Vom Suchen und Scheitern des American Dream

10. Februar 2012, 18:47
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Vivian Maier (1926-2009) schuf ein phänomenales fotografisches Werk

Würde man die Lebensgeschichte von Vivian Maier als Film im Kino sehen, wäre man leicht versucht, den Plot als konstruiert und unglaubwürdig abzutun. Doch es ist eine der klassischen Stories des anonymen Großstadtlebens, die real existieren. Bis zum Herbst 2009 wusste die breite Öffentlichkeit absolut nichts von ihrer Existenz und ihrem Werk.

Vivian Maier (1926-2009) wuchs als Tochter französischer und österreichischer Einwanderer in New York und Chicago auf und verdiente sich Zeit ihres Lebens als Kindermädchen ihren Unterhalt. Privat frönte die introvertierte Junggesellin, wie man posthum feststellte, der Passion des Fotografierens. Zufällig stieß John Maloof, Stadthistoriker von Chicago, 2007 auf ein in einem Auktionshaus angebotenes, aus 100.000 Negativen bestehendes Konvolut an Schwarz-Weiß-Fotografien unbekannter Herkunft.

Einprägsame Porträts, dichte Sozialstudien, meist aus dem Milieu der Mittelschicht, urbane Stillleben. Sachlich, unaufgeregt, authentisch. Obwohl Vivian Maier, aus deren Archiv die Aufnahmen stammten, über keinerlei Ausbildung verfügte, schuf sie ein phänomenales fotografisches Werk. Ihre Aufnahmen dokumentieren eindrucksvoll und schonungslos den großstädtischen Alltag. In fantastischen Perspektiven dekuvriert ihr technisch brillantes und von höchster Ästhetik dominiertes OEuvre menschliche Schicksale. Fesselnde Kompositionen, die gesellschaftliche wie auch architektonische Metamorphosen offenbaren. Spontan uninszenierte Konstellationen. Tragisch, dass sie ihre Kunst gänzlich geheim hielt.

Kunsthistoriker wie Geoff Dyer nennen Maiers Street Photography, zu Recht, in einem Atemzug mit Legenden wie Robert Frank, Helen Levitt, Diane Arbus, Walker Evans oder Henri Cartier-Bresson, deren ikonografische Kraft bislang das ästhetische Bild des American Dream geprägt haben. Vivian Maier fügt neue, äußerst luzide Kapitel des alltäglichen Meisterns sowie des alltäglichen Scheiterns hinzu. Eine Entdeckung. Prädikat wertvoll. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)

  • Vivian Maier, "Street Photographer". Hg. von John Maloof. € 41,- / 136 
Seiten. Schirmer/Mosel Verlag, München 2012
    foto: standard/matthias cremer

    Vivian Maier, "Street Photographer". Hg. von John Maloof. € 41,- / 136 Seiten. Schirmer/Mosel Verlag, München 2012

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