Die Zukunft des Vergessens

9. Februar 2012, 18:43
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Die Fotoserie "Fahrt in die Zukunft" des Russen Sergey Shestakov zeigt schaurige Bilder aus der Geisterstadt Prypjat

Wien - Der Moskauer Fotograf hat sich für die Serie Fahrt in die Zukunft - Stop #1: Tschernobyl in die Zone rund um das 1986 havarierte Atomkraftwerk begeben und Fotos belichtet, die sich am Ephemeren versuchen - liegt doch der Schrecken der radioaktiven Kontamination gerade darin, dass sie sich jeder unmittelbaren Wahrnehmung entzieht.

Man kann sie weder spüren noch sehen - und nicht fotografieren. Die Motive versuchen folglich auch eher, den Verfall der Infrastruktur über die letzten 26 Jahre als das Leid der Menschen zu zeigen: alte Stockbetten, Maschinenräume voller Schutt und Asche, dazwischen ein Teddybär.

Die Fotografien strahlen eine irreale Aura aus, das menschliche Element bleibt ausgespart, ist aber trotz seiner Abwesenheit immanent. Nur ein einziges Foto zeigt eine Lebende - eine alte Frau mit ihrer Pilzernte -, es ist womöglich das Schlüsselbild der Ausstellung. Eine Ästhetik des Hässlichen drängt sich dem Betrachter auf, anders sind die Bilder nicht als Kunstwerke zu verstehen. Schön an ihnen ist vielleicht die Umkehr der Rigidität des Kommunismus in Unordnung und Asymmetrie, die den Alltagsgegenständen mit der Zeit widerfahren ist.

Auch im Titel ist eine Vorwärtsgewandtheit ausgedrückt: Fahrt in die Zukunft ist der Name eines Kinderbuchs. Shestakov will nicht betrauern, er warnt vor einer Wiederholung der Geschichte.

Dass diese Mahnung von 2010 unerhört geblieben ist und mit Fukushima quasi Stop #2 eingetreten ist, gibt der Konzeption der Ausstellung eine bedenkliche zeitliche Bedeutung und uns einen Imperativ auf den Weg: Lassen wir es nicht zu einem dritten Stop kommen.  (Timon Mikocki  / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

Bis 23. März im Project Space der Wiener Kunsthalle

  • "Untitled", aus der Serie "Fahrt in die Zukunft. Stop #1, Tschernobyl".
    foto: moscow house of photography

    "Untitled", aus der Serie "Fahrt in die Zukunft. Stop #1, Tschernobyl".

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