollegen an mich mit einem Anliegen wenden, sage ich nicht mehr: "Ich regle euch das. Ich erledige das für euch." Nein! Wir machen das. Das ist ein großer Unterschied. Das heißt aber nicht, dass ich nicht ganz für meine Leute da bin. Im Gegenteil. Mein Tag beginnt um 6.30 Uhr mit einem Kaffee im Gewerkschaftsbüro und endet spät abends. Mein Handy drehe ich überhaupt nie ab. Ich stehe den ganzen Tag unter Strom. Aber das brauche und will ich auch so.

STANDARD: Was sagen Sie einem jungen Kollegen, der als Betriebsrat Karriere machen will?

Schaller: "Schau dir das Ganze einmal an!", sag ich. Man muss jemand sein, der vor den Leuten nicht davonrennt, sondern mit ihnen spricht und zuhören kann. Viele kommen und sagen, sie wollen zuallererst einen Rhetorikkurs machen, damit sie so sprechen lernen wie ich. Aber es kommt auf etwas ganz anderes an: Man muss in den wichtigen Themen sattelfest sein, das heißt, sich bilden und lesen, viel lesen. Wissen und Weiterbildung ist unser Brot. Nur wenn man firm ist, stellt man sich auch bei einer Betriebsversammlung vor 4000 Leute und spricht.

STANDARD: Sie sind freigestellt, verhandeln mit Vorständen, sind auf Achse, haben einen Chauffeur. Besteht nicht die Gefahr, den "Basis"-Bezug zu verlieren?

Schaller: Bei mir nicht. Ich rede nämlich mit den Menschen, die Zeit habe ich mir immer genommen. ( Judith Hecht/DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.2.2012)

HANS KARL SCHALLER (1960) begann 1982 bei der Voestalpine AG, ist seit 2008 Vorsitzender des Konzern- und des Europabetriebsrats.

Kommentar posten
15 Postings
Gobi Todic
00
13.2.2012, 08:36

Gewerkschaftsbashing ist halt noch immer angesagt, wieviele bezahlte Poster hier unterwegs sind ist schon sagenhaft.

Einfach mal die Arbeitsbedingungen und Löhne vergleichen: Unternehmen MIT Betriebsrat, Unternehmen OHNE Betriebsrat.

Kahuna
30
12.2.2012, 17:06
Nach dem Photo zu schliessen,

scheint der gute Mann recht entschlossen zu sein....

Seine eigenen Interessen zu vertreten.

Bilderrahmen
00
12.2.2012, 17:03

Wasser, Wein fällt mir jetzt spontan ein.

NaOida!
20
12.2.2012, 01:49
Na dann kündigen und ab zum AMS die haben dort tolle jobs!

Karlgaard
40
11.2.2012, 20:19

Die Arbeitnehmer können ruhig Betriebsräte oder welche Sowjets (=Räte) auch immer wählen. Einzig sollten sie nicht auf Kosten des Unternehmens dienstfreigestellt werden.

Dennis 2000
00
11.2.2012, 12:29
P.S. dein job ist kein Honig- sondern ein A. lecken!

sch...ade!

Dennis 2000
11
11.2.2012, 12:15

betriebsräte in der voest sind wie verkäufer/innen im baumarkt...
am besten du suchst sie am pichlingersee.

wenn die vertrauensmänner nicht deren laufburschen wären, würde es nichteinmal die einfachste information zu den mitarbeitern schaffen!

die mitarbeiter haben die betriebsräte und die gewerkschaft so satt. wenn es so weitergeht, und das wird es sicher, dann ist die voest bald blau! (die ersten blauen betriebsräte gibt es schon) und dass ist mit eure schuld: schaller, linsmaier, keck und co.

ihr seit eine SCHANDE und das steht seit 2003 schwarz auf weiß in den geschichtsbüchern!

Heinz Anderle
 
00
11.2.2012, 05:56
Glück auf!

