Irreführung

Schmerzmittel in Erdbeer und Vanille

12. Februar 2012, 17:25

Massive Kritik von Apothekern an Pharmafirma Stada wegen Irreführung bei Verpackungsdesign

Österreichs Apotheker staunten nicht schlecht, als sie vergangene Woche das neue Schmerzmittel Paradolor der Firma Stada zu Gesicht bekamen: Diese verpackten den altbekannten und lange bewährten Wirkstoff Paracetamol in eine ganz neue Form, und zwar als eine Art Brausepulver, das ohne Wasser direkt auf die Zunge gestreut werden kann. Empört war die Apothekerschaft allerdings über die Verpackung des neuen Medikaments: Auf rotem und rosa Hintergrund prangt eine appetitliche Erdbeere und eine Vanilleblüte, wie man sie von Joghurts kennt. Noch drastischer ist die Kritik an Paradolor in der Geschmacksrichtung Cappuccino. Die Packung mit einer Kaffeetasse sieht fast aus wie ein Instant-Kaffee. "Es ist überaus bedenklich, ein Arzneimittel, und sei es durch die äußere Anmutung, in die Nähe eines Lebensmittels zu rücken", wettert Heinrich Burggasser, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, das suggeriere ja, dass ein potenziell gefährliches Medikament als Aufmunterer am Nachmittag getrunken werden könne. Paracetamol, der Wirkstoff in Paradolor, sei in hohen Dosen, und vor allem zusammen mit Alkohol eingenommen, stark toxisch für die Leber - "und Alkoholismus ist, wie wir wissen, in Österreich weit verbreitet." Jedenfalls hat die Apothekerkammer diese marketingtechnisch fragwürdige Produktinnovation bereits bei der Ages, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, zur Anzeige gebracht, so Burggasser.

Noch nie da gewesen

"Das Verfahren läuft bereits, deshalb kann ich derzeit keine Aussagen zu Paradolor machen", sagt Marcus Müllner, Bereichsleiter der zuständigen Ages PharmMed. Wie konnte es dieses Arzneimittel überhaupt durch das strenge Zulassungsverfahren der Behörde schaffen? Bei den jährlich 20. 000 zu überprüfenden Variationen für Arzneimittel könne es sein, dass eine Änderung der Verpackung von den Behörden gar nicht explizit überprüft wurde, so Müllner. Jedenfalls sei der Fall, dass ein Arzneimittel wie ein Genussmittel vermarktet wird, hier in Österreich in dieser Form ein Novum. Denn Vorgaben, wie eine Verpackung für ein Arzneimittel genau auszusehen habe, gebe es zwar, so Müllner, aber neben der Information zum Wirkstoff und der Kennzeichnung inklusive Brailleschrift für Blinde gibt es noch gestalterischen Freiraum.

Aber auch Müllner ist sich der Gefahr des Wirkstoffs Paracetamol bewusst. Er erinnert sich sogar an eine Suizidwelle in Großbritannien, die von einer Fernsehserie in den 80er-Jahren ausgelöst wurde. Ein Protagonist hatte sich in der Serie mit Paracetamol und Alkohol umgebracht, sein Vorbild fand Nachahmer. "Es ist kein chronischer Tod, sondern nach ein paar Tagen löst sich die Leber auf", so Müllner.

Gabriele Hartl, Marketingleiterin bei Stada, ist über die herrschende Empörung überrascht. "Es gibt eine ganze Reihe von Medikamentenverpackungen, auf denen Früchte wie Zitronen, Orangen oder Bananen abgebildet sind, sogar auch auf Medikamenten mit Paracetamol", erklärt sie, auch vonseiten der Behörden gebe es keinerlei Einschränkungen, was die Abbildung von Früchten betrifft. "Eine Zitrone ist ein Symbol für Vitamin C, auf Arzneimittelverpackungen regt das nicht zum Konsum an", wirft Burggasser ein, gerade Vanille und Erdbeere sprächen besonders Kinder an, und das sei die allergrößte Gefahr. Er jedenfalls verstehe nicht, warum das Arzneimittelunternehmen Stada nicht im Vorfeld Expertenmeinungen eingeholt hat.

Zurückrudern

In rechtlicher Hinsicht sei man sich keiner Schuld bewusst, so Stada-Sprecherin Hartl. Über die Aufregung sei man überaus unglücklich, zumal man viel Aufwand in die neue Darreichungsform als Granulat, das ohne Wasser auf der Zunge zergeht, gesteckt habe. Sie versichert, dass Stada bemüht sei, das Problem zur Zufriedenheit aller zu lösen. "Es war nicht unsere Zielsetzung, ein Medikament als Genussmittel zu bewerben. Jetzt sind also erst einmal wieder die Behörden am Zug. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 13.02.2012)

Kommentar posten
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Annapurna
00
16.2.2012, 09:04
Totsein ist immer chronisch.

