Die Sieben Schmerzen der Marlene Streeruwitz: Laudatio zur Verleihung des Bremer Literaturpreises 2012 für "Die Schmerzmacherin" - Von Daniela Strigl
Wenn in christlichen Landen von Schmerzen die Rede ist, wird immer auch die
Passionsgeschichte erzählt. Nach katholischer Tradition ist sie mit den Sieben
Schmerzen Mariae verknüpft, die als sieben Schwerter das Herz der Gottesmutter
durchbohren. Die Sieben Schmerzen Mariens sind eine Apotheose des Duldertums.
Die Sieben Schmerzen der Marlene Streeruwitz sind das gewiss nicht, sie sind
überindividuell, repräsentativ und vor allem: reaktiv. Wann immer es geht, dreht
sie den Spieß, die Klinge um. Auch in der Kunst werden Schmerzen erlitten,
mitgelitten und zugefügt.
1. Familienschaden
In Die Schmerzmacherin wird die 24-jährige Heldin als Produkt einer
löchrigen Genealogie beschrieben. Wie ein Familienfluch pflanzt sich das Fehlen
der Väter und das Versagen der Mütter bis in Amalie Schreibers Gegenwart fort.
Amalie, Amalia, Amtscherl, Mali oder Amy: Wie soll sie wissen, wer sie ist? Der
berühmte Familienname (der Ururgroßvater, ein großer Künstler, starb 1911) ist
angesichts der genetischen Phalanx der Rabenmütter ein schwacher Trost. Ohne
Pflegevater und Pflegemutter, ohne die Schottolas im beschaulichen Stockerau,
wäre die kleine Amalie, einmal verstaatlicht, tatsächlich übriggeblieben. Nicht
die natürlichen, die zufälligen Eltern tun ihre Pflicht und Schuldigkeit, geben
Liebe, Halt, Geborgenheit.
Eine böse Stiefmutter überredet den Vater, die Kinder im Wald auszusetzen, wo
die Hexe in ihrem diätetisch irreführenden Lebkuchenhäuschen kannibalischen
Gelüsten frönt. Nicht Die Bremer Stadtmusikanten, sondern Hänsel und
Gretel ist das Grimm'sche Märchen, das Die Schmerzmacherin
leitmotivisch prägt. Im Roman ist die Rolle der bösen Stiefmutter, vielleicht
gar der Hexe, mit Amys Londoner Großtante Marina besetzt.
2. Morbus Austriacus
Die Schreibers sind eine jüdische Familie aus Wien mit
Emigrationshintergrund. Amalies Vorfahr ist kein (Gustav) Mahler, der
komponiert, sondern ein Schreiber, der malt. In Die Schmerzmacherin
erzählt Marlene Streeruwitz auch die Geschichte eines Restitutionsbegehrens,
in der die treibende Kraft, die Erbin, ganz offensichtlich nicht zu den Guten
gehört. Die von ihr angezettelte Sammelklage gegen die Republik Österreich wird
von Amy blockiert. Einfach so.
Und weil sie den Verdacht hat, dass "die Marina" ihr den Sicherheitsjob bei
Allsecura mit einem Hintergedanken eingebrockt haben könnte: Wer möchte Erlös
und Erbe schon teilen?
Zugleich sind die Schreibers eine typisch österreichische Familie, weil Täter
und Opfer sich in ihr vermischen. Amys unbekannter Großvater soll ein Nazi
gewesen sein. In Marlene Streeruwitz' Roman Partygirl (2002) begeht
umgekehrt der Vater der Geschwister Madeline und Rick Selbstmord, als er, ein
unheilbarer Nazi, von einem Makel in seinem arischen Stammbaum erfährt.
Hier handelt es sich um Symptome des Morbus Austriacus; der Begriff stammt
von Jean Améry, dem Folteropfer der Nazis. Er hat ihn auf Thomas Bernhard
gemünzt, auf sein suizidales Panoptikum des Scheiterns in und an Österreich, auf
das Amalgam aus Katholizismus und Nationalsozialismus, Kleinmut und Größenwahn,
Verdrängung und Verharmlosung, Verstrickung und Weißwaschung.
