Das Entzünden einer Fackel mit dem Stift

9. Februar 2012, 17:54
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2010 widmete sich die Albertina der Technik der Freilichtmalerei, nun blickt man auf die lange Zeit unterbewerteten Zeichnungen der Impressionisten. Die Ausstellung verdeutlicht die Ebenbürtigkeit mit der Malerei

Wien - Pastell mit Kohle oder Pastell auf Monotypien - an solchen Werkangaben mögen Kunstbetrachter heute nichts Außergewöhnliches mehr finden. Für die 1870er-Jahre, als Edgar Degas mit verschiedenen Zeichentechniken und -materialien zu experimentieren begann, war das schon besonders. Die lichte Sanftheit des Pastells mit der auf Kontrast bedachten Kohle zu kombinieren oder - noch extravaganter - sie als farbige Akzente auf druckgrafischen Blättern zu verwenden war neu.

Neu wie der Status, den die Zeichnung zu jener Zeit genoss. Das Arbeiten auf Papier boomte bei den Zeitgenossen, beflügelte deren Kreativität. Zeichnung sei "die intelligenteste und erfreulichste künstlerische Aktivität", schwärmte Pissarro. Die Zeichnung wuchs weit über kleine Skizzenbuchformate hinaus, fand ihr neues Wirkungsfeld auf großformatigen Kartons und breitete sich sogar als Pastell auf Leinwand aus.

Eine selbstbewusste Antwort auf das Diktat der Akademien, in deren Hierarchie zualleroberst die Malerei stand. "Fort mit der Behandlung der menschlichen Körper in der Art eines Gefäßes", forderte Louis Émile Edmond Duranty, französischer Kunstkritiker jener Tage, von der sich erneuernden Zeichnung. "Was uns nottut, ist die besondere Note des modernen Menschen in seiner Kleidung, inmitten seines gesellschaftlichen Verkehrs, zu Hause oder auf der Straße. Das Grundproblem bedeutet das Entzünden einer Fackel mit dem Stift."

Zeichnung fehleingeschätzt

Fehlgezündet war bisher die Kunstgeschichte. Sie maß der Zeichnung der Impressionisten keinen derart autonomen Stellenwert zu. Betrachtete sie als Skizze und das geeignete Medium für die Freilichtmalerei (en plein air). Eine Fehleinschätzung angesichts dessen, dass rund 40 Prozent der Werke bei den Impressionistenausstellungen des 19. Jahrhunderts Arbeiten auf Papier waren. Umso interessanter ist die veränderte Perspektive der Ausstellung Impressionismus in der Albertina.

Ausgerechnet ein Gemälde, Monets Waterloo Bridge (datiert 1903, aus dem Milwaukee Art Museum mit dem herrlich glitzernden Sonnenspiel auf dem Wasser, steht am Beginn der Schau. Aber es ist klug gewählt, denn die flankierenden Brücken-Pastelle Monets von 30 x 48 Zentimetern Größe beweisen selbstsicher Ebenbürtigkeit. Es ist sogar die erste internationale Ausstellung zur Zeichnung der Impressionisten, betont Impressionismus-Experte Christopher Lloyd, der die Schau ursprünglich für das Milwaukee Art Museum kuratierte.

Für Wien ist die Schau, insbesondere dank eigener Bestände, etwas umfangreicher ausgefallen. Gezeigt werden Pastelle, Aquarelle und Zeichnung von Impressionisten und Postimpressionisten, also von Klassikern wie Manet, Monet, Degas und Pissarro sowie von anderen Erneuerern der Malerei wie Seurat, Gauguin oder Cézanne. Ein bunter Fächer (insgesamt mehr als 200 Arbeiten), in dem auch noch Platz ist für Randfiguren und weniger bekannte Namen; etwa einen Lottogewinner wie Armand Guillaumin oder den Karikaturisten Jean-Louis Forain.

Faszinierend ist schon allein eine nicht ermüdende Vielfalt, von Landschaften über Porträts bis zu szenischen Darstellungen. Begeisterung findet man vor allem in überraschenden oder im Original verzaubernden Blättern, etwa dem abstrakt und zugleich überirdisch wirkenden Klippen von Étretat (Monet), in der Grazie der Madame Loubin (Manet). Es gefallen die Eleganz, die Pissarro einer Kühe hütenden Bäuerin verlieh, die spannungsvollen Anschnitte, die Sisley den Landschaften gab, die ungewöhnlichen und extremen Bildkompositionen (etwa bei Ellen Andrée) von Degas oder die diffuse Dramatik bei Seurats Zeichnungen mit dem Conté-Stift.

Ein Fest des Striches. Eine Hymne auf das Papier.  (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

Bis 13. 5.; Vortrag zur Autonomie der Zeichnung: Christopher Lloyd, (ehemals Kurator Bildergalerie der englischen Königin), Freitag, 10.2., 15.00 Uhr

  • Als Camille Pissarro von Paris nach Pontoise kam, begann der Landschaftsmaler sich für die Figur zu interessieren. Reizvolle Motive fand er am Markt oder auf dem Feld: "Bäuerinnen" (1881).
    foto: triton foundation

    Als Camille Pissarro von Paris nach Pontoise kam, begann der Landschaftsmaler sich für die Figur zu interessieren. Reizvolle Motive fand er am Markt oder auf dem Feld: "Bäuerinnen" (1881).

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