2010 widmete sich die Albertina der Technik der Freilichtmalerei, nun blickt man auf die lange Zeit unterbewerteten Zeichnungen der Impressionisten. Die Ausstellung verdeutlicht die Ebenbürtigkeit mit der Malerei
Wien - Pastell mit Kohle oder Pastell auf Monotypien - an solchen
Werkangaben mögen Kunstbetrachter heute nichts Außergewöhnliches mehr
finden. Für die 1870er-Jahre, als Edgar Degas mit verschiedenen
Zeichentechniken und -materialien zu experimentieren begann, war das
schon besonders. Die lichte Sanftheit des Pastells mit der auf Kontrast
bedachten Kohle zu kombinieren oder - noch extravaganter - sie als
farbige Akzente auf druckgrafischen Blättern zu verwenden war neu.
Neu wie der Status, den die Zeichnung zu jener Zeit genoss. Das Arbeiten
auf Papier boomte bei den Zeitgenossen, beflügelte deren Kreativität.
Zeichnung sei "die intelligenteste und erfreulichste künstlerische
Aktivität", schwärmte Pissarro. Die Zeichnung wuchs weit über kleine
Skizzenbuchformate hinaus, fand ihr neues Wirkungsfeld auf
großformatigen Kartons und breitete sich sogar als Pastell auf Leinwand
aus.
Eine selbstbewusste Antwort auf das Diktat der Akademien, in deren
Hierarchie zualleroberst die Malerei stand. "Fort mit der Behandlung der
menschlichen Körper in der Art eines Gefäßes", forderte Louis Émile
Edmond Duranty, französischer Kunstkritiker jener Tage, von der sich
erneuernden Zeichnung. "Was uns nottut, ist die besondere Note des
modernen Menschen in seiner Kleidung, inmitten seines gesellschaftlichen
Verkehrs, zu Hause oder auf der Straße. Das Grundproblem bedeutet das
Entzünden einer Fackel mit dem Stift."
Zeichnung fehleingeschätzt
Fehlgezündet
war bisher die Kunstgeschichte. Sie maß der Zeichnung der
Impressionisten keinen derart autonomen Stellenwert zu.
Betrachtete sie als Skizze und das geeignete Medium für die
Freilichtmalerei (en plein air). Eine Fehleinschätzung angesichts
dessen, dass rund 40 Prozent der Werke bei den
Impressionistenausstellungen des 19. Jahrhunderts Arbeiten auf Papier
waren. Umso interessanter
ist die veränderte Perspektive der Ausstellung Impressionismus
in der Albertina.
Ausgerechnet ein Gemälde, Monets Waterloo Bridge
(datiert 1903, aus dem Milwaukee Art Museum mit dem herrlich
glitzernden Sonnenspiel auf dem Wasser, steht am Beginn der Schau. Aber
es ist klug gewählt, denn die flankierenden Brücken-Pastelle Monets von
30 x 48 Zentimetern Größe beweisen selbstsicher
Ebenbürtigkeit. Es ist sogar die erste internationale Ausstellung zur
Zeichnung der Impressionisten, betont Impressionismus-Experte
Christopher Lloyd, der die Schau ursprünglich für das Milwaukee Art
Museum kuratierte.
Für Wien ist die Schau, insbesondere dank eigener Bestände, etwas
umfangreicher ausgefallen. Gezeigt werden Pastelle, Aquarelle und
Zeichnung von Impressionisten und Postimpressionisten, also von
Klassikern wie Manet, Monet, Degas und Pissarro sowie von anderen
Erneuerern der Malerei wie Seurat, Gauguin oder Cézanne. Ein bunter
Fächer (insgesamt mehr als 200 Arbeiten), in dem auch noch Platz ist für
Randfiguren und weniger bekannte Namen; etwa einen Lottogewinner wie
Armand Guillaumin oder den Karikaturisten Jean-Louis Forain.
Faszinierend ist schon allein eine nicht ermüdende Vielfalt, von
Landschaften über Porträts bis zu szenischen Darstellungen. Begeisterung
findet man vor allem in überraschenden oder im Original verzaubernden
Blättern, etwa dem abstrakt und zugleich überirdisch wirkenden Klippen
von Étretat (Monet), in der Grazie der Madame Loubin (Manet). Es
gefallen die Eleganz, die Pissarro einer Kühe hütenden Bäuerin verlieh,
die spannungsvollen Anschnitte, die Sisley den Landschaften gab, die
ungewöhnlichen und extremen Bildkompositionen (etwa bei Ellen Andrée)
von Degas oder die diffuse Dramatik bei Seurats Zeichnungen mit dem
Conté-Stift.
Ein Fest des Striches. Eine Hymne auf das Papier. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)
Bis 13. 5.; Vortrag zur Autonomie der Zeichnung: Christopher Lloyd, (ehemals Kurator Bildergalerie der englischen Königin), Freitag, 10.2., 15.00 Uhr