Bei jenem legendären Vorgänger, den ich hier nicht nennen will, ist die Bedeutung und Wichtigkeit dieser Funktion der Öffentlichkeit gegenüber sicher noch schwieriger zu vermitteln, aber die Generation der Vergangenheit ist auch in Gewerkschaft und Arbeiterkammer (zum Großteil jedenfalls, wenn ich da an die schwarzen "Sympathieträger" denke) Geschichte.

In diesem Sinn: Glück auf!

mit kollegialen Grüßen

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Beiddenker
52
10.2.2012, 18:14
Sehr geehrter Hr. Schaller, ich bin mir sicher, Ihr Gehalt ist sicher auch kein "Honiglecken" ...

...

bin eh nur I
41
10.2.2012, 19:56
Neidgesellschaft!

willst du ehrlich seinen Job?

Beiddenker
02
12.2.2012, 14:09
Seien Sie mir nicht böse, aber mir sind jammernde ...

... "Manager" einfach zu wider. Verdienen für den Stress und Verantwortung viel Kohle (was grundsätzlich ok ist), wenn es schief geht, dann hat das Null-Auswirkungen (was nicht ok ist) und dann noch öffentlich jammern.

Das hat nichts mit Neid zu tun.

Dennis 2000
02
11.2.2012, 12:26

nein, ich würde mir nicht gerne nilkreuzfahrten von der konzernleitung bezahlen lassen...
nein, ich hätte nich gerne einen eigenen Chauffeur...
nein, ich brauche keinen wahnsinns lohn...

aber ich würde mit leib und seele für die mitarbeiter der voest einstehen, weil ich weiß was es bedeutet(im 4 schicht betrieb) im B1(Hochofen, Kokerei) zu arbeiten.

diese "betriebsräte" sind teil der bourgeoisie...

wayne100
13
12.2.2012, 07:53

Ein Freund von mir arbeitet bei der Voest, über das Gehalt hat er sich noch nicht beschwert, im Gegenteil.
Ob die Konzernspitze noch unendlich mehr verdient ist eine andere Geschichte, aber genauso gut kann ich mich beschweren, dass der Tiger Woods 100Millionen im Jahr kassiert.
Ich weiß nicht wieviel der Betriebsrat verdient, aber wenn dort einer steht, der zum Nulltarif arbeitet und sich, so wie Sie, maximal einsetzt und Wirbel macht, dann ist das für die Belegschaft mit Sicherheit schlechter, als wenn einer den Dialog herstellt.

Dennis 2000
01
12.2.2012, 13:51

der verdienst der konzernspitze ist sowieso eine eigene geschichte...
von wirbel hab ich noch nichts geschrieben, meine forderung war viel einfacher: einstehen für die sozialen, personellen und wirtschaftlichen angelegenheiten der mitarbeiter! das fängt aber beim rauchverbot an, geht über die übernahme von leiharbeitern bis hin zur konzernpolitik. mir egal wie: demos, streiks, dialoge, facebook...;) jeder betriebsrat soll seine eigene arbeitsmethode finden, aber arbeiten, nicht nur wenn lohnverhandlungen sind sondern das ganze jahr!!

Andreas W
34
11.2.2012, 11:00
Primitiver als mit der Neidkeule zu kommen, geht's wohl nicht!!!

Das Problem ist ja, dass solche Supereinkommensjobs sowieso niemals Qualifizierte bekommen, sondern verseilte Ar...kriecher

Und ja, diesen Job wuerden viele wesentlich Qualifiziertere mit Sicherheit lieber machen, als zB als Krankenschwester oder -pfleger mit wesentlich mehr Verantwortung fuer einen Hungerlohn von grad mal knapp ueber 1tEuro netto zu schuften!

Primitivlinge nennnen diese Diskussionen Neid; Menschen mit Intellekt stellen die Relationen und damit die Gerechtigkeit, Wertigkeit und Chancenfairness in diesem Land in Frage!

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