Medizin-Uni Innsbruck richtet Telefonhotline ein

9. Februar 2012, 20:27
posten

Zuständiger Psychiatrie-Direktor "besorgt" über kolportierte Therapiemethoden

Innsbruck - Nachdem am Mittwoch zweifelhafte Therapiemethoden an der Innsbrucker Kinderpsychiatrie in den 1970er-Jahren, bei denen unter anderem das Tiermedikament Epiphysan angewandt worden sein soll, bekanntgeworden waren, wird die zuständige Medizinische Universität Innsbruck eine Telefonhotline einrichten. Die Nummer werde am Freitag bekanntgegeben, teilte die Hochschule Donnerstagabend in einer Aussendung mit.

"Die Medizinische Universität Innsbruck drückt ihre Besorgnis über die kolportierten Therapiemethoden an psychisch Kranken aus", hieß es in der Stellungnahme weiter. Man verfolge mit großer Anteilnahme gegenüber den Patienten und ihren Angehörigen die Berichterstattung. Um Menschen in Tirol, die von den früheren neurologischen und psychiatrischen Behandlungsmethoden betroffen gewesen sein sollen, zur Seite stehen zu können, werde gemeinsam mit Wolfgang Fleischhacker, Direktor des Departments Psychiatrie und Psychotherapie in Innsbruck, eine Telefonhotline eingerichtet. Opfer haben sich laut einem Vertreter des Landes Tirol bisher nicht gemeldet.

Ermittlungsverfahren

Bereits 1980 hatte die Staatsanwaltschaft Innsbruck ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Und zwar nachdem die Vorwürfe durch einen ORF-Bericht bekanntgeworden waren, sagte der Sprecher der Innsbrucker Anklagebehörde, Hansjörg Mayr. Das Verfahren wurde aber eingestellt, nachdem ein Gutachten zu dem Schluss gekommen war, dass bei dem verabreichten Mittel Epiphysan mit keinen Nebenwirkungen zu rechnen sei. Gutachter sei Cornelius Kryspin-Exner gewesen, damals seines Zeichens Chef der heute umstrittenen und 1998 verstorbenen Psychiaterin Maria Nowak-Vogl. Laut Mayr wurden damals zusätzlich zu dem Gutachten Stellungnahmen weiterer Ärzte eingeholt. Auch diese hätten darin übereingestimmt, dass nach damaligen Stand keine Nebenwirkungen bei Epiphysan zu erwarten gewesen seien.

Einem Bericht der "Tiroler Tageszeitung" in der Donnerstagsausgabe zufolge sollen bereits in den 1950er-Jahren Hepatitis-Experimente an Patienten der Psychiatrie in Innsbruck durchgeführt worden sein. Dabei seien Multipler Sklerose-Patienten im Operationssaal durch den damaligen Leiter, Hubert Urban, "temporär die Gallenkanäle abgeklemmt" worden, um so Gelbsucht (Hepatitis) operativ zu erzeugen. "Einige der Patienten sind gestorben und die Versuche wurden daraufhin abgebrochen, weil sie sich als nicht erfolgreich erwiesen haben", wurde der Ex-Psychiatriechef Hartmann Hinterhuber, der die Geschichte der Psychiatrie aufgearbeitet hat, in dem Blatt zitiert.

Anschuldigungen

Der Historiker Horst Schreiber hatte die Anschuldigungen diesbezüglich erhoben. Bis Ende der 1970er-Jahre soll es zum Teil an minderjährigen Heimkindern Experimente gegeben haben. "Hier sind Mädchen, einfach weil behauptet wurde, die onanieren oder sind sexuell übererregt, niedergespritzt worden, mit dem Epiphysan, von dem wir wissen, dass es gesundheitsschädliche Auswirkungen hat", kritisierte er. Sein Vorwurf richteten sich vor allem gegen Nowak-Vogl, die bis 1987 Leiterin der Innsbrucker Kinderpsychiatrie war. Er sehe in diesem Zusammenhang eine "ganz große Forschungslücke". Schreiber selbst habe im Rahmen seiner Forschungsarbeit, an deren Ende das Buch "Im Namen der Ordnung. Heimerziehung in Tirol" stand, Einsicht in manche Fälle nehmen können. (APA)

 

 

Share if you care.