Gespenstertanz in einem Störungsgebiet

10. Februar 2012, 17:45
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Chris Haring stellt sein neues Stück "Mush Room" im Tanzquartier Wien vor

Wien - Schon zu Beginn des Stücks, wenn aus den Lautsprechern ein Dosenlachen durch das noch dunkle Theater scheppert, wird die Atmosphäre unheimlich. Tatsächlich bleibt einem bei Chris Harings Tanzstück Mush Room, das im Tanzquartier Wien uraufgeführt wurde, öfters einmal das Lachen im Hals stecken.

Und nicht erst, wenn eine Tänzerin mit asiatischem Aussehen an ein Mikrofon tritt und in spritzigem Schweizerdeutsch die Zusammenhänge zwischen Sex in reiferen Jahren und Alzheimer erörtert. Sondern bereits, sobald nach dem erwähnten ersten Dosenlachen ein weiteres Mitglied der siebenköpfigen Truppe in dem Stück manieriert erklärt, wie schwierig es sei, etwas zum Wachsen zu bringen und wie leicht alles Gehegte und Gepflegte verkümmern und absterben kann.

Mush Room ist der zweite Teil eines Tanzprojekts, das Haring und seine Gruppe Liquid Loft vergangenen Sommer beim Impulstanz-Festival begonnen haben: The Perfect Garden, eine Serie über die Ambivalenz von Paradiesesvorstellungen und über das Trügerische an Utopien mit Erlösungsversprechen. Nach dem Einstieg mit Wellness im schwülen Palmenhaus des Burggartens nun also im Winterfrost die Fortsetzung unter einem Titel, bei dem an Pilzwucherungen und an im Englischen so genannte "mush areas", also Störungsgebiete, gedacht werden kann.

Der französische Künstler Michel Blazy hat in die Mitte der Bühne einen transparenten Raum gestellt, dessen Wände und Inneres aus feinen, klebstoffähnlichen Fäden bestehen, die im Bühnenlicht so zart schimmern wie Spinnweben. In diesen Raum strebt das gesamte Personal des Stücks. Doch dort verwandeln sich alle in Störfälle: Mechanisch wie kaputte Roboter führen sie immer gleiche Bewegungsmuster aus und verbinden sich zu leerlaufenden Menschenmaschinen.

In weiteren Szenen wird klar, dass dieser offen erscheinende, pseudoideale Raum auf der Bühne so etwas wie ein grieselndes Fernsehbild ist, durch das hin und wieder Fetzen eines Films flimmern. Die Figuren im Stück werden von Störungen erfasst, die sie von Wesen aus Fleisch und Blut in virtuelle Gespenster transformieren. Ihre Körper flackern, stottern, geraten in Feedback-Schleifen, bekommen Sprechdurchfall, werden rückwärts und vorwärts abgespielt. Und sie scheinen das alles gar nicht zu bemerken. So gefährlich sind unsere Paradiese.

Haring und seine Komplizen - der Soundkünstler Andreas Berger und der Dramaturg Thomas Jelinek, in The Perfect Garden erweitert durch Blazys Bühne und diesmal mit Andreas Spiegl als künstlerischem Begleiter - bearbeiten das Thema der medialen Verwurstung des menschlichen Körpers seit Jahren. Und weisen immer wieder aus verschiedenen Perspektiven auf den Totalverlust des sogenannten Authentischen im Zwischenreich des virtuellen Raums hin. Die dabei entstehenden Arbeiten sind, immer auf hohem Niveau ironisch, einmal schlüssig, dann wieder eher an Gags orientiert.

In Mush Room ist Liquid Loft allerdings alles gelungen: von der bewundernswerten Performance der Tänzer über Licht und Dramaturgie bis hin zur Bühne und dem brillanten Sound. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)

 

Bis 11. 2.

  • Feine Fäden, die im Bühnenlicht so zart schimmern wie Spinnweben: "Mush 
Room" von Chris Haring im TQW.
    foto: chris haring, michael loizenbauer

    Feine Fäden, die im Bühnenlicht so zart schimmern wie Spinnweben: "Mush Room" von Chris Haring im TQW.

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