Schwäche, Zärtlichkeit, Gnade, Poesie: die Aufzeichnungen der 88-jährigen Ilse Helbich über Alter und Altern
Dieses Buch entzieht sich der literarischen Kritik. Und doch wieder nicht.
Erst im Alter von 80 Jahren schrieb die 1923 geborene Ilse Helbich ihren ersten
Roman. Davor hatte die promovierte Germanistin lange als Journalistin,
Übersetzerin und Radioautorin gearbeitet.
Nun, nach mehreren Bänden mit autobiografischer Prosa - Das Haus etwa
- also "Erkundungen", wie der Untertitel ihres neuen Buches verheißt, datierte
Aufzeichnungen aus dem ersten Halbjahr 2011 plus ein kurzer, im Oktober
formulierter Nachsatz. Es sind Notizen, Gedanken, Beobachtungen jenseits jeder
Genreklassifizierung.
Diese Aufzeichnungen umkreisen das Wissen um den nahenden Tod und das, was
bleibt. Sinnen nach über das gelebte Leben, über Krankheit, bei ihr ist dies
eine Makuladegeneration, die blinde Flecken im zentralen Sehfeld entstehen
lässt, nachlassendes Augenlicht, Stürze (die gelegentlich mit überbordendem
Humor genommen werden), die Kinder, eine Reise mit der Familie, eine Fahrt nach
Strobl am Wolfgangsee.
Vergesslichkeit, Fragilität und der Zeit enthobene Zustände werden kristallin
beschrieben, das Diesseits und das Jenseits, Gelassenheit und Wachheit,
Resistenz, Resilienz und Niedergeschlagenheit; und das Schreiben. Das Schreiben
als Halt, das Wörterabwägen und denkende Aufschreiben als Lebenssinn gebende
Struktur. Als Innehalten.
Ein harter Blick? Manchmal. Allerdings nie ein grimmiger. Ein müder Blick?
Immer häufiger. Ein Blick voller Entsetzen auf eine fremd werdende Welt? Das an
einer Stelle. Dafür ist Helbich noch mit 88 Jahren zu neugierig, zu gespannt,
und, ja, auch das, zu weise. Und sich ihrer selbst bewusst.
Überdies gebricht es ihr weder an Humor noch an Ironie. Zudem ist sie, wenn
sie frühe Erinnerungen an die Kindheit und an die Kriegserlebnisse 1945 in Wien
schildert, frei von verklärender Nostalgie und der falschen Patina idyllischer
Rückwärtsgewandtheit.
Der in Wien lebende Vorarlberger Arno Geiger brachte vor einem Jahr ein
ergreifendes Porträt seines an Alzheimer erkrankten Vaters heraus, seine
Perspektive war die eines einfühlsamen Beobachters, der weder seine eigenen
Wirrnisse, emotionalen Zurücksetzungen und sachten Ungehaltenheiten verleugnen
wollte, noch Nähe, Wärme und Innigkeit.
Ilse Helbichs Sicht ist konträr, viel direkter, unmittelbarer, näher,
bedrängender, ergreifender. Viele Sätze will man sich anstreichen und
herausschreiben, viel zu viele sind es dann am Ende, anmutige, einfache, kluge,
poetische, reiflich abgewogene, die eben nicht für unreif von ihr befunden
worden sind, wie Ilse Helbich das in einer langen Passage über ihren skrupulösen
Schreibprozess skizziert.
Gleich auf einer der ersten Seiten heißt es: "Nichts ist unabänderlich,
nichts fest, alles fließend, kaleidoskopisch." Damit ist die Methode ihres nur
scheinbar unzusammenhängenden Aufschreibens präzis beschrieben. Ein Buch über
das Leben ist dies, das Glück des Lebens und seine verglimmende Intensität. (Alexander Kluy, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)