Umstrittene Vision des Arbeitens bis ins hohe Alter

Schwedens konservativer Regierungschef Frederik Reinfeldt stellt Arbeiten bis zum 75. Lebensjahr zur Debatte und heizt damit die EU-weite Diskussion über eine nachhaltige Reform der Pensionssysteme an

Während im Schatten der Eurokrise ein Gipfel dem nächsten folgt, diskutierte man in den vergangenen Tagen in Stockholm europäische Zukunftsfragen in längerfristiger Perspektive. Auf der Tagung des Northern Future Forum in der schwedischen Hauptstadt ging es den Regierungschefs der nordischen und baltischen Länder sowie Großbritanniens am Mittwoch und Donnerstag ausdrücklich nicht um rasche Lösungen, sondern zunächst um den Gedankenaustausch zur Frage, wie Europa in den kommenden Jahren Arbeit und Wohlstand sichern kann. Insbesondere die Reformierung der Rentensysteme und die stärkere Einbindung von Frauen ins Berufsleben spielten bei diesem zweiten Treffen des erstmals 2011 in London versammelten Forums eine wichtige Rolle.

"Möglichkeiten werden wir dann finden, wenn wir bereit sind, vertraute Gewohnheiten in Frage zu stellen", so Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt in seiner Rede am Donnerstag. Mit Visionen für ein neues schwedisches Pensionssystem hatte der Chef der Mitte-Rechts-Koalition im Vorfeld der Konferenz zu Wochenbeginn selbst Zeichen gesetzt. So hält Reinfeldt eine Berufstätigkeit bis 75 unter der Voraussetzung für denkbar, dass älteren Beschäftigten mit intensiven Beihilfen für Aus- und Weiterbildung ein Umsatteln hin zu leichteren Tätigkeiten ermöglicht wird.

Für seine Vision kollektiven Rackerns bis ins hohe Alter hatte der Premier von Opposition und Gewerkschaften sowie in zahlreichen Internetforen harte Kritik erhalten. Den Teilnehmern des nordischen Forums legte er sie gleichwohl erneut ans Herz: Vorbild sei insbesondere Island, wo schon jetzt 50 Prozent aller 65- bis 69-Jährigen im Erwerbsleben stehen.

Der nordische Weg

Insgesamt sollen die Diskussionen im Rahmen des Forums, das Spitzenpolitiker unterschiedlicher Coleur vereint, "The Northern Way", das angestammt nordische Modell des modernen Wohlfahrtsstaates mit umfangreichen sozialen Sicherungssystemen, profilieren. Die Teilnahme Großbritanniens, das sich dem Eurofiskalpakt verweigert hat, gilt nicht zuletzt als Fingerzeig für das Interesse des konservativen Regierungschefs David Cameron für das nordische Modell. Ob sich aus dem Treffen eine neue Achse London-Kopenhagen-Stockholm als Gegengewicht zu Berlin-Paris entwickelt, bleibt abzuwarten.

Jedenfalls wird die Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters immer deutlicher zu einem vorrangigen Thema in der ganzen Europäischen Union. EU-Sozialkommissar László Andor will kommende Woche ein Weißbuch für "angemessene, sichere und nachhaltige Pensionen" präsentieren.

Als Möglichkeit dafür wird eine Erhöhung des Pensionsantrittsalters um sieben Jahre bis 2060 genannt. Es sei dringender denn je, die Pensionssysteme den wirtschaftlichen und demografischen Veränderungen anzupassen, heißt es in dem Entwurf. Bis 2060 könne sich die Lebenserwartung um fünf bis sieben Jahre erhöhen, dem sei das Pensionsalter anzupassen. Gleichzeitig sollten Frühpensionen und andere vorzeitige Ausstiegsszenarien (Stichwort Hacklerregelung) eingeschränkt werden. (Anne Rentzsch aus Stockholm, DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

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