Veränderte Energieflüsse

Kälte setzt Europas Stromversorger unter Spannung

Verena Kainrath, 9. Februar 2012, 18:49

Frankreich braucht mehr Strom aus dem Ausland. Italien wirft unrentable Kraftwerke an, Deutschland greift auf Österreich zurück

Wien - Die anhaltende Kältewelle wirft den Stromfluss in Europa gehörig durcheinander. Traditionelle Exportnationen sind auf einmal auf Importe angewiesen. Wer bei Strom auf Importe baute, schaltet mit Blick auf die gestiegenen Preise rasch auf Exporte um. In Österreich laufen Kraftwerke seit Tagen auf Hochbetrieb - mit zusätzlich angeworfenen aus der Reserveliga leistet man zudem Stromhilfe für Deutschland. Die Folge: Durch die österreichischen Netze fließt derzeit so viel Energie wie nie zuvor.

Hart auf die Probe stellen die eisigen Temperaturen vor allem die Franzosen. Und darüber hilft auch ihre Atomenergie, die ansonsten für Überschüsse sorgt, nicht mehr hinweg. Es sind ihre vielen Stromheizungen, die den Verbrauch explodieren lassen. Knapp ein Drittel der Haushalte wärmt sich damit. Effizientes Energiesparen war nie ihre Sache, kritisieren Grün-Politiker. Nun muss Europas größter Atomstromproduzent Energie verstärkt aus dem Ausland einführen. Deutschland, das den Atomkraft-Ausstieg plant, und Großbritannien helfen aus. An der Pariser Börse übertraf der Strompreis jenen in Deutschland zeitweise um das Dreifache. Es sei eine Ausnahmesituation, beeilte sich die französische Regierung zu betonen.

Italien hingegen als traditionell starker Importeur besann sich angesichts der stolzen Preise auf eigene Kapazitäten. An sich unrentable, zum Teil mit Öl gespeiste Werke, wurden ans Netz geholt, um die hohe Nachfrage in Europa zu bedienen.

Deutschland profitiert von starker Windkraft, doch die ist volatil. Ist es zudem lang kalt und trocken, kann es bei den noch bestehenden Atomkraftwerken zu kurzfristigen Ausfällen kommen. Wegen zu geringer Lieferungen aus Russland musste überdies ein Gaskraftwerk vom Netz genommen werden.

Um Stromengpässe zu verhindern, setzten deutsche Versorger daher erstmals Reservekraftwerke ein - Steinkohlegeneratoren etwa. Und sie forderten zusätzliche Kapazitäten aus Österreich an. Der Stromproduzent Verbund wollte sein steirisches Ölkraftwerk Neudorf-Werndorf heuer ursprünglich gar nicht anfeuern. Für einen Tag läuft es morgen, Freitag, dennoch an - um bis zu 150 Megawatt über die Grenze zu liefern, wie ein Verbund-Sprecher bestätigt. Bis Ende Februar kann Deutschland dort Energie ordern.

Die EVN hält für die deutsche Betreibergesellschaft Tennet 785 Megawatt bereit. Dafür angeworfen werden die Gaskraftwerke in Theiß und Korneuburg. Nach einem Mal im Dezember war es laut einem Konzernsprecher am Mittwoch wieder so weit. Korneuburg diente nur dem Export, in Theiß liefen dafür einige Turbinen.

Einige kleine Wasserkraftwerke stehen derzeit aufgrund der klirrenden Kälte still. Ansonsten seien alle voll im Betrieb, was nicht wirklich oft vorkomme, wie es bei der EVN heißt. Die Übertragungsnetztochter Austrian Power Grid spricht von noch nie dagewesenen Lastspitzen von mehr als 10.000 Megawatt in Österreichs Netz: Das sei herausfordernd, beweise, dass ein Ausbau der Netze geboten sei. Bisher seien sie dennoch stabil.

