Markus Hinterhäuser über die Ausrichtung der Wiener Festwochen, die er ab 2014 übernimmt, und eine neu herausgebrachte CD, die ihn als impulsiven Pianisten zeigt
Wien - Während viele Kulturmanager beim Jobwechsel kaum entspannende
Zwischenpausen einlegen, vielmehr in einem Übergangsjahr den alten und den neuen
Job gleichzeitig machen, scheint es bei Markus Hinterhäuser gelassener
zuzugehen. Nach seiner einjährigen Intendanz bei den Salzburger Festspielen hat
er ohne Hektik und nach wohlverdienter Pause begonnen, sich den Wiener
Festwochen zu widmen, die er ab 2014 (zusammen mit Shermin Langhoff) leiten
wird.
Aus den Zukunftsplanungen, die "Zeit und Freiheit" erfordern, hat ihn nun die
Wiederveröffentlichung seiner 1998 in Salzburg eingespielten CD gerissen, die
Hinterhäuser als impulsiven Klavierinterpreten der Sonaten von Galina
Ustwolskaja präsentiert. Nicht sehr natürlich, schließlich hört sich
Hinterhäuser seine CDs nicht an - sagt er.
STANDARD: Wozu nimmt man denn überhaupt CDs auf, wenn man sie sich dann
gar nicht mehr anhört?
Hinterhäuser: Berechtigte Frage. Zumal es sich in diesem Fall auch noch um
eine Musik handelt, deren elementare Kraft auf CD gar nicht wiedergeben werden
kann. Sie ist stärker in einem Konzert, da das Spielen hier ein sehr physischer
Vorgang ist. Es ist wirklich wie ein Kampf mit dem Engel. Es vermittelt sich
jedenfalls sehr viel von der Musik, wenn man sieht, wie der Interpret um diese
Musik kämpft, was Ustwolskaja auch tatsächlich verlangt.
Ich habe das selbst erfahren: In der fünften Sonate gibt es eine zentrale
Stelle, da ist ein Cluster in der linken Hand, der unentwegt in denkbar größter
Lautstärke wiederholt wird. Es ist eine Art Kreuzigungsszene. Ustwolskaja
schreibt in der Anweisung, dass sie bei diesem Cluster den Anschlag der Knöchel
auf der Tastatur hören möchte. Wenn man das macht, kann es passieren, dass die
Haut reißt und dass man blutet. Das zu spielen ist ein eminent körperlicher
Vorgang. Warum man dennoch eine CD aufnimmt? Es hat etwas mit Dokumentieren zu
tun. Manchmal kann man einer Anfrage auch nicht widerstehen. Außerdem ist eine
CD sehr praktisch, man kann sie zu Weihnachten verschenken. Aber ich höre mir
das nicht an, ich mag auch keine Fotos von mir.
STANDARD: Als Veranstalter haben Sie in Salzburg über Jahre aus einer
"Außenseiterposition" heraus Wichtiges ermöglicht, sind als Konzertchef in die
Nähe des Festspielzentrums gerückt, das Sie 2011 als Intendant erlebt haben. Und
nun die Festwochen. Was macht dieser Zuwachs an Einfluss mit einem?
Hinterhäuser: Ich glaube, dass das nicht viel mit mir gemacht hat. Ich
glaube, dass ich weiß, welche Eigenschaften ich bei mir nicht zulasse. Für mich
ist der Umgang mit dem Veranstalten immer noch ein künstlerischer.
STANDARD: Ökonomische, organisatorische Fähigkeiten scheinen bei
Bestellungen mittlerweile eine wichtigere Rolle zu spielen.
