"Ein krimineller Akt"

10. Februar 2012, 10:02
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Die plastische Chirurgin Millesi fordert strengere Kontrollen und beurteilt das Gesetz von Alois Stöger als "sehr, sehr gut"

Wien - Nach dem Skandal von defekten Implantaten hat die plastische Chirurgin Dagmar Millesi schwere Vorwürfe erhoben. "Das war ein krimineller Akt", sagte die Medizinerin im Interview. Nach der Zertifizierung der Implantate sei vom Hersteller Poly Implant Prothese (PIP) das Silikon durch ein minderwertiges ausgetauscht worden. Millesi forderte engmaschigere Kontrollen für medizinische Produkte.

Normalerweise werden Implantate von offizieller Seite für eine europäische CE-Zertifizierung geprüft. Das wurde von PIP auch gemacht, doch hätte das Unternehmen laut Millesi nach dieser Zertifizierung das Silikon durch ein minderwertiges getauscht. Die Chirurgin hatte das PIP-Implantat nicht verwendet, doch 30 bis 40 ihrer Patientinnen hätten ängstlich in ihrer Ordination nachgefragt. Etwa zehn Frauen, die im Ausland - in Brünn oder in Sopron - die PIP-Implantate eingesetzt bekamen, wurden die defekten Medizinprodukte wieder entfernt.

Reinigen der Brusthöhlen

Das später eingesetzte Industriesilikon veränderte die Hülle und zersetzte sie. Als Millesi die Brust der betroffenen Frauen öffnete, trat das bereits aus dem Implantat ausgeflossene Silikon aus. "Beim Austausch musste ich die Brusthöhle reinigen und mit Antibiotika spülen."

"Probleme mit Implantaten kann es immer geben", so Millesi. Renommierte Firmen würden jedoch Austauschgarantien bieten. Diese Anbieter, wie etwa Eurosilikon, Allergan oder Mentor, müssten im Falle eines Austausches ein neues Produkt und die Operation zahlen. "Viele Frauen sind jedoch für die Brust-OP ins Ausland gegangen", erklärte die Ärztin. Hierzulande kann man mittels Register genau sehen, welcher österreichische MedizinerInnen welches Implantat benutzt hat, aber nicht, welche im Ausland verwendet wurden. "Es ist bei uns Pflicht, dass eine Patientin einen Implantatspass mit einer Produktnummer bekommt."

Knoten im Gesicht

Jede/r MedizinerIn ist für die Wahl seiner Medizinprodukte verantwortlich, eine Gratwanderung, das richtige und für den Patienten sichere zu finden. "Ich nehme nur jene, über die es schon Langzeitstudien gibt", so Millesi. Denn auch bei Pharmafirmen gebe es "unseriöse", sagte die Medizinerin. Vor Jahren habe es ein Mischprodukt zur Faltenunterspritzung gegeben. Der feste Anteil des Produkts habe zu Knötchenbildung geführt, aber erst nach Jahren gab es massive Komplikationen. "Die Knoten sind dann im Gesicht gewandert. Das Produkt ist immer noch am Markt, aber unter einem anderen Namen", so Millesi.

"Ich würde keine neuen Produkte mehr nehmen, wenn sie noch nicht erprobt wurden. Auch die Fett-weg-Spritze hab ich nie verwendet, die war mir immer suspekt. Aber wie soll das ein junger Arzt wissen, der die Erfahrung nicht hat? Ich rate meinen Schülern stets, nichts zu nehmen, was nicht erforscht ist", sagte Millesi, die seit mehr als 20 Jahren im Bereich der Schönheitschirurgie arbeitet. So wurde früher flüssiges Silikon in die Brust gespritzt, die Verhärtungen kamen erst nach bis zu 13 Jahren.

Die erste Silikonprothese gab es bereits 1964. Damals war die Hülle noch dünner, und das Silikon flüssig. Das Silikon konnte so langsam durch die Hülle in den Körper dringen. Heute besitzen Silikonimplantate eine mehrfach angelegte Hülle, um so den Silikonverlust - das sogenannte Bleeding - durch die Hülle zu minimieren. Bei der als Komplikation sehr selten auftretenden Kapselfibrose bildet sich um das ausgelaufene Silikonimplantat eine Gewebshülle. Die Brust wird hart. "Vorsicht ist geboten, wenn sich die Brust verändert, sich steinhart anfühlt und diese Veränderungen auch bei der Mammografie sichtbar werden." Schmerzen sind bei defekten Implantaten eher selten. "Regelmäßige Kontrollen sind wichtig", so Millesi, die pro Jahr rund 160 Brustoperationen durchführt.

"Sehr, sehr gutes Gesetz"

Für die plastische Chirurgin Millesi ist das von Gesundheitsminister Alois Stöger geplante Gesetz zur Schönheitschirurgie - unter anderen zum Schutz von Jugendlichen - der richtige Schritt. "Das Gesetz ist sehr, sehr gut. Es ist problematisch, wenn jeder herumwerkt, ohne jegliche Qualifikation zu haben." Die Ausbildung zur plastischen Chirurgin oder zum plastischen Chirurgen sei eine gute, weil danach das ganze Spektrum beherrscht werde und man Material und Geräte kenne, so Millesi.