Starsucker
00
14.2.2012, 12:11

Warum gibts kein Bild von dem ominösen Brausepackerl?

Lilith Boessse
 
00
14.2.2012, 22:20

das wäre dann erst recht wieder werbung ;O)

OphiuchuS
00
14.2.2012, 10:42
Es ist kein chronischer Tod, sondern nach ein paar Tagen löst sich die Leber auf

Diesen Satz verstehe ich nicht. Kein chronischer Tod? Und was heißt, "löst sich die Leber auf"? In was? In Luft? In Brei?

Plus Lucis
00
13.2.2012, 23:39

Die Packung sollte wohl geändert werden, aber gekauft wird das Produkt ganz sicher von allen, die Probleme mit dem Pillenschlucken haben, und nicht immer auf Wasser angewiesen sein wollen.

Hugo Strudl
00
13.2.2012, 23:24

Das Gesundheitssystem
Die Medien
Der Strafvollzug
Die Politik
u.a.

müssen vom freien Markt entkoppelt werden!

thatslife
00
13.2.2012, 20:33
na geh

und was ist etwa mit apsirin+c schön in orangen oder zitronendesign.

werwolfi
00
13.2.2012, 22:47

Dann überdosiere mal (speziell bei einem Kind) einmal Aspirin und das andere Mal Paracetamol.
Wenn du dann immer noch glaubst das wäre das selbe, reden wir weiter...

Bonair
00
13.2.2012, 20:10

Zugegeben: Ein intelligentes Packungsdesign sieht anders aus und die Intention hinter dem ganzen ist hinterfragenswert: Verglichen mit dem stinknormalen Mexalen kriegt man weniger Einheiten (16 vs. 20) zum ca. dreifachen Preis. Diese Art von Abzocke von uninformierten Kunden finde ich weitaus schlimmer als das Pseudodrama, das hier gewälzt wird: Selbst der letzte Idiot auf diesem Planeten wird nach spätestens einer Dosis merken, dass es sich hierbei nicht um einen Instant-Kaffee handelt. Um in den gefährlichen Bereich zu kommen, müsste man mehr als eine ganze Packung von dem Zeug trinken und konträr zur Darstellung im Artikel bin ich nicht der Meinung, dass in Ö fast nur Alkoholiker herumlaufen.

Lilith Boessse
 
00
13.2.2012, 18:25
aspirin gibt's schon in dieser - zugegebener maßen äußerst praktischen - pulverchen form

man wünscht sich beinahe, ein pharmaunternehmen könnte geklagt werden, falls ein kind zu solchen erdbeerprausepulverchen greift, und verletzt wird.

*kopfschüttel*

Bonair
00
13.2.2012, 19:58

Zum einen kann ich mir nicht vorstellen, dass man in so einem Fall nicht klagen kann, andererseits ist gerade Paracetamol ein Schmerzmittel, das auch für Kinder sehr sicher ist. Solange sie nicht die ganze Packung zu sich nehmen, aber so toll wird das Mittel trotz der abgebildeten Früchte ja hoffentlich nicht schmecken...

Lilith Boessse
 
01
13.2.2012, 20:24
thx für die aufklärung ;O)

kenn mich gar nicht aus medikamenten. brauche zum glück auch selten welche. und bin äußerst froh, dass es schmerzmittel gibt.

ich versteht nur gar nicht, warum zwar zigaretten mit wirklich bösen sprüchen drauf verkauft werden, tabletten aber - offentsichtlich - wie zuckerlpackungen ausschauen dürfen.
dürfen sie wahrscheinlich eh nicht, aber die pharma hätte es halt gern. denen gehts scheinbar sehr stark darum, dass patientInnen sich nicht mehr hauptsächlich beim arzt die medikamente verordnen lassen, sondern sich hauptsächlich selbst - deshalb so schön und lieb gestaltet - damit versorgen. da bin ich ein bißl fassungslos und vermisse die politik, die regulierend eingreifen sollte ;O(

Michael Schmied
01
13.2.2012, 22:35
Aspirin niemals Kindern geben (unter 15 Jahren)

Nur zur Anmerkung, Aspirin bitte nie Kindern geben, besonders nicht bei viraler Erkrankung wie z.B. Schnupfen. Das Risiko der Reye-Syndroms lohnt sich nicht. http://en.wikipedia.org/wiki/Reye... s_syndrome . Hier ist das Medikament und nicht die Dosis das Risiko.

Es gibt Spezialindikationen für Aspirin durch den Arzt (z.B. Rheumatologie oder Kardiologie), dabei wird aber eine genaue Anleitung gegeben.

Paracetamol ist im Vergleich in Kindern sicher, nur die Dosis bestimmt das Gift.

Nur mal zur Sicherheit anmerken wollen.

Lilith Boessse
 
00
14.2.2012, 13:28
wow!

thx!

*Andreas*
00
13.2.2012, 23:09

Steht übrigens im Beipackzettel, den man selbstverständlich immer lesen sollte.

