Nicht einmal auf den Parkbänken war Platz für ein junges Liebespaar: Eine tragische Leidenschaft in Zeiten des Nazi-Rassenwahns
1997 stieß Alfons Dür, der damalige Vizepräsident des Landesgerichts
Feldkirch auf ein Konvolut an Sammelakten aus der NS-Zeit, das den
Ausbruchsversuch von fünf jugendlichen Häftlingen behandelte. Der Grund dafür
war Liebe. Sie kostete Heinrich Heinen ebenso wie seine Braut Edith Meyer und
zwei weitere Jugendliche das Leben. In jahrzehntelanger Archivarbeit gelang es
Alfons Dür, die Spuren der Kids zu finden, die waghalsige Flucht des Liebespaars
quer durch Europa und sein tragisches Ende nachzuzeichnen.
Eine blaues Kanapee, eine Grünpflanze auf dem Lacktischchen zwischen dem
Klavier und dem Kanarienvogelkäfig. Haben Meyers so "deutsch möbliert" gewohnt?
Seit über dreihundert Jahren gibt es die kleine jüdische Gemeinde in Langenfeld
bei Köln. Ihre Lebensweise unterscheidet sich kaum von der der katholischen oder
evangelischen Bevölkerung. Abends, wenn die Eltern aus dem Geschäft kommen -
"Maßanzüge von 25 Mk an. Stoffmuster franko zu Diensten" - da setzt sich ihre
Jüngste vielleicht an den Flügel und singt eines der so beliebten Volkslieder
von Johannes Brahms.
"Es ging ein Maidlein zarte, früh in der Morgenstund,
in einen Blumengarten, frisch, fröhlich und gesund."
Den Kanarienvogel dürfte es eigentlich nicht geben - das ist Juden 1938
verboten. Auch studieren dürfen sie nicht. Deshalb sind Ediths ältere
Geschwister Alice und Ernst Siegfried in den USA. Edith aber ist 18 und total
verliebt. Nur gibt es keinen Ort für diese Liebe. Auf Parkbänken sitzen, ins
Kino gehen, den Bus benützen - alles verboten.
"Rassenschande" heißt es, wenn Heinrich, der katholische Arbeiter, mit Edith
spazieren geht, sie umarmt und küsst. Heinrich pfeift auf das Verbot. Außerdem
will er sein Mädchen bald heiraten. Edith bringt ihre Habe - ein chinesisches
Kaffeeservice, Damastdecken, einen gemalten Obstteller - zu einer Bekannten, zu
Paula Berntgen.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 dringen SA-Leute in die
Wohnungen ein. Sie reißen eine Treppenlatte ab und misshandeln damit Albert
Salomon, einen Onkel von Edith Meyer. Als einer seinen Dolch zieht, stürzt sich
die Haushälterin in ihrer Angst aus dem Fenster und bleibt schwer verletzt
liegen. Nach 1945 wird ihre Aussage ein detailliertes Bild des Pogroms in
Langenfeld zeichnen.
Familie Meyer muss in ein sogenanntes "Judenhaus" einziehen. Indessen ist es
Alice gelungen, in den USA genügend Geld aufzutreiben, um ihren Eltern und der
kleinen Schwester Edith die Schiffspassage zu bezahlen. Zu spät. Das
nationalsozialistische Regime will seine jüdischen Bürger nicht mehr vertreiben,
sondern ermorden.
"Da unten im Tale läuft's Wasser so trüb
und i kann dir's nit sagen, i hab di so lieb."
Johannes Brahms. Deutsche Volkslieder. Edith Meyer hört nächtelang das Weinen
der Kinder. Sie ist nach Düsseldorf verschleppt worden. Stehend, in eisiger
Kälte, wartet sie - zusammen mit 1006 anderen - in einer feuchten, dreckigen
Halle, einem aufgelassenen Schlachthof, auf die Deportation. "Die Frostbeulen an
meinen Füßen begannen zu schmerzen, aber ich wagte nicht, meine Stiefel
auszuziehen, denn immer wieder mussten wir antreten und wurden nach dem Alphabet
aufgerufen", erinnert sich Hilde Sherman, eine Überlebende des Transports. "In
den Steintrögen des Schlachthofs lagen Babys und Kleinkinder und weinten die
ganze Nacht, wahrscheinlich vor Kälte."
