Europa braucht Griechenland

Kommentar | Thomas Mayer, 9. Februar 2012, 18:29

Das Sparpaket von Athen ist ein Anfang, aber ohne großzügige EU-Hilfe geht’s nicht

Spar- und Sanierungspaket, vor allem Vereinbarungen zu einem Schuldennachlass durch private Gläubiger, welche Premierminister Lukas Papademos in Athen präsentiert hat, sind beachtlich. Das Taktieren der Parteichefs um Kürzungen von staatlichen Zusatzpensionen bis zur letzten Minute kann daran nichts ändern, auch wenn es dabei um „nur" 300 Millionen Euro ging - geradezu läppisch angesichts dutzender fehlender Milliarden im Haushalt.

Aber Politiker oder Gewerkschaftsfunktionäre müssen eben immer auch auf Wahltermine schielen. Das ist in Österreich nicht anders, wo das Sparpaket der rot-schwarzen Regierung im Vergleich zu den Problemen rund um die Ägäis sehr relativ erscheint; wo ein Fritz Neugebauer, ein Erich Foglar auf Schmolldistanz gehen.

Daher sollte man sich hierzulande nicht überheblich empören über die griechischen Verhältnisse und Versäumnisse. Viel wichtiger ist, dass die Regierung in Athen jetzt zum ersten Mal seit der drohenden Pleite im Mai 2010 erkennen lässt, dass sie es ernst meint mit der Absicht, das Land beherzt aus dem Jammertal zu führen.
Ein Beispiel: Das Land mit 10 Millionen Einwohnern hat rund eine Million Beamte, den Sicherheitsapparat eingerechnet. Ein Wahnsinn.
Aber: Papademos will bis 2015 nicht weniger als 150.000 (überflüssige) Staatsposten einsparen. Solches würde auch in Österreich vermutlich zu Aufständen führen.

Zu glauben, dass dieses (vorläufig nur angekündigte) Programm bereits einen Wendepunkt bedeutet, und auch den (sicheren) Verbleib im Euroraum, wäre freilich ein schwerer Denkfehler. Griechenland hat seit dem EU-Beitritt 1981 die industrielle Basis seiner Wirtschaft und damit die Exporte „vernichtet" - durch üppige EU-Subventionen und ab Euro-Einführung 2004 durch viel zu billige Kredite im Vergleich zur Wirtschaftskraft. Das stellt in einem berührend offen-aufrichtigen Interview mit der FAZ nicht ein böser Eurofunktionär fest, sondern der griechische Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis, ein Sozialist. Die Griechen hätten leider viel zu viel in den Konsum gesteckt statt in Produktivität.
Genau das muss Griechenland (wie auch Portugal) jetzt umkehren, was extrem schwierig und langwierig sein wird. Ohne die Hilfe der Partner in der Europäischen Union wird ihm das nicht gelingen können. Sparen und Entschulden ist das eine. Aber um lebens- und zukunftsfähig zu sein, braucht Griechenland dringend Vertrauen und Investitionen - ob es Mitglied der Eurozone bleibt oder nicht. Die Lage unterscheidet sich da gar nicht so sehr von jener Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung.

Wie damals gilt nun in Europa: Vor allem Deutschland wird helfen müssen - durch Kredite, später vermutlich durch gemeinsame Euroanleihen oder gar durch Transferzahlungen. Die anderen Länder würden (müssten?) folgen. Aber noch ist die deutsche Regierung, ist Kanzlerin Angela Merkel nicht so weit, ihrer Bevölkerung dazu reinen Wein einzuschenken.

Was auch damit zu tun hat, dass es Berlin schwerfällt, seine Europapolitik stärker geo- und sicherheitspolitisch zu sehen. Der Blick auf die Landkarte genügt, um zu erkennen, warum die Union Griechenland so bald nicht fallenlassen, in soziale Unruhen abdriften lassen wird: Seine Nachbarn am Mittelmeer heißen Libyen, Ägypten, Türkei, Syrien. Ein instabiles Griechenland kann die EU nicht brauchen. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 10.02.2011)

 

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Sarolta Pusca
00
Essig und Olivenöl

