Mindestleben in Nordgriechenland

Reportage9. Februar 2012, 18:25
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Die Hafenstadt Alexandroupolis im Jahr drei der Staats- und Finanzkrise

Vor dem Büro des Bürgermeisters steht ein umfunktionierter Metallkasten mit einer Klappe, durch die Besucher Lebensmittel stecken können: Öl, Nudeln, Dosen. Rationen für die neuen Armen, die an "Sozial-Supermärkte" - auch sie etwas Neues - abgegeben werden. Alexandroupolis ist eine Stadt, die abstürzt - ein Beispiel für Griechenland im Jahr drei der Krise.

"Wir sind seit 20 Jahren in der Rezession", korrigiert Vagelis Lambakis, der Bürgermeister. 20 Jahre Abschwung, seit die europäische Agrarpolitik die Landwirtschaft im Norden Griechenlands weggefegt hat. Es ist eine Klage, die man immer wieder in der Hafenstadt hört: "Europa gab uns Geld fürs Nichtstun." Die Politik der Subventionen, die das Nicht- und Wenigproduzieren zahlt, war eine Anleitung zum Tricksen und zum Selbstbetrug. "Jetzt ist Schluss", sagt Lambakis, ein hagerer Mann mit Augenringen. "Die finanziellen Korrekturen dauern vielleicht fünf Jahre, aber wenn wir Griechen zusammenarbeiten, können wir schon morgen anfangen, ein neues Land aufzubauen. Griechen sind schlau."

Das ist es, was er auch den 66.000 Menschen in seiner Stadt einhämmert. Lambakis ist der Bürgermeister der Krise, als Parteimann der konservativen Nea Dimokratia Ende 2010 gewählt.

Die Arbeitslosenrate in Alexandroupolis liegt bei 25 Prozent, aber die Krise reicht viel tiefer. Auf der Hauptstraße stehen die Verkäufer in Boutiquen und warten vergeblich auf Kunden. Die Restaurants sind leer, die Cafés nur morgens hier und da mit Rentnern und Arbeitslosen gefüllt. 2,30 Euro für einen Kaffee und zwei Stunden in der Tasse rühren.

"Die Leute sind traurig", stellt eine Lokalreporterin fest, die von sich selbst sagt, sie wüsste nicht, wo ihr der Kopf stehe: Seit drei Monaten zahlt der Herausgeber keine Gehälter mehr. "Ich bin 45 und lebe von der Pension meiner Mutter." Die Frau ist kein Einzelfall, sondern hier die Regel. "Die alten Leute sind oft die Einzigen, die noch ein Einkommen haben", bestätigt eine Apothekerin. "Viele ziehen zurück zu den Eltern."

Alexandroupolis zeigt, wie weit entfernt von der Realität die Sparmaßnahmen sein können, die EU, EZB und IWF der Regierung in Athen aufzwingen: Kürzung von Weihnachts- und Urlaubsgeld bei Gehältern, die nur noch virtuell sind; Einschnitte von bis zu 15 Prozent bei Pensionen (die dritten seit 2011), von denen ganze Familien irgendwie leben müssen; Senkung eines Mindestlohns, der in der Praxis längst umgangen wird.

"Wettbewerbsfähigkeit" ist ein Begriff, den der Bürgermeister deshalb nicht gelten lässt. Dieses Ziel der Troika gehe ins Leere, das neue Sparpaket werde die Rezession verschärfen. Den Wettbewerbsnachteil seiner Stadt sieht er anderswo: im teuren Euro, der Tourismus und Industrie im nahen Bulgarien und in der Türkei viel profitabler mache.

Lohnniveau wird gedrückt

Andreas Antypas, ein Anwalt, der auf Arbeitsrecht spezialisiert ist, weiß von 30 Unternehmen in der Stadt, die keine Gehälter mehr zahlen, aber weiter Arbeiter beschäftigen. Wer jetzt noch einen bezahlten Job in der Privatwirtschaft habe, arbeite meist Teilzeit, berichtet er: "Vier Stunden am Tag für 300 bis 400 Euro im Monat und ohne Sozialversicherung natürlich." Mit zwei Teilzeitjobs erreicht man theoretisch den Mindestlohn. Dessen Senkung auf 590 Euro brutto wird auch das Lohnniveau für Teilzeitarbeit drücken.

Die Sparsense ist schon mehrfach über die Stadt gefahren. Um 45 Prozent sind die Transferleistungen aus Athen gekappt worden; Lambakis hat 20 Mio. Euro weniger. "Wir schaffen das trotzdem", versichert er, der die Agro-Industrie wieder aufbauen will, Brüssel hin oder her. "Wir kehren zurück zu unseren Wurzeln."

Ilias, ein arbeitsloser Kardiologe, wartet auf einen Termin beim Spitalsdirektor. "Ich wünschte, die Europäer hätten gesagt: 'O.k., ihr habt zwei Monate Zeit, die Dinge aufs Gleis zu bringen, andernfalls lassen wir euch pleitegehen.' Dann hätten wir Klarheit gehabt. Jetzt warten wir seit zwei Jahren jeden Tag auf die Guillotine." (Markus Bernath aus Alexandroupolis, DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

  • Bürgermeister Lambakis gibt die Hoffnung nicht auf.
    foto: standard/bernrath

    Bürgermeister Lambakis gibt die Hoffnung nicht auf.

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