Der letzte Appell kommt um vier Uhr früh. Die Menschen schleppen sich zum
Bahnhof. Auch hier heißt es warten, frieren, stundenlang. Sechs Stunden lang.
Dann kommt der Zug. Die Heizung ist defekt.
Amtliche Berichte über die Deportationen gibt es äußerst selten. In diesem
Fall hat sich Paul Salitters Schreiben an das "Reichssicherheitshauptamt"
erhalten. Salitter beklagt sich über den Ausfall der Heizung, einen Achsenbrand,
das permanente Umrangieren und Warten auf Nebengeleisen. Zweimal ließ er in der
48-stündigen Fahrt "einem Teil der Juden etwas Wasser verabfolgen".
Als sie in Skirotawa, acht Kilometer vor Riga ankommen, ist in der Stadt
alles ruhig. Zwölf Grad unter null lassen die Bewohner erstarren. Die
Wachmannschaften treten erleichtert die Heimreise an. Der Zug bleibt eine
weitere Nacht stehen. Edith friert wie alle anderen. Viele der Deportierten
erfrieren.
Wer im Ghetto von Riga ankommt, dem kriecht die Kälte bis ins innerste Herz.
In den niederen Holzhäusern sind die Tische noch gedeckt. "Teller, Bestecke,
Tassen", erinnert sich Hilde Sherman, "und - was uns am meisten erstaunte -
Schüsseln mit angerichteten Speisen, die allerdings steinhart gefroren waren."
Seit drei Tagen haben die Neuankömmlinge nichts gegessen, doch angesichts dieser
grotesken Schneewittchen-Szene können sie es nicht mehr. Wochen hat das Morden
in Riga gedauert. Himmler persönlich hat es inspiziert. Das Töten mit
Gewehrsalven hielt er für ineffizient. Neue Mordmethoden mussten her.
Kohlenmonoxyd, lautloser Tod in den "Gasautos". "Ich sehe noch heute die Leute.
Leute, die in Autos steigen", berichtet ein Überlebender. "Die Leute waren
dermaßen zermürbt vom Hunger, von der Erniedrigung, von allem, es hat sie gar
nicht mehr interessiert, was sie machen."
"Ich will mein schönes Lieb anschauen
um das ich muss so ferne gehen"
Sind es die Volkslieder, die in Heinrich Heinen die Liebe wachhalten? Findet
er mit dem Blut eines empörten Herzens die Kraft, nach Edith zu suchen? 41 Mal
wendet er sich in diesen zwei Wochen an Willi Berntgen, den Mann ihrer Freundin
Paula. An wen sonst? Wir wissen es nicht. Seine verzweifelte Suche können wir
erahnen durch Willi Berntgens Aussage vor der Stapo-N-Solingen. Heinrich habe
"geäußert, wenn er wüsste, wo die Edith wäre, würde er sie aus dem Lager holen,
was wir aber nie geglaubt haben. Ich habe ihm darauf gesagt, dass es Wahnsinn
sei, was er vorhabe. "
Heinrich gelingt es, sich unbemerkt von seinem Arbeitsplatz bei einem
Berliner Rüstungskonzern, den Henschel-Werken, zu entfernen, ohne Reisedokumente
nach Riga zu gelangen, sich ins stacheldrahtumzäunte Ghetto zu schmuggeln und
dort unter 25.000 Menschen die Geliebte zu finden. "Angeblich ist er des Abends
mit Meyer unter den Stacheldraht her gekrochen u. so ins Freie gelangt", sagt
Willi Berntgen aus.
