Realismus der Speckröllchen

10. Februar 2012, 18:41
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Lucian Freuds Kunst schmeckt nicht jedem. Parallel zur aktuellen Retrospektive serviert der Markt Appetithappen

Speckrollen oder Wurstfinger, Lucian Freud zeige den Menschen als Schlachtplatte, und das schmecke nicht jedem, merkte Kunsthistoriker Werner Spies 2004 an. Damals, als das Centre Pompidou dem britischen Meister eine Ausstellung widmete, die von den Pariser Feuilletonisten - entgegen der global üblichen Verehrung - herbe Kritik erntete. Freuds (allzu) realistische Malerei, die dem Betrachter den menschlichen Körper vor den Latz knallt, polarisiert eben: wulstige Hautberge, fern jedweder Beschönigung oder Tabus in zum Teil aufreizenden Posen; schwer verdaulich für die einen, Haute Cuisine für die anderen, die gerade diesen speziellen Detailrealismus und die Nuanciertheit der Farben schätzen, oder auch die herrliche und an Landschaften Cézannes erinnernde Kartografie seiner Porträts.

Dieser Tage eröffnete die National Portrait Gallery (London, Lucian Freud Portraits, bis 25. Mai) eine Ausstellung, die mit mehr als 100 Werken einen Überblick über die stilistische Entwicklung des Künstlers gibt. An der Zusammenstellung hatte Lucian Freud bis zu seinem Tod im Juli vergangenen Jahres gearbeitet, und sie vereint neben Meisterwerken aus Museen auch solche aus Privatbesitz. Zu letzterer Fraktion gehören auch Meilensteine, die die Entwicklung auf dem internationalen Kunstmarkt dokumentieren.

Jedem Freud sein Diwan

Im Juni 1997 hatte eines seiner Porträts erstmals die Ein-Million-Euro-Marke überschritten (Christie's: John Deakin, 1,19 Mio. Euro netto). 1998 reichte Sotheby's Large Interior W11 (after Watteau) via New York bereits für stolze 4,95 Millionen Euro weiter. Zehn Jahre später erteilte ihm der Markt den endgültigen Ritterschlag: Brutto 33,64 Millionen Dollar ließ Roman Abramowitsch für Benefits Supervisor Sleeping springen, der höchste Preis, der je in einer Auktion für einen lebenden Künstler bezahlt wurde und der seither gültige Künstlerrekord.

Jene Fangemeinde, deren Appetit über die Retrospektive angestachelt wird, bedienen die Auktionshäuser kommende Woche vor Ort: Etwa über eine Gruppe von fünf marktfrischen Zeichnungen (So-theby's, 15. 2.) und mit Druck- grafik (Sonderauktion Christie's, 15. 2.) ebenso wie mit der besonders geschätzten Malerei, allen voran Small Figure (Christie's, 14. 2.), ein fleischiges Gebirge, das sich - quasi der Freud'schen Familientradition verpflichtend - auf einem Diwan räkelt. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)

  • Lucian Freud: "Small Figure" (1983-84), ein üppiger Lockvogel, der am 14. 
Februar 1,5 bis 2 Mio. Pfund bringen soll.
    foto: christie's

    Lucian Freud: "Small Figure" (1983-84), ein üppiger Lockvogel, der am 14. Februar 1,5 bis 2 Mio. Pfund bringen soll.

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