Die Fotoserie "Fahrt in die Zukunft" des Russen Sergey Shestakov zeigt schaurige Bilder aus der Geisterstadt Prypjat
Wien - Der Moskauer Fotograf hat sich für die Serie Fahrt in die Zukunft
- Stop #1: Tschernobyl in die Zone rund um das 1986 havarierte
Atomkraftwerk begeben und Fotos belichtet, die sich am Ephemeren
versuchen - liegt doch der Schrecken der radioaktiven Kontamination
gerade darin, dass sie sich jeder unmittelbaren Wahrnehmung entzieht.
Man kann sie weder spüren noch sehen - und nicht fotografieren. Die
Motive versuchen folglich auch eher, den Verfall der Infrastruktur über
die letzten 26 Jahre als das Leid der Menschen zu zeigen: alte
Stockbetten, Maschinenräume voller Schutt und Asche, dazwischen ein
Teddybär.
Die Fotografien strahlen eine irreale Aura aus, das menschliche Element
bleibt ausgespart, ist aber trotz seiner Abwesenheit immanent. Nur ein
einziges Foto zeigt eine Lebende - eine alte Frau mit ihrer Pilzernte -,
es ist womöglich das Schlüsselbild der Ausstellung. Eine Ästhetik des
Hässlichen drängt sich dem Betrachter auf, anders sind die Bilder nicht
als Kunstwerke zu verstehen. Schön an ihnen ist vielleicht die Umkehr
der Rigidität des Kommunismus in Unordnung und Asymmetrie, die den
Alltagsgegenständen mit der Zeit widerfahren ist.
Auch im Titel ist eine Vorwärtsgewandtheit ausgedrückt: Fahrt in die
Zukunft ist der Name eines Kinderbuchs. Shestakov will nicht betrauern,
er warnt vor einer Wiederholung der Geschichte.
Dass diese Mahnung von 2010 unerhört geblieben ist und mit Fukushima
quasi Stop #2 eingetreten ist, gibt der Konzeption der Ausstellung eine
bedenkliche zeitliche Bedeutung und uns einen Imperativ auf den Weg:
Lassen wir es nicht zu einem dritten Stop kommen. (Timon Mikocki / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)
Bis 23. März im Project Space der Wiener Kunsthalle