In der Literatur manifestiert sich der Morbus Austriacus als heimtückische
Erbkrankheit, als Sucht und als Sippenhaftung der besonderen Art. Es wäre
voreilig, ihn als ausgestorben anzusehen, nur weil wir seiner überdrüssig
geworden sind.
3. Gefährliche Sicherheit
Gegenwärtiger als Die Schmerzmacherin kann ein Text kaum sein, nicht
nur weil sein Zeitrahmen auch noch die Super-GAUs von Fukushima und Dominique
Strauss-Kahn miteinschließt, sondern vor allem weil er unser Leben im Zeitalter
der privatisierten Gewalt vermisst. Wo Söldner agieren statt Amtsträgern, ist es
um Recht und Gesetz nicht gut bestellt. Im Auge des Taifuns herrscht Ruhe, doch
im Zentrum der organisierten Sicherheit lauert, wie Amys Erfahrung zeigt, die
Gefahr. So erzeugt eine paranoide Gesellschaft erst jenen rechtsfreien Raum, vor
dem sie sich fürchtet. Das Fürchten gehört zum Geschäft. Der Sicherheitsexperte
hält sich seine Paranoia wie einen Diensthund.
"Ein Roman muss ja mehr sein als ein gutes Buch", sagt Marlene Streeruwitz in
einem Interview. Bewundernswert sind nicht ihre jahrelangen Recherchen,
bewundernswert ist deren rückstandsfreie Auflösung im Roman. Amy bringt es lange
fertig, das Handbuch der Gewaltanwendung als rein theoretisches Rüstzeug zu
betrachten: alles eine Frage der Dosis. Dabei hilft, dass auf Englisch auch das
Obszöne so sachlich und grundvernünftig klingt. Die Schmerzmacherin ist
wohl jener zeitgenössische Roman deutscher Sprache, in dem am meisten Englisch
gesprochen und gedacht wird. Und wie die Autorin den Stimm- und Sprachwechsel
orchestriert, das ist schlicht brillant.
4. Werkzeug werden
Amy Schreiber ist nicht die einzige Streeruwitz-Heldin, die sich mittels
Autosuggestion auf Trab bringt, und zwar im wörtlichen Sinne: Amy läuft. Das
Laufen ist die augenfällige körperliche Manifestation von Ehrgeiz. Es gibt einer
jungen Frau, die meint, nicht wirklich zu leben, sondern nur so zu tun, als ob,
das Gefühl, da zu sein. Angestrebt und begonnen wird eine Laufbahn, das war bei
der Titelheldin von Jessica, 30 (2004) nicht anders. Die insgeheimen
Reden dieser Frauen dienen der Selbstanfeuerung im Hürdenlauf durch den
entwickelten Kapitalismus. "Einsatz" heißt das, was sie zeigen, und meint die
Bereitschaft, sich einsetzen zu lassen. Die Schwäche, die sie sich leisten,
bleibt im Rahmen des Systems: "Sie war lieber lazy als faul." "Ansporn" ist das
Schlüsselwort, über das Amy nachdenkt: sich selbst die Sporen geben - jedenfalls
eine schmerzhafte Erfahrung.
5. Körper-Invasion
Über die Wollust des Schmerzes weiß eine Erzählerin Bescheid, deren
Protagonistinnen einen gewissen Hang zum Masochismus haben. Untrennbar eins sind
Wollust und Schmerz im Fall von Amys unbemerkter Schwängerung. Ein gewaltsamer
Zugriff, ein Übergriff auf ihren Körper scheint wahrscheinlich. Hier fand keine
unbefleckte Empfängnis statt, hier wird kein Erlöser geboren. Sie habe, sagt
Amalie sich, kein "Kind verloren", weil sie keines erwartet habe. - "Das Kind
hätte ein Engel sein können oder nicht. Glaubst du, der Muttergottes Maria ist
es auch so gegangen. Aber die hat nicht eine Flasche Wodka zum Frühstück
getrunken."
