Pensionssystem

Arbeiten bis 70? Gerne! Wenn ...

Leser-Kommentar | 10. Februar 2012, 17:35

... einige Rahmenbedingungen sich ändern

"Ich möchte nicht bis 70 arbeiten, nach den vielen Jahren Hackeln will ich endlich auch mal Ruhe und Zeit für meine anderen Interessen haben." Dieses - derzeit durchaus verständliche - Zitat offenbart auch schon die ganze Misere an den momentanen Diskussionen zur Reformierung des Pensionssystems.

Solange wir nicht aus dem traditionellen Denken - Lernen bis 20, Arbeiten bis 60, Freizeit danach - ausbrechen, werden wir weder in der Lage sein, das Pensionssystem zeitgemäß zu reformieren, noch die damit zusammenhängenden Gesundheits- und Bildungssysteme entsprechend zu adaptieren. 

Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit ...

... müssen gemeinsam betrachtet werden. Die Einhaltung der 38,5-Stunden-Woche in Zusammenhang mit flexiblen Arbeitszeiten und Durchrechnungszeiträumen wäre ein angemessener Beginn, weitere Möglichkeiten sind die Erhöhung des Jahresurlaubs sowie eine Senkung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 30 Stunden.

Das erfordert Umdenken und Umstrukturierungen in den Betrieben - erleichtert aber das gleichzeitige Nachgehen unterschiedlicher Interessen durch die ArbeitnehmerInnen und fördert das Einhalten angemessener Ruhezeiten, was beides zu einer Steigerung der Zufriedenheit führt und den Erfolg eines Unternehmens erhöht.

Lebenslanges Lernen ...

... muss umgesetzt werden. Dazu bedarf es staatlicher Anreize, wie etwa das Recht auf Bildungszeiten - ein Jahr pro Arbeitsdekade? - und die Förderung nicht nur der Schulungen, sondern auch der Lebenshaltungskosten während der dazu benötigten arbeitsfreien Zeit. Wünschenswert ist eine Förderung nicht nur von Auf- sondern auch von Umstieg - um nicht ein Leben lang im selben körperlich, geistig oder psychisch belastenden Beruf "fest zu stecken". Ein/e FasslbinderIn soll MarketingleiterIn, ein/e ProjektmanagerIn soll GärtnerIn werden können.

Wertschätzung von Arbeit ...

... muss auch gekoppelt sein mit ihrer Notwendigkeit und ein angemessenes Einkommen selbst bei 30 Stunden gewährleisten. Denn wie "erfolgreich" wäre die Geschäftsführung noch, wenn sie selbst den Einkauf von Büromaterial und die Reinigung des Fußbodens erledigen müsste?

Die finanzielle und gesellschaftliche Wertschätzung aller Arbeit würde eine Reduktion der Wochenarbeitszeit und die freie Wahl des Berufs - auch mitten im Arbeitsleben stehend, wie oben beschrieben - erst ermöglichen.

Umdenken in Betrieben ...

... beginnt, muss aber oft auch angestoßen werden. Hohe "Soziodiversität" - unterschiedliche Talente und Handicaps, Altersstufen, Kulturkreise und Bildungswege der MitarbeiterInnen - erhöht die Kreativität und Flexibilität von Unternehmen. Das Umdenken muss auch vom Staat mitgetragen werden: Was ältere ArbeitnehmerInnen betrifft, sind dies etwa das Recht auf Stundenreduktionen, Umschulungsmöglichkeiten wie oben bereits genannt, oder eine Senkung von Lohnnebenkosten ab einer bestimmten Altersgrenze.

Die Komplexität solcher Entscheidungen ...

... ist vielen Menschen bewusst - dass gesellschaftliche Missstände nicht ganzheitlich betrachtet werden, sondern im Rahmen von „Strukturreformen" häufig nur an den kleinstmöglichen Schrauben gedreht wird, um die Budgets der nächsten drei Jahre im Rahmen zu halten, ist mit ein Grund für die oft zitierte Politikverdrossenheit der Bevölkerung. 

In Bezug auf die Diskussionen über die Lebensarbeitszeit wird es notwendig sein, zumindest das Gesundheitssystem - hin zu mehr Prävention - und das Bildungssystem - weg von sozialer Selektion und hin zu lebenslangem Lernen - mitzudenken. (derStandard.at, 10.2.2012)

Autorin

Magdalena Wagner arbeitet derzeit als Projektassistentin mit 30 Wochenstunden sowie ehrenamtlich als Vorsitzende von Sapere Aude, einem Verein zur Förderung der Politischen Bildung.