Es ist kontraproduktiv, die Beamten zu entlassen! 1 Mio Beamte bei 10 Mio Einwohnern ist nun wirklich nicht zu viel. Wer soll denn die Wirtschaft ankurbeln, wenn nicht die Binnenkonjunktur. Mit Exporten ist ja angelbich auch Essig, ähh Olivenöl. Also: Griechenland braucht mehr Beamte, nicht weniger. Bezahlt werden sollte das von den Millionären in den reichen Ländern, Deutschland, Luxemburg, Österreich et. Man sieht: Griechenland hat nicht zuviel Sozialismus, sondern zu wenig!!!

max notax
11
10.2.2012, 18:35

Europa kann sich also ein instabiles Griechenland wegen der Mittelmeeranrainerstaaten Aegypten, Lybien,.. nicht leisten ? Weil GR sonst islamistisch werden wuerde oder was soll hier die konkrete Bedrohung sein ? Niemand muss fuer den Ueberkonsum der Griechen zahlen außer den Griechen.

schlitzohrlinski
02
10.2.2012, 17:16
unterstützung für einen "failed state" ist ohne reformen nichts anderes als hinausgeworfenes geld.

wenn die polizeigewerkschaft schon mal klar stellt, dass die troika mitglieder verhaftet werden sollen, weil sie die demokratie griechenlandes gefährdeten, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, wie die reformpläne und einsparungspläne umgesetzt werden: gar nicht.

wenn die beamtenschaft, die maßnahmen boykottiert, kann die politik versprechen was sie will, sie werden nicht durchgeführt werden.

was bringt sie, hr. mayer, eigentlich zur ansicht, dass kommende unterstützungsgelder anders als die seit 1981 geflossenen gelder verwendet werden?

nur dann, wenn reformen - arbeitsmarkt, wettbewerbspolitik, katasterwesen, - durchgeführt werden: gegen die sind allerdings die interessensvertretungen und - vor allem - der öffentliche dienst.

schlitzohrlinski
01
10.2.2012, 17:26
übrigens ist der hinweis auf aut richtig und wichtig

das spar- und steuerpaket war und ist notwendig.

aber noch kein ersatz für strukturelle reformen im sozialbereich, die sicherstellen, dass der mittelbedarf nicht explodieren werden und vor allem auch die künftigen generationen eine aussicht auf eine akzeptable soziale versorgung im gesundheits- und pensionsbereich haben.

mit einer reinein verhinderungspolitik à la ak & ögb lastet man die kosten und den reformbedarf den jüngeren um.

schrittweise und nicht überfallsartige reformen - wie in gre - sind der richtige weg.

und da sind die sozialpartner gefordert reformen wie in holland, schweden oder dänemark zu initiieren und zu unterstützen, um das sozialsystem unter geänderten umständen für die zukunft zu erhalten.

schlitzohrlinski
00
10.2.2012, 17:31
niederlande - pensionsbereiche - sozialpartner

gerade bei dieser thematik muss übrigens sowohl auf der arbeitnehmer- als auch auf der arbeitgeberseite mit positiven und negativen anreizen gearbeitet werden.

die arbeitnehmer stellen sich ja immer taub, wenn marin den verweis auf das erfolgreiche niederländische modell bringt, bei dem die arbeitgeber an den auf die allgemeinheit abgewälzten kosten beteiligen müssen, wenn sie arbeitnehmer in die invaliditäts- und/oder frühpension schicken.

also wk & iv: bei einer strukturellen pensionsreform können sich die arbeitgeber nicht nur die "rosinen herauspicken".

gerade um eine soziale akzeptanz zu erreichen, müssen die arbeitgeber genauso für vergehen finanziell geradestehen.

und die nl zeigen, dass dieses modell erfolgreich ist.

movado
00
10.2.2012, 17:12
interessant

Europa braucht Spanien: die nachbarrn am mittelmeer heissen: Libyen, Ägypten, Türkei, Syrien
Europa braucht Italien: die nachbarrn am mittelmeer heissen: Libyen, Ägypten, Türkei, Syrien
Europa braucht Frankreich: die nachbarrn am mittelmeer heissen: Libyen, Ägypten, Türkei, Syrien
Europa braucht Kroatien: die nachbarrn am mittelmeer heissen: Libyen, Ägypten, Türkei, Syrien
Europa braucht Albanien: die nachbarrn am mittelmeer heissen: Libyen, Ägypten, Türkei, Syrien
Europa braucht Israel: die nachbarrn am mittelmeer heissen: Libyen, Ägypten, Türkei, Syrien

