Ein Kunstwerk ist so viel wert, wie jemand dafür zu zahlen bereit ist: 250 Millionen oder auch nur fünf, wie dieser Tage kolportierte Deals und Auktionsresultate zeigen
Die Gerüchte zu diesem Deal kursieren seit Monaten. 250, 275 oder auch 300
Millionen Dollar soll Sheikha Al-Mayassa bezahlt haben, für ein einziges Gemälde
wohlgemerkt: für Paul Cézannes Kartenspieler, konkret für eine von fünf
existierenden, zwischen 1890 und 1895 entstandenen Versionen aus einer Serie,
jedenfalls die letzte noch in Privatbesitz befindliche. Die anderen vier sind in
amerikanischem, französischem und britischem Museumsbesitz.
Aus der Perspektive von Kunsthistorikern repräsentieren die Kartenzocker den
Brückenschlag zur späten Schaffensperiode Cézannes und gelten auch als
Wegbereiter des Kubismus. Aber 250 oder gar 300 Millionen Dollar? Nun, die auf
der internationalen Bühne gängige Regel besagt: Ein Kunstwerk ist so viel wert,
wie jemand dafür zu zahlen bereit ist.
Wie viel Georges Embiricos, ein griechischer Milliardär mit Wohnsitzen in
Lausanne und London, ursprünglich für das Bild bezahlt hatte, ist nicht bekannt,
die Verkaufsverhandlungen soll er aber kurz vor seinem Tod vergangenes Jahr
eingeleitet haben. Embiricos war ehemals auch Besitzer von Stillleben mit
Äpfeln, das er ursprünglich für rund 253.000 Dollar erwarb und 1999 via
Sotheby's mit einem stolzem Gewinn versteigern ließ: 28,6 Millionen Dollar
markieren seither den höchsten jemals für ein Cézanne-Gemälde in einer Auktion
erzielten Preis.
Schlechten Geschmack bewies die Tochter des Emirs von Katar, wie bereits in
der Vergangenheit, nicht. 2007 hatte sie Sotheby's stolze 72,8 Millionen Dollar
für Mark Rothkos White Center (Yellow, Pink and Lavender on Rose)
bewilligt. Ihr Shoppingwahn ist amtlich, wie die Handelsstatistik belegt:
Seit 2005 importierte Katar Kunst im Wert von 428,16 Millionen Dollar (aus den
USA) sowie 128,23 Millionen Pfund (aus Großbritannien). Dazu holte sich der
Scheich im Juni 2011 niemand Geringeren als Edward Dolman vom Markt. Der
ehemalige Christie's-CEO (1999-2010) übernahm die Geschäftsführung des in Katar
in der Wüste erblühenden Museumsnetzwerks und zeichnet seither auch für den
Bereich Ankäufe verantwortlich.
Lohn der Bescheidenheit
Knapp vier Wochen später sorgten Die Kartenspieler erstmals für
Rauschen im Blätterwald. Mit einer offiziellen Bestätigung konnte seither
allerdings keiner der Berichte aufwarten, und die Fachwelt übt sich weiterhin in
Diskretion. Ist es also mehr als nur Geschwätz, das zeitgerecht vor der aktuell
anberaumten Londoner Auktionssause in aufgewärmter Version kredenzt wurde? Wer
weiß das schon. Das zugehörige Getuschel in der Bond (Sotheby's) und der King
Street (Christie's) soll sich dem Vernehmen nach jedenfalls in Grenzen gehalten
haben.
Dort drehte sich diese Woche alles um die in den letzten Monaten, wohlgemerkt
unter schwierigsten Bedingungen, zusammengeklaubten Kunstwerke der
Impressionisten und der Moderne, kommende Woche dann um die Generation Post War
& Contemporary (14.- 16. 2.). Akquisition war schon mal deutlich leichter,
und viele potenzielle Einbringer scheuen das Risiko, für ihren Schützling
womöglich in aller Öffentlichkeit eine Abfuhr zu ernten.
Wie jenes Dutzend, das dieses Schicksal jeweils im Zuge der Evening Sales bei
Christie's (7. 2.) und Sotheby's (8. 2.) ereilte. Und deren gemeinsamer Nenner:
Die von den Einbringern geforderten Limits waren meist zu ambitioniert. Etwa
auch für Gustav Klimts bei Sotheby's ausgerufenes Seeufer mit Birken (6-9
Mio. Pfund), das während der Auktion unverkauft blieb.
Aber wer will schon ein verbranntes Kunstwerk besitzen, das hinter den
Kulissen erst nach Monaten oder Jahren dann doch noch einen Käufer findet?
Insofern bewiesen die Erben des niederländischen Sammlerehepaares Koenig
Vernunft und akzeptierten das noch vor Ende des Abends von einem Saalbieter
deponierte Angebot von fünf Millionen Pfund (netto, exklusive Premium).
In seiner offiziellen Statistik führt Sotheby's diesen nunmehr als Private
Sale deklarierten Besitzerwechsel nicht an. Knapp 80 Prozent des Angebotes
reichte man in der Bond Street zum Gegenwert von 78,89 Millionen Pfund (94,49
Mio. Euro) weiter, angeführt von Claude Monets herrlichem Winterbild L'Entree
de Giverny en hiver (1885), für das der Hammer bei 8,21 Millionen Pfund
fiel. Mangels zweistelliger Millionenbeträge wirkt die Liste der zehn höchsten
Zuschläge irgendwie trist, zumal Kontrahent Christie's 24 Stunden zuvor vier
Zuschläge in der Preisklasse von zehn bis 19 Millionen Pfund verbuchte (Umsatz:
134, 99 Mio. Pfund): etwa für Elizabeth Taylors van Gogh (Vue de l'asile,
10, 12 Mio.), das ihr Vater in seiner Funktion als Kunsthändler 1963 bei
Sotheby's für 92.000 Pfund erworben hatte.
Interesse in der Kategorie Weltrekord generierten wiederum Joan Miró sowie
Henry Moore: Mit etwas mehr als 19 Millionen Pfund setzte sich der in Köln
ansässige Kunsthändler Alexander Lachmann vermutlich namens eines russischen
Klienten für Moores Reclining Figure: Festival (1951) gegen zwei andere
Bieter durch.
Als den wahren Star des Abends nominierte das Publikum jedoch Joan Mirós
Painting Poem (1925): 770.000 Dollar hatte der Einbringer für dieses
surrealistische Meisterwerk 1985 Christie's bezahlt. Entgegen der verlockend
moderat bemessenen Taxe von sechs Millionen Pfund (9,1 Mio. Dollar) wurde seine
Bescheidenheit angesichts der erzielten 19 Millionen (30,14 Mio. Dollar)
schließlich mit einem beachtlichen Zugewinn belohnt. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)