Wie Kleists Marquise von O. begibt Amy Schreiber sich auf die Suche nach dem
Vater, ihr ist jedoch weder ein Kind noch ein auch nur dürftig gezimmertes
Happyend beschieden: Unerreichbar fern bleibt die Heilige Familie. Stattdessen
wird uns der körperliche Prozess des Verlusts mit quälender Lust am Detail vor
Augen geführt.
6. Kein Damenopfer
Das Unheimliche dieser unserer Allsecura-Welt liegt im diffusen Nebeneinander
von Vertrauen und Verrat, Tätern und Opfern, Mentoren und Verführern, Engeln und
Teufeln. Schwankend zwischen Pathos und Empathie, ist Amy selbst kein
Unschuldslamm, sie kennt den Wutrausch und die mänadische Verlockung. Das Bild
des verletzten, gefesselten Mannes, ihr ausgeliefert und auf sie angewiesen,
wiederholt sich.
Amys Anpassungswille ist nicht frei von Widerborstigkeit. Letztlich
verweigert die Schmerzmacherin die Opferrolle und damit die obligate Katharsis
durch Tragik, gleichsam die seelische Grundreinigung des Lesers. Amy ist weder
dumm noch blind, vor allem ist sie tatsächlich lernfähig. Wie im klassischen
Thriller wendet sich die Waffe gegen ihren Besitzer und wird zur "unguided
missile": Amy hat gelernt, wie man jemandem eine DNA-Probe entwendet, und auch
bei der Flucht aus dem Trainingszentrum profitiert sie von ihrem Knowhow. So wie
Hänsel die hungrige Hexe mit dem Knöchelchen hereinlegt und Gretel sie in den
Backofen lockt.
Am Anfang lacht die graue Eminenz Gregory Tränen über sie. Zuletzt und also
am besten lacht er aber nicht. Amy findet ihn, den sie als Kindesvater überführt
hat, auf dem Konferenztisch, genauer: seine Leiche, als ein Bild des
Gekreuzigten.
7. Die Schmerzlust des Lesers
Für den magischen Vorgang der Verwandlung von Schriftzeichen in Affekt und
Körpergefühl gibt es einen Begriff: Kunst. Marlene Streeruwitz' Sprache des
Defekts stellt den real existierenden gesellschaftlichen Mangel als Verletzung
der Syntax aus, als verstümmelte Schönheit. Ihr förmlich punktierter Stil des
Halbgedachten, Halbgesagten, des grammatischen Coitus interruptus ist längst ein
Klischee der Kritik geworden, die übersieht, dass ein jedes Buch sein
maßgeschneidertes Sprachkleid erhält.
Dass die Gesetze des Thrillers verletzt und die Erzählfäden am Schluss nicht
zusammengeführt werden, auch das schmerzt den Leser: der Gefesselte im Schnee,
der geraubte Tag, der schwere Autounfall des Freundes, die Fusion von Allsecura,
Marinas Pläne, Gregorys Tod - wie hängt all das zusammen? Wir erfahren es nicht,
weil solche Aufklärung Lüge wäre, wo bestenfalls partielle Aufhellungen möglich
sind. Wer könnte den Durchblick haben in einer Welt, in der die Entscheidungen
im Dunkeln fallen?
In ihrem Werk ist diese Schriftstellerin nicht apodiktisch, sie ist bloß
radikal - bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus. Marlene Streeruwitz als die
Mater dolorosa der Gegenwartsliteratur? Im Roman ist an einer Stelle, in einer
schönen Verschmelzung von Waffe und Wunde, von einer "klirrenden Verwundbarkeit"
die Rede. Marlene Streeruwitz' Prosa ist in erster Linie ein Schmerzmittel - ein
Mittel nicht gegen, sondern für den Schmerz. In diesem schönen Schmerz zu
schwelgen, ist das paradoxe Glück der Leserin. Die ihr dafür danken möchte. (Daniela Strigl, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)
Es handelt sich bei diesem Text um die gekürzte Fassung der Laudatio, die
Daniela Strigl (Literaturwissenschafterin, Kritikerin und Mitglied der Jury des
Bremer Literaturpreises) am 26. Jänner anlässlich der Verleihung des Bremer
Literatur preises an Marlene Streeruwitz auf die Autorin hielt. Der Förderpreis
ging an Joachim Meyerhoff.