Tintininafrica
03
10.2.2012, 16:23
Griechenland

Mayer hin, Mayer her, über "Geopolitik usw" wird immer argumentiert, wenn uns verkauft werden soll, dass 2x2 nicht 4 ist.
Gr wird aus der EU raus müssen und es wird umso teurer, je später dies passiert.

Nicolas Castillo
02
10.2.2012, 16:12
oje ...

der Mayer wieder mit seinen Weissagungen.

madathara
21
10.2.2012, 15:53

wenn das sparpaket (kürzungswelle) ein anfang ist, dann ist es der anfang vom ende. warum soll das einfache griechische volk die renditen der superreichen und der fnanzelite mit diesem sparpaket zahlen? es zählen bitteschön die menschen mehr als ein paar superreiche und die finanzelite. oder etwa doch nicht?

fischkopp
02
10.2.2012, 16:01

Staatsanleihen werden nicht von den "Superreichen", sondern in erster Linie von Pensionskassen gekauft. Es geht dabei um den "kleinen Mann", der seine freiwilligen wie auch Zwangsbeiträge Monat für Monat abliefert.

planck
00
10.2.2012, 15:07
was man aber den Deutschen bzw deren Banken schon vorwerfen muß:

diese haben den Südländern enorme Kredite gegeben.

Und was machen die Griechen? Kaufen zB deutsche U-Boote...(siehe Link).

Absurd? Vielleicht so: die deutsche Wirtschaft wissen, dass die Griechen das Geld nicht zurückzahlen können. Sie bekommen es mit der Auflage, Großeinkäufe in D. zu tätigen. Die Rechnung zahlen die EU-Staaten, also wir alle. Umverteilung von unten nach oben.

http://www.bild.de/politik/w... .bild.html

OlafSch
01
10.2.2012, 15:16

ich weiss jetzt nicht... ein Käseblatt wie die Bild als Beweis der eigenen Argumentation zu nehmen finde ich etwas gewagt.

Der Deal wurde schon 2010 abgeschlossen (vor der Pleite) wenngleich unter dubiosen Umständen:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaf... -1.1110217
Es war keine "staatliche" Auflage sondern lediglich ein Geschäft bei dem es wie "geschmiert" lief.

planck
00
10.2.2012, 15:52
"...keine "staatliche" Auflage..."

schreib ich irgendwo von "staatlicher" Auflage?

Es läuft so: dt. Großbanken und Industrie sind klarerweise stark verbunden. Man gewährt Kredite - vorzugsweise an staatliche Einrichtungen - (samt Schmiergelder) unter der Auflage, da und dort Aufträge zu vergeben. Kreditausfälle begleicht dann der "Staat" oder die "EU" - letztlich wir alle.

So ähnlich läuft das natürlich überall ab.

planck
00
10.2.2012, 15:44
sinnerfassend Lesen problematisch? Bild würde nie ....

... derart unpatriotisch gegen die deutsche Wirtschaft schreiben.

Der Link diente nur zur Bestätigung, dass Griechenland tatsächlich deutsche U-Boote kauft.

planck
02
10.2.2012, 13:45
die originelle Sichtweise diverser "Experten" (nicht nur Linke) ist: nicht Griechenland,Spanien oder Portugal wären so unproduktiv - nein: ...

... Deutschland habe durch Lohndumping deren Wirtschaft ruiniert und daher Export-WM geworden (Links unten).

Argumente: - "In Deutschland sinkt das Realeinkommen seit Jahren" und - "Exportüberschüsse des einen sind die Defizite der andern".
Jo, oba: in absoluten Zahlen ist Deutschland noch immer ein Land mit hohen Löhnen - vor allem in den Branchen, die D. zum Export-WM machen (Maschinenbau, Autoindustrie) und jene Südländer waren nie ein Gegner für das technologisch führende D.

