Vivian Maier (1926-2009) schuf ein phänomenales fotografisches Werk
Würde man die Lebensgeschichte von Vivian Maier als Film im Kino sehen,
wäre man leicht versucht, den Plot als konstruiert und unglaubwürdig abzutun.
Doch es ist eine der klassischen Stories des anonymen Großstadtlebens, die real
existieren. Bis zum Herbst 2009 wusste die breite Öffentlichkeit absolut nichts
von ihrer Existenz und ihrem Werk.
Vivian Maier (1926-2009) wuchs als Tochter französischer und österreichischer
Einwanderer in New York und Chicago auf und verdiente sich Zeit ihres Lebens als
Kindermädchen ihren Unterhalt. Privat frönte die introvertierte Junggesellin,
wie man posthum feststellte, der Passion des Fotografierens. Zufällig stieß John
Maloof, Stadthistoriker von Chicago, 2007 auf ein in einem Auktionshaus
angebotenes, aus 100.000 Negativen bestehendes Konvolut an
Schwarz-Weiß-Fotografien unbekannter Herkunft.
Einprägsame Porträts, dichte Sozialstudien, meist aus dem Milieu der
Mittelschicht, urbane Stillleben. Sachlich, unaufgeregt, authentisch. Obwohl
Vivian Maier, aus deren Archiv die Aufnahmen stammten, über keinerlei Ausbildung
verfügte, schuf sie ein phänomenales fotografisches Werk. Ihre Aufnahmen
dokumentieren eindrucksvoll und schonungslos den großstädtischen Alltag. In
fantastischen Perspektiven dekuvriert ihr technisch brillantes und von höchster
Ästhetik dominiertes OEuvre menschliche Schicksale. Fesselnde Kompositionen, die
gesellschaftliche wie auch architektonische Metamorphosen offenbaren. Spontan
uninszenierte Konstellationen. Tragisch, dass sie ihre Kunst gänzlich geheim
hielt.
Kunsthistoriker wie Geoff Dyer nennen Maiers Street Photography, zu
Recht, in einem Atemzug mit Legenden wie Robert Frank, Helen Levitt, Diane
Arbus, Walker Evans oder Henri Cartier-Bresson, deren ikonografische Kraft
bislang das ästhetische Bild des American Dream geprägt haben. Vivian Maier fügt
neue, äußerst luzide Kapitel des alltäglichen Meisterns sowie des alltäglichen
Scheiterns hinzu. Eine Entdeckung. Prädikat wertvoll. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)