"Man kann zwar durch Zusehen auch etwas lernen, doch fehlt einem die Gesamtbasis", sagte die Medizinerin. "Unsere Schnitttechnik wird so gewählt, dass man Narben am wenigsten sieht. Wir sind in unserer Ausbildung ganz auf Ästhetik ausgerichtet." Bei jeder neuer Technik muss lange genug assistiert werden. "Man lernt sehr lange die Eingriffe, bis man sie kann." Millesi: "Die Ausbildung zum plastischen Chirurgen dauert sechs Jahre. Aber nach sechs Jahren ist man noch nicht wirklich gut. Wenn man nun die ganze Ausbildung umgeht, kann die Qualität nicht gut sein", sagte die Medizinerin, die oft einen 13-Stunden-Tag hat.

Kommunikationsprobleme

"Das Problem ist nicht, dass man eine Operation nicht zusammenbringt, sondern das Problem, dass Komplikationen auftreten können. Und diese müssen rechtzeitig erkannt werden." Und Komplikationen kann es immer geben. "Wer das verleugnet, lügt", erklärte Millesi. "Man muss dem Patienten sagen, was ihn erwartet und auch sagen, was machbar ist." Jeder Eingriff muss genau erklärt werden, wo die Schnitte gemacht werden, wo Narben zu erwarten sind, wie sie dann aussehen, über das Gefühl nach der Operation, dass kein Sport gemacht werden darf und dass es Schmerzen geben kann.

"Die Patienten haben häufig eine falsche Erwartungshaltung und sind dann nach dem Eingriff enttäuscht." Manche hätten Wünsche, die nicht umsetzbar seien. "Da muss ich als Mediziner abraten", so Millesi. Wenn jemand für eine ziemlich aufwändige Oberschenkelstraffung gleichzeitig eine mäßige Gewebserschlaffung hat, kann es passieren, dass es danach verbreitete und abgesenkte Narben gibt. Man muss überlegen, ob die Realität zum Wunsch passt." Bis zu vier MedizinerInnen - neben Millesi ein/e InternistIn, eine Assistenzärztin oder ein Assistenzarzt und ein/e AnästhesistIn - sind vor einem Eingriff involviert. Mehrmals wird die Patientin oder der Patient über die Möglichkeiten und die Risiken aufgeklärt. Gibt es keine Unterschrift der PatientInnen, wird die OP verschoben. Das gilt für alle Eingriffe, egal ob Operation oder nur die Behandlung mit Botox.

Die häufigsten Probleme liegen laut Millesi in der Kommunikation zwischen MedizinerIn und PatientIn. Letztere fühlen sich manchmal nicht verstanden. "Das Vertrauen der Patienten in die Ärzte hat abgenommen. Patienten informieren sich im Internet oder holen sich mehrere Meinungen ein und sind dann völlig verunsichert, das ist keine gute Entwicklung. Es gibt ja verschiedene Behandlungsarten und Konzepte, wie man bestimmte Ziele erreicht", erklärte Millesi. "Es gibt unzählige Institutionen, die Patienten schützen, aber keine, die Ärzte schützt", meinte die Medizinerin. "Der Arzt ist ziemlich ausgeliefert, man hat keinen unentgeltlichen Schutz. Hilfe bekommt man nur durch den eigenen Anwalt, im schlimmsten Fall droht dem Arzt eine Strafanzeige."

Bauchfett fürs Gesicht

In der Zukunft wird man in der plastischen Chirurgie vielleicht auf gefährliche Implantate verzichten und vermehrt auf die Stammzellenforschung setzen, sowohl bei Brustvergrößerung als auch bei der Faltenunterspritzung. "Das ist zwar nicht neu, die Techniken zur Aufbereitung haben sich verbessert", dennoch befinde sich die Stammzellenforschung noch im Entwicklungsstadium, so Millesi. So könnte in einer Sitzung das Bauchfett abgesaugt und das aufbereitete Fett für Unterspritzungen im Gesicht verwendet werden. Derzeit fungieren nur ein kleiner Teil, Zellen aus den Blutgefäßen als Stammzellen.

Auch zur Brustvergrößerung ist das aufbereitete Fett verwendbar: Die Patientin trägt zwei Wochen einen sogenannten Brava-BH, einen Saug-BH, der das Gewebe auf die Vergrößerung vorbereitet. Danach wird körpereigenes Gewebe eingespritzt. "So erspart man sich eine aufwändige Operation. Doch den Brava-BH so lange zu tragen, ist unbequem. Der Nachteil ist, dass sich 40 bis 50 Prozent des Eigenfetts wieder abbaut, der Vorteil, dass man nur kleinere Schnitte benötigt, die nicht sichtbar sind", erklärte die Ärztin. Man könnte das Eigenfett auch bis zu zwei Jahre lang "banken", also einfrieren. "Doch dann baut es sich allerdings nach sechs Monaten zur Gänze ab, da die eingefrorenen Zellen avital sind. Ich ziehe es vor, das Fett bei jeder Injektion frisch zu entnehmen. (APA)

 

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