Widerstand in Zeiten der Castingshows
Edlinger: Während die Occupy-Bewegung sogar schon einen Ableger in Nigeria
hat und man in Lagos geplante Kunstausstellungen kurzerhand in
Protestveranstaltungen umwidmet, weht bei uns ein anderer Wind. Im Wiener
Rabenhof wird es am Sonntag wieder einmal "gnadenlos", schließlich protestiert
man "um den Sieg", was sicher auch gnadenlos ironisch gemeint ist.
Jetzt will ich ja den einzelnen Bands ihr Engagement nicht absprechen, aber
ein seltsamer Spagat zwischen Anspruch und Augenzwinkern ist das schon. Oder ist
die Ästhetik des Popwiderstands heute so in der Krise, dass sie auch als Party
mit Ironiefaktor rüberkommen muss, damit man etwas hört?
Das Problem fängt schon damit an, dass heute keiner mehr richtig weiß, wie
ein zeitgemäßer Protestsong eigentlich klingen soll. Im Popschlaraffenland
England haben Auskenner die Studierenden beim Protestieren belauscht. Sie
konnten keine Botschaften mehr vernehmen, sondern haben Kommerz-R-'n'-B und eine
"Dubstep-Revolution" gehört, aber keinen neuen Bob Dylan mehr gesehen.
Und dann ist da noch die Sache mit dem parodierten Medienformat Song Contest.
Auch wenn es mit der Strahlezicke Lena wieder einmal kurz fast richtig ernst
wurde: Der Euro-Edeltrashzirkus gilt doch schon seit Jahren als Löwingerbühne
der Camp-Fraktion. Ist es dann auch schwer subversiv gemeint, dass man
ausgerechnet die eliminatorische Wettbewerbslogik der Castingshows für den guten
Zweck zweckentfremdet? Bzw. gab es schon einmal einen Protestsong gegen Contests
am Protestsongcontest?
Divjak: Die Sache mit der Wettbewerbslogik scheint tatsächlich derart tief im
gesellschaftlichen Konsens verankert zu sein, dass ein Gegeneinander-Antreten
selbst im Protest niemandem merkwürdig vorkommt. Die Hoffnung nach einem
Mikrohäppchen Teilöffentlichkeit dürfte Antrieb genug sein, auch im quasi
Gegenkulturellen das Prinzip Ausscheidung zu bejahen.
Der schützende Mantel der Ironie dürfte jedenfalls Distanzierung ermöglichen,
andererseits eine Wahrnehmungsnebelwand produzieren, hinter der sogar
abgestandene Schrammelmusik nach zeitkritisch-frischen Soundfürzen duftet und
etwaig unangenehmere Störgeräusche angenehm nivelliert werden können.
Ein Beispiel aus dem Popmutterland zeigt, wie musikalischer Protest aussehen
kann: Pete Doherty, einst hochgejubelter britischer Singer-Songwriter mit Hang
zu sehr illegalen Substanzen, hat kurz nach seiner letztjährigen Enthaftung ein
Homevideo ins Netz gestellt, in dem er mit bloßem Oberkörper und der Gitarre in
der Hand selbstversunken auf jede (Musik-)Systemkonformität pfeift. Der
wehmütige Song heißt programmatisch: Prison of Your Mind ... (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)