Lucian Freuds Kunst schmeckt nicht jedem. Parallel zur aktuellen Retrospektive serviert der Markt Appetithappen
Speckrollen oder Wurstfinger, Lucian Freud zeige den Menschen als
Schlachtplatte, und das schmecke nicht jedem, merkte Kunsthistoriker Werner
Spies 2004 an. Damals, als das Centre Pompidou dem britischen Meister eine
Ausstellung widmete, die von den Pariser Feuilletonisten - entgegen der global
üblichen Verehrung - herbe Kritik erntete. Freuds (allzu) realistische Malerei,
die dem Betrachter den menschlichen Körper vor den Latz knallt, polarisiert
eben: wulstige Hautberge, fern jedweder Beschönigung oder Tabus in zum Teil
aufreizenden Posen; schwer verdaulich für die einen, Haute Cuisine für die
anderen, die gerade diesen speziellen Detailrealismus und die Nuanciertheit der
Farben schätzen, oder auch die herrliche und an Landschaften Cézannes erinnernde
Kartografie seiner Porträts.
Dieser Tage eröffnete die National Portrait Gallery (London, Lucian Freud
Portraits, bis 25. Mai) eine Ausstellung, die mit mehr als 100 Werken einen
Überblick über die stilistische Entwicklung des Künstlers gibt. An der
Zusammenstellung hatte Lucian Freud bis zu seinem Tod im Juli vergangenen Jahres
gearbeitet, und sie vereint neben Meisterwerken aus Museen auch solche aus
Privatbesitz. Zu letzterer Fraktion gehören auch Meilensteine, die die
Entwicklung auf dem internationalen Kunstmarkt dokumentieren.
Jedem Freud sein Diwan
Im Juni 1997 hatte eines seiner Porträts erstmals die Ein-Million-Euro-Marke
überschritten (Christie's: John Deakin, 1,19 Mio. Euro netto). 1998
reichte Sotheby's Large Interior W11 (after Watteau) via New York bereits
für stolze 4,95 Millionen Euro weiter. Zehn Jahre später erteilte ihm der Markt
den endgültigen Ritterschlag: Brutto 33,64 Millionen Dollar ließ Roman
Abramowitsch für Benefits Supervisor Sleeping springen, der höchste
Preis, der je in einer Auktion für einen lebenden Künstler bezahlt wurde und der
seither gültige Künstlerrekord.
Jene Fangemeinde, deren Appetit über die Retrospektive angestachelt wird,
bedienen die Auktionshäuser kommende Woche vor Ort: Etwa über eine Gruppe von
fünf marktfrischen Zeichnungen (So-theby's, 15. 2.) und mit Druck- grafik
(Sonderauktion Christie's, 15. 2.) ebenso wie mit der besonders geschätzten
Malerei, allen voran Small Figure (Christie's, 14. 2.), ein fleischiges
Gebirge, das sich - quasi der Freud'schen Familientradition verpflichtend - auf
einem Diwan räkelt. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)