Kommentar posten
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dakakadu
00
12.2.2012, 23:53
was wurde aus den humanistischen visionen der futuristen ?

die technik soll den menschen von der arbeit befreien hiess es. maschinelle arbeit wollte man besteuern.
technokraten hatten die idee von der gerechten ressourcenverteilung und nicht von der vernichtung derselben durch finanzwirtschaft und krieg.
die guten hatten nicht mit der GIER und den MENSCHENHASS DER REICHEN gerechnet.

aber jaque fresco ist ja ein kommunist, klar.

Besserwisser
31
12.2.2012, 18:35
Diese TRÄUMERIN soll mir doch einmal erklären,

wie das in einem Kleinbetrieb beispielsweise mit bis 10 Mitarbeitern funktionieren soll.
Und vor allem, wer das zahlen soll, z.B. die einjährige Bildungskarenz mit Förderung nicht nur der SWchulungen, sondern auch der Lebenshaltungskosten.
Wer erledigt die Arbeit während dieser Karenzzeit? Stellt man jemanden für 1 Jahr ein und sobald dieser Ersatzmensch sich voll eingearbeitet hat, schickt man ihn wieder ?

zest
01
13.2.2012, 11:27
wie wäre es

mit einem bezahlten praktikantenIn...dieser bekommt ein gutes dienstzeugnis und endlich auch kohle...und der betrieb hat auch "überbrückung"...

Architektoni
00
13.2.2012, 08:31
Nur so nebenbei: Wenn sich die systemischen Umstände nicht ändern, wird Ihr Kleinbetrieb sowieso eingehen.

Denn es ist Menschen immer weniger erträglich, bei etwas mitzuarbeiten, bei dem sie nicht voll dahinterstehen (und ein Narr ist, wer glaubt, dass die Mitarbeiter voll hinter einer Angestelltentätigkeit stehen, die sie zu einem Gutteil nur aus Gründen der existenziellen Sicherung ausführen).
Man schaue sich einmal an, wie heute die Stimmung normalerweise in einem durchschnittl. Betrieb ist. Es wäre eigentlich höchste Zeit, um neue Ansätze zu finden, damit sich Depression, Mobbing und andere Abwärtsentwicklungen endlich auflösen können.

Übrigens, ein interessanter und sehr erfolreicher (und bisher undenkbarer) Ansatz :

http://www.sein.de/gesellsch... nende.html

roundabout
01
12.2.2012, 18:03
Das Umdenken

müsste in erster Linie bei den Arbeitgebern erfolgen. Wenn man sich nur als Kostenfaktor fühlt, dessen Arbeit so bald wie möglich automatisiert, outgesourct oder von Leiharbeitern erledigt werden soll, dann denkt man so rasch wie möglich in die Pension abhauen zu können, auch wenns einen finanziellen Verlust bedeutet.

Harry Y.
 
04
12.2.2012, 16:34
Bestens.

Ein wirklich ausgezeichneter Beitrag, und, wenn umgesetzt, auch zur Lebensqualität aller.
(Die 'Bildungsfreigangsjahre' sind ein MUSS.)

J. Reichhart
02
12.2.2012, 16:29
bravo!

gute ansätze und vorschläge!

doch sowohl politik als auch die 'wirtschaft' sind davon lichtjahre entfernt. solange sich die politik in der gesetzlichen änderung von daten wie pensionsantritt oder abschlägen erschöpft und die wirtschaft ihre 50+ in die arbeitslosigkeit 'entsorgt', ist das reine utopie.

einige länder wie schweden sind uns da um lichtjahre voraus!

das jüngste schummel- und mogelpaket unserer regierung raubt einem da die letzten illusionen!

Jakob Steiner1
21
12.2.2012, 15:37
die anderen

Die Anderen gehen zu frueh in die Pension, sind egozentrisch, haben also keine Kinder, sind sportlich und haben grossatrige Karierren und wenn wir Pech haben waren sie im Staatsdienst. Dann naemlich trifft uns das doppelt hart. Wir koennen sie also durchfuettern obwohl sie zeit lebens entweder studiert oder an ihren Karrieren gefeilt haben. Sie werden wie wir wissen extra lange leben und kosten 2 bis 3 mal soviel wie Normalbuerger obwohl sie nur durchschnittlich 20% in die Kassen einbringen. Deshalb soll ich nun bis 70 arbeiten muessen???? Wie waers wenn wir denen die leicht zu identifizieren sind nur jene 20% ausbezahlen die sie eingezahlt haben!