Was soll's? den produktiven Ländern ein schlechtes Gewissen machen, damit sie weiterhin zahlen?

http://www.manager-magazin.de/unternehm... 80,00.html

http://www.blick.ch/news/wirt... 106543.htm

Takis
00
11.2.2012, 01:41

Das ist aber nur ein Teil der Sichtweise (die ich übrigens teile).
Deutschland und einigen anderen EU-Staaten, darunter auch Österreich die alleinige Schuld an der Eurokrise zu geben ist natürlich Blödsinn. Es ist aber so, dass für die EU ein gemeinsames Inflationsziel von 2% vereinbart wurde. Weder Griechenland, Portugal etc. noch Deutschland, Österreich etc. haben sich daran gehalten. Die einen hatten zuviel Inflation, die anderen zu wenig oder gar Deflation.
Somit tragen auch die produktiven Länder Mitschuld an der gegenwärtigen Lage und sollten jetzt ihre Löhne etwas stärker steigen lassen, während die anderen ihre Löhne stagnieren lassen oder leicht absenken müssen.

Nicolas Castillo
01
10.2.2012, 16:17
schauen Sie mal über den Tellerrand ...

wenn sich Deutschland, Österreich und Finnland z.B. auf das Produktivitätsniveau von Griechenland herablassen, dann freut's nicht die Griechen, sondern die Brasilianer, Thailänder, Chilenen oder sonst wen.

Es ist immer leicht, sich einen Sündenbock herauszupicken (Deustchland eignet sich sus vielerlei Sicht auch prächtig dazu), es löst aber keineswegs die strukturellen Probleme in Griechenland oder Portugal. Wer das glaubt, ist nicht ganz beisammen.

planck
00
11.2.2012, 16:46
"schauen Sie mal über den Tellerrand ..."

probier du mal sinnerfassend zu lesen.

Nicolas Castillo
00
12.2.2012, 18:41
Sie... Bitteschoen

Und wenn's sonst mit ihrem Dasein unzufrieden sind, raunzen SIe doch Ihre Alte an.

OlafSch
00
10.2.2012, 14:44

Es blieben aus meiner Sicht 3 Wege... 1.dauerhafte Transfers in diese Länder oder 2. hohe Investitionen in diese Länder um sie auf westeuropäisches Niveau zu bringen (+ eventuell Transfers für Konsum) oder 3. Austritt dieser Länder (mindestens von Griechenland und Änderung der Beitrittskriterien).
Aus meiner Sicht ist 3 (=Austritt) der einzige Weg

OlafSch
02
10.2.2012, 14:42

Da wird immer behauptet die Löhne wären durch Hartz 4 in Deutschland gedrückt wurden so dass die "armen" Südeuropäer mit den "Dumpinglöhnen" nicht mehr mithalten konnten und mit Produkten zu Dumpingpreisen überschwemmt wurden. Die Hauptexportprodukte sind (teure) Autos, Maschinen, Chemie und hauptsächlich hochwertige Konsumprodukte. Wo bitte konkurriert da Deutschland (oder Österreich) mit Ländern wie Griechenland? Und was wird an Billigprodukten hier hergestellt? Das Problem ist eher dass der Euro für diese schwachen unterentwickelten Länder zu hoch und der Zugang zu billigen Krediten zu leicht war. Das mit den Krediten hat sich auf längere Zeit erledigt, das mit dem für diese Länder zu hohen Euro wird bleiben.

peace & love
00
10.2.2012, 13:30
schon die überschrift ist fraglich.

griechenland WAR & IST teil europas, wenn ich mich recht erinnere.

Harald Meierdieks
04
10.2.2012, 13:25
So eine Null ist Chefvolkswirt ??

Das kann doch nicht wahr sein !

Soso, lala
00
10.2.2012, 12:42

*facepalm*

Stahl_____666
00
10.2.2012, 12:15
.

1. Griechenland kann nicht durch Sparen saniert werden, sondern durch den Aufbau einer funktionierenden Verwaltung. Hätte Griechenland seine bestehenden Steuern auch eingetrieben, würde es mit Überschuss bilanzieren.

2. Wo ist Syrien und wo ist Griechenland - von der Warte aus betrachtet droht überhaupt keine Gefahr.

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