Forint zum Heizen

Heizmethoden der besonderen Art pflegt Ungarn. Die ungarische Zentralbank presst alte, aus dem Verkehr gezogene Forint-Scheine zu Briketts. Ihr Brennwert ist mit dem von Braunkohle vergleichbar. In Flammen aufgegangen, helfen sie karitativen Organisationen durch den Winter. (Verena Kainrath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 10.2.2012)

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12 Postings
Walter Bimini
00
11.2.2012, 00:28
die ezb wird für euro briketts sorgen

selbst der notenbank chef von simbawe, der ein großer verehrer von ben bernanke ist, wird beeindruckt sein. gold old europe wird der welt wieder einmal zeigen wie man ein hyperinflation richtig macht.

Leonardo Basil
00
10.2.2012, 10:29

Bei den Überschriften die man im Standard letztens so ließt, haben die wahrscheinlich einen eigenen Praktikanten, der jedes mal ein *BaDumm Tusch* spielt wenn wieder ein Artikel freigeschaltet wird...

José Atento
00
10.2.2012, 09:25
Die Wien- Strom klagt ja schon länger,

dass die Strompreise wegen der importieren, stark subventionierten Windenergie aus D, viel zu niedrig sind und sie nicht, mehr rentabel sind.

Ist doch auch gut, dass die Reserve- Kapazitäten auch einmal laufen. Wer rastet, der rostet.

Die Ungarn verschmutzen die Umwelt mit ihren Ramschscheinen ;-)
Oder gilt das Verbrennen von Geld (wie es die EZB täglich tut) jetzt auch schon als erneuerbare Energie ?

michael.bretz
00
10.2.2012, 04:25

Wirklich netter einfall der ungarn, hat wer noch an schilling, mir is kalt ?

maggo22
00
10.2.2012, 01:45
Extra 3 zu Gasprom:

Irgendein Jürgen
40
"...Lastspitzen von mehr als 10.000 Megawatt in Österreichs Netz: Das sei herausfordernd, beweise, dass ein Ausbau der Netze geboten sei. Bisher seien sie dennoch stabil.

Kann mir jemand diese Argumentation erklären? Durch die seltene Kombination von extremer Kälte und Lieferengpässen bei Gas fließt mehr Strom durch die Netze als je zuvor. Und trotzdem läuft noch alles stabil.

Normalerweise sollte man sich darüber freuen, dass das Netz so viele Kapazitäten hat und selbst bei einem derartigen Stresstest hält. Stattdessen will man zusätzliche Kapazitäten schaffen - für was? Das nächste derartige Ereignis im Jahre 2031?

Walter Bimini
00
11.2.2012, 00:30
sie sitzen gerne im dunklen?

keine angst nach dem staatsbankrott wird vieles nicht mehr stabil sein - auch das stromnetz. allein schon wegen der vielen streiks der beamten und quasi beamten.

WBR
02
10.2.2012, 09:16
Ausbau erst nach dem worst case?

Nach deiner Logik würde erst ein Netzzusammenbruch zeigen, dass es verbessert werden muss?

Außerdem wird das nächste solche Hochlast-Ereignis wohl kaum erst 2031 stattfinden. Der Stromverbrauch steigt kontinuierlich von Jahr zu Jahr.
Setzt sich die Steigerungsrate der letzten Jahrzehnte fort, verbrauchen wir im Jahr 2031 etwa 33 Prozent mehr Strom als heute. Damit wäre dann die Durchschnittslast schon höher als diese Lastspitze.

W.E.
02
10.2.2012, 09:14

Es läuft schon lange nicht mehr stabil, bloß merkt der Kleinverbraucher nichts von den sich häufenden kurzfristigen Spannungsschwankungen, über die sich die Industrie schon lange beklagt, weil sie bei hochtechnisierten Fertigungsprozessen auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen ist.

peak oil
20
solange es spannung gibt,

passt eh alles. ich glaube das problem kommt dann, wenn die spannung ausfällt, denn dann gibt es auch keine leistung und schon gar keine energie.

José Atento
00
10.2.2012, 09:31
Die Frequenz im Netz (50 Hz.) ist entscheidend.

Wenn diese durch Ungleichgewichte (zu starke Stromentnahme, zu wenig Einspeisung) zu stark sinkt, dann bricht das Netz zusammen. D.h., dass Teilnetze (Verbraucher) rechtzeitig abgeworfen werden müssen, damit ein totaler Black-Out verhindert wird.

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