"Das wäre ja unfair"

15. Februar 2012, 09:52
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Fadi Merza ist Weltmeister in der härtesten Kampsportart der Welt und will seinen Titel in der "Schlacht von Tokio" verteidigen - Außerhalb des Rings würde er seine Künste niemals zur Anwendung bringen

Wien - Wenn Fadi Merza auf seine Gegner eindrischt, dann braucht er schnelle Schlagkombinationen. Zuerst ein Kick mit dem blanken Schienbein gegen die Rippen, eine rechte Faust und dann ein Knietritt in Richtung Kopf. Eine Schlagkombination, die schwer zu verteidigen ist. Merza ist vollgepumpt mit Adrenalin und Thaiboxen die brutalste Kampfsportart der Welt. Bei seinem ersten Profikampf brach er dem Briten Eugene Valerio mit einem Kick den Unterarm, Sieg für Merza in der zweiten Runde durch technisches K.o. Das war 2001.

Mittlerweile hat der aus Syrien stammende Fadi Merza exakt 151 Fights hinter sich und bleibt fasziniert: "Von der Härte und der Fairness zugleich. Da hauen sich zwei Athleten 15 Minuten voll auf die Goschen und gehen nachher am Abend gemeinsam etwas Trinken." Ein demoliertes Gesicht ist Usus, einen Trommelfellriss hat er sich ebenso schon zugezogen wie einen Kreuzbandriss. Letztere Verletzung passierte im Training. Boxen sei aber gefährlicher, weil dort permanent Schläge auf den Kopf gehen, beim Thaiboxen werden die Treffer auf den ganzen Körper verteilt. Merza: "Karrieregefährdende Verletzungen sind selten und Tote gibt es im Ring auf keine."

Muay Thai als brutale Version

Die traditionelle, westliche Boxkunst ist wesentliche Voraussetzung dafür, ein erfolgreicher Thaiboxer zu werden. Eine Gerade, ein Schwinger oder ein Aufwärtshaken gehören ebenso zum Kampfrepertoire wie das Klammern, wenn es nötig ist. Kopfstöße und Tiefschläge sind verboten, im klassischen thailändischen Muay Thai-Stil kommen Ellenbogen- und Knieschläge dazu. Fadi Merza ist Weltmeister in den Verbänden ISKA (International Sport Karate Association) und WKA (World Karate and Kickboxing A.), am 17. Februar will er in Japan einen Titel gegen den Japaner Yoshihiro Sato verteidigen.

Sechs Wochen dauert die Intensiv-Phase als Vorbereitung auf die "Schlacht von Tokio". "Ich trainiere zweimal täglich, am Vormittag steht eine Kardioeinheit am Programm und am Abend Sparring, Technik- und Pratzentraining (Schläge und Tritte gegen Schlagpölster, Anm.)", sagt der 33-Jährige, der noch ein paar Jahre kämpfen will weil er topfit ist.

Nationalsport Thaiboxen

Merza ist international ein gefeierter Fighter, qualifizierte sich vor zwei Jahren bereits für den Kings Cup, das renommierteste Turnier der Welt im Mutterland des Thaiboxen. Muay Thai gehört wie vielleicht nur noch der Buddhismus und die Monarchie zu den bedeutenden Wurzeln der thailändischen Kultur. Früher wurden die Soldaten des Königs von eigens geschulten Mönchen in der waffenlosen Kampftechnik mit "den acht Gliedmaßen" ausgebildet, heute feiert der König seine Helden wie Österreich seine Abfahrer.

Obwohl er trainiert wie ein Wilder, ist Fadi Merza kein Profisportler. "Man braucht ein zweites Standbein. Ich bin seit fünf Jahren Dolmetscher im Innenminsterium. Ein toller Job, den ich brauche, weil mir meine Sponsoren nur Reise- und Trainingskosten abdecken. Ohne Medienpräsenz ist es halt schwierig." Immerhin ist ein Projekt mit der Stadt Wien im Anrollen, bei dem sozial schwache Jugendliche von der Straße in die Boxstudios geholt werden sollen. Für eine bessere Zukunft, Aggressionsabbau und mehr Respekt im Umgang miteinander. Fadi Merza ist selbst durch die harte Schule des Lebens gegangen, hat seinen Vater sehr früh verloren. Das Kämpfen war seine Therapie.

Ob er jemals außerhalb des Rings zuschlagen würde? "Niemals. Das ist eine Einstellungssache. Für mich ist Thaiboxen eine Sportart wie jede andere auch. Ich würde meine Künste niemals zeigen, das wäre auch unfair dem anderen gegenüber. Außerdem kommt es ja meistens auf einen selbst an. Wenn ich keine Probleme suche, dann bekomme ich auch keine." (Florian Vetter, derStandard.at, 10.2.2012)

Update: Fadi Merza hat den WM-Kampf um den ISKA-Titel gegen den Japaner Yoshihiro Sato knapp nach Punkten verloren und konnte seinen Titel somit nicht verteidigen.

  • So brutal wie Muay Thai ist kein anderer Kampfsport. Doch in Thailand lieben sie das Kickboxen: Und sie lieben Fadi Merza.
    foto: irene schaur

    So brutal wie Muay Thai ist kein anderer Kampfsport. Doch in Thailand lieben sie das Kickboxen: Und sie lieben Fadi Merza.

  • Fadi Merza teilt aus.

  • "Es gibt Kämpfe, da steige ich so frisch aus dem Ring, dass ich am nächsten Tag schon wieder kämpfen könnte. Nach anderen Fights brauche ich zwei bis drei Wochen Pause."
    foto: fadi merza

    "Es gibt Kämpfe, da steige ich so frisch aus dem Ring, dass ich am nächsten Tag schon wieder kämpfen könnte. Nach anderen Fights brauche ich zwei bis drei Wochen Pause."

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