DERHETZER1
00
13.2.2012, 16:51
Ein paar Fragen bezüglich der AGES

Wird die AGES aus Steuermittel finanziert? Wenn ja, hat sie ein öffentliches Interesse zu verfolgen?

Warum ist das passiert, was kann die AGES gegen solche ereignisse tun? Könnte diese Organisation etwas dagegen tun, dass Unternehmen ihre Produkte so kennzeichnen?

Vielleicht findet sich ja jemand, der mir diese Fragen beantworten kann. Auf jeden Fall vielen Dank schon mal in Voraus!

Murmelchen1
00
15.2.2012, 09:57
Die AGES ist ein eigenes Unternehmen,

gehört aber zu 100% der Republik Österreich. Mit Arzneimittelzulassungen hat sie aber glaube ich nichts zu tun. Ich glaube das Problem war, dass es bei diesem Medikament ja nicht um eine Neuzulassung ging, sondern nur um eine Packungsänderung, da wird nicht ganz so genau geschaut. Ich finde die Aufregung auch übertrieben, denn als Erwachsener sollte ich wissen, dass ein Arzneimittel ein Arzneimittel ist, egal was auf der Packung ist und für Kinder sollten Arzneimittel (ohne Erwachsene) ohnehin nicht erreichbar sein, also ist es wurscht was auf der Packung ist. Hier wird den Menschen schon wieder jegliche Eigenverantwortung abgenommen.

k_otin
01
13.2.2012, 14:34

Was bitte ist ein chronischer Tod?

Murmelchen1
00
15.2.2012, 09:58
wiederkehrend, ständig, dauernd??

Klingt interessant ;-))

astemp79
27
13.2.2012, 11:17
"Es war nicht unsere Zielsetzung, ein Medikament als Genussmittel zu bewerben."

Nein?
Natürlich war es das. Denn Werbung, PR und die Pharmareferenten stehen bei allen Pharmafirmen an erster Stelle, noch vor der Forschungsabteilung. Es geht darum, Medikamente zu pushen und zu verkaufen, und wenn es immer geht, zu Blockbustern zu machen - und nicht um Wirkung.

Bonair
01
13.2.2012, 20:17
Paracetamol als Blockbuster?

Manchmal macht es mir wirklich Angst, wie wenig manche Leute von Pharmakologie verstehen und trotzdem hier tun als seien sie die großen Zampanos...

Murmelchen1
00
15.2.2012, 10:02
Naja,

was aber schon stimmt ist, dass die Firma A versucht, dass ein und derselbe Wirkstoff lieber von ihnen und nicht von der Firma B gekauft wird. So gesehen wird schon ordentlich Werbung gemacht. Lustig finde ich es v.a. bei Generika. Da verkauft der Hersteller Wirkstoff an eine Firma die Generika herstellt, der Hersteller selbst macht aber auch selber Tabletten, um dann ganz wild Werbung gegen die angeblich minderwertigen Generika zu machen.

peter12
06
13.2.2012, 10:51
Nur ein (extrem) Beispiel von vielen

Diese Irreführung von Konsumenten ist in wirklichkeit schon lange gang und gebe.
Zb. das leckere Erdbeerjoghurt, das in Wirklichkeit eigentlich Joghurt mit Zucker und Erdbeeraroma aus Schimmelpilzkulturen heißen sollte. Aber solange die Leute garnicht wissen was sie da essen kann man eben gute Geschäfte machen

Bonair
00
13.2.2012, 20:35

Können Sie mir ein Erdbeerjoghurt benennen, das wirklich komplett ohne Erdbeeren auskommt?

"Erdbeeraroma aus Schimmelpilzkulturen" sagt mir jetzt nichts - in der Regel stammt das "natürliche Erdbeeraroma" aus Erdbeersaft, das "naturidentische Erdbeeraroma" ist eine Mischung verschiedener Geschmacksstoffe.

Echinacea
10
14.2.2012, 13:58
Erdbeergeschmack wird aus australischen Sägespänen

und Bodenbazillen hergestellt - zitiere aus dem Buch - die Suppe lügt -man füge Alkohol hinzu und Wasser, dazu einige andere Zutaten (geheim,geheim!) und rühre es zu Brei - das kocht man ein wenig - sagt der Künstler aus dem Kreis jener Kompositeure, die jetzt zum Symrise-Konzern gehören und habe ein schönes, natürliches Aroma von Erdbeeren. Mit leicht verändertem Rezept kann man Himbeer Kakao-Schokolade oder Vanille vortäuschen.Dass die wohlklingenden Namen auf der Packung nichts mit dem Inhalt zu tun haben müssen,hat sogar der Europäische Gerichtshof ausdrücklich erlaubt.Es gibt 7000 verschiedene Geschmacks-Komponenten und setzen damit über 1 Milliarde Euro um-in der Stadt Neuminden liegt einmal Himbeere,Erdbeere od.Kaugummi in der Luft

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