Hinterhäuser: Dieser Typus des Kulturmanagers muss große Fähigkeiten haben,
das zu bestreiten wäre dumm. Aber wir wissen, dass wir Dinge nicht vereinfachen
sollen, es sind schwierige Dinge, mit denen wir umzugehen haben. Wir müssen
bewusstmachen, dass Kunst, die vermeintlich wenig Zulauf hat, deshalb nicht
gleich unwichtig ist. Diese Diktatur der Quote stört mich. Ich möchte auch viele
Menschen erreichen, und ich habe sie erreicht. Aber wir müssen uns gegen
Vulgarisierung wehren. Wenn beim Programmieren eine Leere erkennbar wird, die
angeblich nicht so leer ist, nur weil das System funktioniert, dann ist das ein
bisschen wenig. Die Leute, die zu Konzerten und Festivals kommen, soll man nicht
unterschätzen.
STANDARD: Was kann das Publikum von Ihnen bei den Festwochen ab 2014
erwarten?
Hinterhäuser: Die Festwochen sind das Festival einer Metropole für eine
Metropole. Es ist ein Festival, das selber produziert, das aber auch
interessante Sachen einlädt, was ich gut finde. Sie unterscheiden sich
grundsätzlich von Festivals wie Salzburg oder Luzern, die für den Ort eine
zeitlich begrenzte Öffnung der Welt gegenüber bedeuten. Für fünf, sechs Wochen,
dann ist es vorbei, und dann ist es so, wie es immer war.
Die Festivals einer Metropole wie Wien muss man anders denken. Wien ist
europaweit einzigartig, auch im Vergleich zu London, Paris und Berlin. Hier
findet unglaublich viel auf höchstem Niveau und das ganze Jahr über statt. Somit
muss man gut nachdenken, wie man die Wiener Festwochen definiert.
STANDARD: Und am Ende kommen Sie zum Schluss, es gibt schon alles, also
braucht es die Festwochen gar nicht?
Hinterhäuser: Nein! Ich glaube nicht, dass man fragen soll, ob etwas fehlt.
Es geht eher darum, etwas Bereicherndes hinzuzufügen. Die Festwochen sind nicht
dazu da, die Wiener Staatsoper rechts und das Theater an der Wien links zu
überholen. Darum geht es nicht. Man muss etwas anderes finden, etwa andere
Erzählformen des Musiktheaters. Die Definition für so ein Festival ist nicht
leicht zu finden, aber es ist möglich. Mir wird schon etwas einfallen.
STANDARD: Genug Gestaltungsspielraum? Die Konzerte werden ja immer von
Musikverein und Konzerthaus gemacht. Und im Theater an der Wien herrscht auch
eher der Ehrgeiz vor, nicht mehr an die Wiener Festwochen zu vermieten.
Hinterhäuser: Solch ein Festival soll sehr in einer Stadt verankert sein,
soll auch an bestehende Institutionen andocken. Das ist eine Tatsache, mit der
muss man eben klug und respektvoll umgehen. Zum Theater an der Wien: 2014 mieten
wir uns noch ein, ab 2015 werden wir sehen. Es muss ein Vertrag gemacht werden.
Ich hätte nichts gegen eine Kooperation, aber das hängt davon ab, was man macht.
Alles noch in Schwebe.
STANDARD: Kurz noch einmal zu den Salzburger Festspielen, bei denen doch
nicht Sie der Nachfolger von Jürgen Flimm wurden, sondern Alexander Pereira.
Nachdem Sie aber mit den Festspielen 2011 höchst erfolgreich waren, hat
Landeshauptfrau Gabi Burgstaller Ihnen quasi nachgeweint und die Hoffnung
geäußert, Sie mögen irgendwann zurückkehren. Was dachten Sie, als Sie das
hörten?
Hinterhäuser: Ich dachte mir: Das hätte Burgstaller auch einfacher haben
können. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)
Markus Hinterhäuser (Jahrgang 1958), in La Spezia geborener österreichischer
Pianist und Kulturmanager, war Konzertchef und ein Jahr interimistisch Intendant
der Salzburger Festspiele. Ab 2014 ist er für drei Jahre Intendant der Wiener
Festwochen.