jassl11
02
12.2.2012, 13:45

richtig, wir werden länger arbeiten. nicht müssen, sondern mögen. radikale änderung der einstellung. 'arbeit' gibt es zum sauenfuttern; jederzeit und immer. nicht die arbeit ist das problem, sondern der richtige zusammenhalt in der gesellschaft. weg um wohlfühl-sozitum-macht-eh-jemand-anderer zum engagierten einsatz aller; jeder mit seinen stärken. natürlich nur mit entlohnung, die kann aber unterscheidlich sein, auch jenseits von monitären. derzeit: fast ausschliesslich falsche ein- und vorstellungen, deshalb viel jammern, scheinkrankheiten, burnouts und depressionen. könnte alles heruntergefahren werden. gar nicht so schwer.

selbst-denker
16
12.2.2012, 12:51
nein

bis 70 arbeiten zu MÜSSEN ist ein stuss. so etwas kann nur jemand schreiben, der noch nicht über 60 ist und genug verdient, sodass er sich keine sorgen über sein alter machen braucht. mir fehlt es bei dieser leidigen diskussion an hausverstand, denn das problem ist nicht das pensionsalter, sondern das zu frühe in pension gehen von zu vielen, und das mit hohem einkommen. betrifft bekanntlich vor allem beamtInnen und mit golden handshake früh aus der telekom, von der post oder bahn oder verstaatlichten früh auf kosten der steuerzahlerInnen verabschiedeten. dort wäre einiges zu tun, aber das traut sich die hohe politik nicht, da sie dann auch bei sich selber ordentlich ansetzen müsste. vor allem bei jenen, die zusätzlich aufsichtsrat sind.

kwazzo
04
12.2.2012, 13:28
besonders dreist:

sich mit "golden handshake" verabschieden lassen und dann im selben betrieb als "konsulent" weitermachen - und das meist besser bezahlt als zuvor, weil externer berater. da feiern richtige sauereien fröhliche urständ.

derweil wird die masse eingestimmt auf arbeiten bis zum umfallen. ich seh vor dem geistigen auge wie sich heerscharen greiser menschen vor den supermärkten die haxln stellen, damit einer den job zum eintüten kriegt. weil DAS ist auch ein aspekt beim arbeiten bis 70: was arbeiten (wenn körperlich nicht mehr 100% fit), wieviel und zu welchem lohn?

sw16
03
12.2.2012, 12:50
den richtigen Weg angedacht ...

... von der schädlichen Konkurrenz weg hin zur Kooperation. Mit bedingungslosen Grundeinkommen wäre weiters die Existenz gesichert - die Basis um Kreativität, Empathie und Engagement in breiter Schicht zu ermöglichen.
Ist das in friedlicher Evolution erreichbar?
Oder sollte Veränderung von den immer mehr werdenden, in prekäre Lebenssituationen gezwungenen Menschen, mit Nachdruck eingefordert werden?

Salz Burger
00
13.2.2012, 00:00

Mir scheint, dass wir mit unserem System, eine beinharte Konkurrenz zuzulassen, aber darunter ein dichtes soziales Netz zu haben, schon das beste System haben.

Kooperation statt Konkurrenz hört sich schön an, funktioniert aber nicht. Halb Europa hat es im letzten Jahrhundert eh probiert und ist gescheitert.
Der Konkurrenzkampf ist eine der Säulen unseres Wohlstandes.

sw16
00
13.2.2012, 09:06

Also ich würde Ihnen nicht empfehlen in das so dichte Netz, hineinfallen zu wollen.
Ein Gießkannenprinzip wo viele sogar durchfallen.
Im letzten Jahrhundert Kooperation? 2 Weltkriege, die Spaltung in Ost u. West, meinen Sie das damit?
Und wenn 2 sich streiten freut sich der 3. - soviel zu Wohlstands-Säulen!
Das beste System ist meiner Meinung ein anderes als das wir leider heute haben.
Um es zu erlangen muss aber verstanden werden was die Menschen gegeneinander aufhetzt.

Abodroc
01
12.2.2012, 11:50
vor allem die bildung ist ein wichtiges thema

es wird den menschen zu schwer gemacht einmal eingefahrene geleise zu verlassen. keine frage: es ist möglich, aber nur unter entbehrungen.

das ist auch ein gesellschaftliches problem. einer der erst mit mitte 40 sein studium abgeschlossen hat und vorher einem anderen broterwerb nachgegangen ist bleibt zweite wahl. (dann bleiben eigentlich noch 20-25 jahre erwerbsleben, da kann man schon noch was bewegen!)

zudem sind bildungswillige leute oft unbeliebt. "wenn der fertig ist kann ich ihn abschreiben".

weiters: soziales engagement und weitergabe von wissen im alter sollte ein wichtiger teil sein. wer den leuten mehr freizeit verschafft muss ihnen auch ein angebot bieten diese sinnvoll zu verbringen!

Franz Kneissl
14
12.2.2012, 11:15
20 Stunden sind genug!