Das Liebespaar findet Unterkunft bei einer lettischen Bäuerin, klaut ein
Wehrmachtsauto und flieht nach Solingen zu Berntgens. Aber die wollen sie nicht
beherbergen. Paula begleitet ihre Freundin zu Helene Krebs. Das ist eine
Verwandte Ediths, verheiratet mit einem "Arier" und dadurch irgendwie geschützt.
Dann bekommen Berntgens es doch mit der Angst zu tun. Sie denunzieren die
Freundin - und sprechen damit das Todesurteil über die hochschwangere Helene
Krebs. Sie wird nach Auschwitz deportiert.
"Mein Herz ist nicht mehr mein,
o könnt ich bei dir sein"
Edith und Heinrich haben davon nichts mehr erfahren. Sie flüchten nach
Vorarlberg. Dort gibt es vielleicht eine Möglichkeit, in die Schweiz zu
gelangen. Über die Grenze bei Hohenems? Dessen jüdische Gemeinde aber ist nach
über 300 Jahren ausgelöscht worden. Über die alten Schmugglerwege im Rätikon-
oder Silvretta-Gebirge? In Bludenz geht den beiden das Geld aus. Irgendwie
gelangen sie nach Feldkirch. Es ist ein Montag. Im Kino wird "die tolle
Geschichte eines Mannes, dem alles danebengeht" gespielt, die Komödie "Sieben
Jahre Pech" mit Hans Moser. Der ist auch mit einer Jüdin verheiratet, "von der
er nicht lassen wollte". An diesem 22. Juni 1942 werden Heinrich und Edith
festgenommen.
Heinrich kommt in eine Zelle, in der Jugendliche sitzen, die - wie er selber
- illegal die Grenze in die Schweiz passieren wollten. Friedrich Frolik zum
Beispiel. Der hatte, als er festgenommen wurde, einen Fotoapparat bei sich. Die
Bilder zeigen den Buben auf Wegen an der Grenze. In der Zelle sitzt auch der
19jährige Josef Höfel aus dem nahen Hohenems. Er wurde festgenommen als Mitglied
einer "aktivistischen Kampforganisation", deren Ziel der "rücksichtsloseste
Kampf gegen den Nationalsozialismus" war.
"Nimm die Schuh nur in die Hand
und schleich dich leis entlang der Wand,
komm du, mein Liebchen komm!
Komm du, mein Liebchen komm!"
Heinrich Heinen stand den "furchtbaren Juristen" furchtlos gegenüber. Er
wollte seine Edith ein weiteres Mal befreien, zog die andern ins Vertrauen. Sie
würgen einen Mithäftling mit einen Handtuch bewusstlos, entwaffnen die
eintreffenden Wachbeamten, einer hält sie mit der Pistole in Schach. Die andern
durchsuchen das Gefängnis. Stundenlang. Welche Angst tobt in ihren jungen
Herzen? Sie finden Edith nicht. Das Mädchen ist wenige Stunden vor dem Ausbruch
nach Auschwitz deportiert worden.
Heinrich Heinen und Josef Höfel flüchten schließlich nach Hohenems. Da läuft
bereits eine Großfahndung. Man findet die Burschen, auf einer Hausbank sitzend.
Die Gendarmen zielen auf den Kopf von Josef Höfel und das Herz von Heinrich
Heinen. Beide sind sofort tot.
"Von herbem Leid und Traurigkeit ist mir das Herz zerflossen,
die Blümelein, mit Tränen rein hab ich sie all begossen."
Ist Edith Meyer lebend in der Todesfabrik Auschwitz angekommen? Wir wissen es
nicht. Sie wurde in Auschwitz nicht registriert und scheint auch in den
Sterbebüchern nicht auf. Dort wurden mit Nummern registriert nur jene
"Häftlinge", die nicht sofort nach der Ankunft ermordet wurden. (Ingrid Bertel, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)
Alfons Dürs Buch "Unerhörter Mut. Eine Liebe in der Zeit des Rassenwahns"
erscheint Ende Februar im Verlag Haymon.
Brahms Volkslieder sind in einer Einspielung der Musicbanda Franui unter dem
Titel "Nur ein Gesicht auf Erden lebt..." bei col legno erschienen.