Ein Mann auf dem Weg in den Abgrund: Drago Jancars großartiger, in Maribor angesiedelter Roman "Nordlicht" in neuer Übersetzung
"Alles dreht sich, diese Welt dreht sich immer schneller und ich kann nichts
dagegen tun." Das teilt ein Mann auf dem Weg in den Abgrund mit, in der Mitte
von Drago Jancars beeindruckendem Roman Nordlicht von 1984, der nun in
neuer Übersetzung vorliegt und eines der Schlaglichter der Kulturhauptstadt
Europas in diesem Jahr ist: Maribor, zuvor Marburg, das Jancar im Winter 1938
als Schauplatz paradigmatischer Entwicklungen schildert, die kommende
Katastrophe nicht nur im Himmelsphänomen ankündigend.
Die Stadt wirkt von Anfang an finster, als sei sie auf dem Sprung: "Dem
Bahnhof gegenüber die dunkle Fassade eines Hauses. Hoch oben waren zwei Fenster
erleuchtet. Für einen Moment schien ihm, als starrten ihn die Augen einer
kauernden Stadt an." Ein starker Beginn, der den Österreicher Josef Erdmann am
Neujahrstag 1938 in den Schneematsch von Maribor stellt, zunächst in der
Draufsicht eines Erzählers, um dann das gestrandete Ich selbst berichten zu
lassen.
Er vertreibe Laboreinrichtungen und habe ausgerechnet den Ort vage erinnerter
Kindheit einem Jaroslav, für den er die Expansion nach Südosten betreiben solle,
als Treffpunkt angegeben. Dieser Jaroslav kommt nicht und nicht. Der Wartende
findet Zugang zum lokalen Bürgertum, dessen Fassaden der Ausflüge in die
Weinberge und in den Okkultismus die Gräben zwischen Slowenen und
Deutschtümelnden notdürftig verdecken.
Das fragile Gleichgewicht, in das Blitzlichter europäischer Politik von den
Nationalen bis zu den Kommunisten hineinfunken, gerät zusehends ins Schwanken.
Für Erdmann ist es ein Gleiten ins Haltlose. Weder die Liebe zu Margarita, der
Frau des Ingenieurs Samsa, noch die Suche nach der von Gottvater gehaltenen
blauen Kugel, die er als Kind hier auf einem Altarbild gesehen haben will,
vermögen ihn zu retten.
Unweigerlich gelangt er in die Randbezirke, in Alkoholismus und in eine Art
Slum, das man - nach Mussolinis Feldzug - Abessinien nennt. Und als das
verstörende Nordlicht blutig rot am Himmel zuckt, fängt die große
Weltmagnetnadel zu zittern und wie verrückt in alle Richtungen auszuschlagen an.
Erdmann, der vom eigenen Niedergang berichtet, erkennt wohl Zeichen, folgt
jedoch trotzdem den Impulsen: "Für einen Moment dachte ich, dass ich eigentlich
wirklich nicht wusste, was ich hier tat, und dass sich dieses ganze Stück Welt
neigte, dass ich irgendwohin glitt."
Das Weggleiten vermerkt er mehrmals, wie er auch gegen Ende wiederholt seine
Handlungen unerklärlich findet, bis zum wilden Showdown im Fasching, als die
ganze verkleidete Gesellschaft ihrer Gewalt und ihren Trieben nachgibt. Eine
faszinierende, eine erschreckende Darstellung: Wie Masken fallen, wenn Masken
aufgesetzt werden.
Dass diesem Ich nicht zu trauen ist, diese Einsicht verschafft Jancar langsam
auf interessante Weise. Ein Erzähler bringt die Perspektive des allwissenden
Vor- und Rückblicks ein, führt die weiteren, meist schrecklichen Schicksale von
Figuren an, wartet mit Statistiken auf. Er teilt schließlich aus
Ermittlungsberichten mit, dass mit Erdmanns Angaben von vornherein etwas nicht
stimmt.
So unweigerlich, wie die Figur in die Falle der Stadt gerät, so sehr zieht
der Roman in seinen Bann. Seine Zeichen lassen sich historisch lesen, zudem als
Elemente eines Psychogramms und eines literarischen Netzes, das nicht nur mit
dem Namen Samsa geknüpft ist und nicht nur auf Kafka verweist. Er baut ein
Panorama mitteleuropäischer Kleinstädte an einer Bruchlinie, mit den
Nationalitätenkonflikten, mit Trafikant und Untergangsapostel, Tonsetzer und
deutschem Großgrundbesitzer, mit wilden Leidenschaften und dem Ausbruch der
Gewalt in karnevalesker Stimmung.
Das eigentümliche Ambiente fängt Jancar in ein paar Strichen ein, die
psychischen und gesellschaftlichen Dispositionen in starken Sätzen. Von
Margarita, die Erdmann sogar in die übelsten Zustände folgt, heißt es, sie ließe
sich für "das aufregende Leben und das traurige Schicksal einer Milena L." auch
"ermorden, wenn sie es denn überleben würde".
Alles dreht sich immer schneller, die Jungen beginnen zu marschieren, für die
"Erweiterung des Volksraums, für die Verteidigung des Volks- und Lebensraums".
In der Stadt, weiß der Erzähler, "werden die Paradeschritte bald zu einem
blutigen Wahnsinnstanz verwirbeln." Entsprechend gestaltet Jancar den Roman als
zunehmenden Wirbel. Während Erdmann Unmengen trinkt, findet sich eine kurze
Satire auf die Abstinenzlerbewegung; während er sich dem Verfall anheimgibt, ist
von der Rassenanthropologie mit ihren schrecklichen, lächerlichen Vermessungen
die Rede, auch von der "Judenfrage", wiewohl in Maribor keine Juden leben.
Am Ende steht das Nordlicht. Wenn wieder die Fenster blutig erglühen, dann
wird die Nadel zu zittern beginnen und "wie verrückt in alle Richtungen
ausschlagen". Der Ausblick mag für jene Zeit gelten, als Drago Jancar, den das
Titoregime inhaftiert hatte, den Roman schrieb. Zumindest erzählerisch weist er
in die Zukunft. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)
Drago Jancar, "Nordlicht". Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. €
22,90 / 264 Seiten. Folio, Wien, Bozen 2011