Ein erster Schritt wäre die 30 Stundenwoche!
Von mir aus auch mit weniger Einkommen - nicht für niedrige Einkommen - das muss man sich näher ansehen.

Herr Schnell
80
12.2.2012, 12:35

samma a bissal faul?

Herr Schnell
31
12.2.2012, 09:38
30 Stunden?

hahaha. und was soll ich die restlichen 4 Tage der Woche machen?

fritz101
06
12.2.2012, 13:18
Ein bissl nachdenken...

.. vielleicht über Vorurteile, politische, menschliche Gesinnung? So wie sie in einem Halbsatz posten, sehe ich bereits enormen Nachholbedarf an Menschen- und sonstiger Bildung.
Nach einer gewissen Zeit, in der sie gelernt haben mit Mitgefühl andere Menschen und ihre und unsere Welt zu betrachten, wird ihnen sicher nicht mehr langweilig sein, und sie werden wissen, was sie, sinnvoll, mit ihrer täglich abnehmenden, einmaligen Lebenszeit tun können.
Gscheit wäre, Unrecht aufzeigen und anprangern, Leid versuchen zu mildern...
Die Gefahr dabei ist, dass sie glücklich werden könnten und aufs Geldvermehren vergessen, das heißt materiell verarmen werden. Dafür brauchen sie sich vor ihrem Ableben aber auch vor nix wirklich fürchten. Wär das was?

Abodroc
04
12.2.2012, 11:39
sie könnten sich engagieren

politisch, künstlerisch, in gemeinnützigen vereinen, bei feuerwehr, rettung, arbeit mit behinderten, arbeit mit kindern, pflegebedürftige, die liste der sinnvollen beschäftigungen die einem auch selber erfahrung und lebensqualität bringen ist lang.

genau das fehlt mir oben im artikel auch: unbedingt zu obigem konzept gehört die menschen in ihrer freizeit zu motivieren nach ihren möglichkeiten (!) etwas beizutragen. das muss jetzt nichts großartiges sein oder viel stress bedeuten

auch wenn sie sich das nicht vorstellen können: sehr viele leute würden gern etwas tun um "die welt zu einem besseren ort zu machen" und wenn man sie drauf anspricht bekommt man als antwort "naja.. ich spende eh". mag sein, aber spenden bringt einem selber wenig!

lichaot
04
12.2.2012, 09:48

Leben aufbauen? Familie, Freunde, Hobbies oder so?

111sonne
023
12.2.2012, 09:01
rom

ein junger römischer senator hat einmal den vorschlag gemacht man möge alle sklaven mit einem roten armband kennzeichnen damit man weiß mit wen wem man es zu tun hat. ein alter weiser senator antwortete: lieber nicht - wenn sie draufkommen wieviele sie sind, käme es zu einem aufstand.
die heutigen lohnsklaven die für die zinsen ihrer schulden arbeiten dürfte man auch nicht kennzeichnen, wenn die merkten vieviele es sind würde es zu einem aufstand kommen.

Zausl
04
12.2.2012, 05:46
heute bis 70, und morgen? teil 2

und wer putzt dann unsere häusl? ich bin nicht nur überzeugt davon, sondern weiß sogar, daß es menschen gibt, die es sich zu aufgabe machen würden, von andern verdreckte häusl zu putzen, auch dann, wenn wir anderen dies nicht schätzen.
das geheimnis ist würde und freiheit von zwang. auf diese weise lassen sich alle gesellschaftlichen probleme lösen, die in wahrheit ja nur ganz kleine sind. die insbesondere künftigen probleme sind ja ganz andere, nämlich die, die uns die natur und unser vergangenes fehlverhalten auferlegen.

Salz Burger
03
12.2.2012, 10:20

Selber putzen?
Echte Freiheit ist nur, wenn ich für gewisse lebensnotwendige Dinge niemanden brauche, sondern es selber erledigen kann.

Zausl
210
12.2.2012, 05:34
heute bis 70, und morgen?

liebe leute, sollte man an die lösung des pensionsproblems nicht ganz anders heran angehen? wie wär's mit einem Bürgergeld in der höhe zum beispiel der momentanen mindestpension. lebenslänglich wertgesichert für alle, egal, ob sie arbeiten oder nicht.
ich weiß, keine neue idee, aber denkt sie einmal rigoros durch: würde schon einmal eine menge an verwaltunsaufwand ersparen, und dann auch die arbeitskosten für die wirtschaft verringern, da diese ja nur noch über den sockelbetrag hinaus bezahlen müßte. außerdem würde sich die effizienz erhöhen, da die menschen nicht mehr ungeliebte sklavenjobs annehmen, von denen sie sich ohnehin innerlich distanzieren, sondern zu ihrer tätigkeit stehen und diese sozusagen mit links erledigen.

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