Solistenkonzert von Roberto Alagna und Pierre Vallet
Wien - Nach seinem Soloauftritt schlich er zögernd über die Bühne,
stutzte und winkte dann auf halbem Weg doch den Sänger zu sich zurück.
Es war nur eine Nebensache beim jüngsten Solistenkonzert an der
Staatsoper, wie Pierre Vallet den Applaus für die Méditation aus Jules
Massenets Thaïs (nicht) entgegennahm, aber symptomatisch - nicht nur für
das Spiel des Pianisten, sondern die Atmosphäre des Abends.
Vor dem roten Vorhang auf der nackten Bühne im großen Haus
Entschlossenheit zu zeigen fiel nicht nur dem Begleiter von Roberto
Alagna merklich schwer. Akkurat und achtsam verfügte er über die
Klavierauszüge von Arien aus dem französischen und italienischen
Repertoire, doch über die Aura eines getreuen Korrepetitors kam er -
selbst bei seinem zweiten Solostück, Liszts Petrarca-Sonett 123 - kaum
hinaus.
Mit der Akustik, in der alle höheren Anteile der Klangfarbe restlos
verschluckt wurden, hatte auch der Tenor einen übermächtigen Gegner, der
alle Belcanto-Phrasen nicht immer zu seinen Gunsten durchfilterte und
die baritonalen Qualitäten seiner Stimme isolierte. Ob er wohl deshalb
als letzte der vier Zugaben die Canzonetta aus Mozarts Don Giovanni gab?
Es hätte dessen nicht bedurft, um die Legato- und Portamentotechniken
Alagnas in Reinkultur zu genießen und seine Stärken (die runde, volle
Tiefe, die Zurücknahme langer Töne) sowie Schwächen (mangelnde Stütze
der Höhe, häufige Flucht in die Kopfstimme, Probleme mit Pianophrasen
und Registerübergängen) zu erfahren.
Doch mit Charme, Selbstironie, augenzwinkernder Distanz zu so manchem
Schmachtfetzen und gezielt eingesetzten Perlentränentröpfchen jonglierte
Alagna genialisch über schwieriges Terrain. Selbst aus einer veritablen
Panne wie einem absolut verunglückten Spitzenton in Je pense à vous aus
Maître Pathelin von François Bazin schlich er sich sympathisch, indem er
die Stelle beim dritten Anlauf stemmte und die Angst des Liebhabers vor
seiner Angebeteten im Arientext kokettierend auf das Publikum ummünzte.
Da kauft man doch gern seine Platten. (Daniel Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)