Gedämpfte Belcanto-Szenen mit Slapstickeinlagen

9. Februar 2012, 17:43
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Solistenkonzert von Roberto Alagna und Pierre Vallet

Wien - Nach seinem Soloauftritt schlich er zögernd über die Bühne, stutzte und winkte dann auf halbem Weg doch den Sänger zu sich zurück. Es war nur eine Nebensache beim jüngsten Solistenkonzert an der Staatsoper, wie Pierre Vallet den Applaus für die Méditation aus Jules Massenets Thaïs (nicht) entgegennahm, aber symptomatisch - nicht nur für das Spiel des Pianisten, sondern die Atmosphäre des Abends.

Vor dem roten Vorhang auf der nackten Bühne im großen Haus Entschlossenheit zu zeigen fiel nicht nur dem Begleiter von Roberto Alagna merklich schwer. Akkurat und achtsam verfügte er über die Klavierauszüge von Arien aus dem französischen und italienischen Repertoire, doch über die Aura eines getreuen Korrepetitors kam er - selbst bei seinem zweiten Solostück, Liszts Petrarca-Sonett 123 - kaum hinaus.

Mit der Akustik, in der alle höheren Anteile der Klangfarbe restlos verschluckt wurden, hatte auch der Tenor einen übermächtigen Gegner, der alle Belcanto-Phrasen nicht immer zu seinen Gunsten durchfilterte und die baritonalen Qualitäten seiner Stimme isolierte. Ob er wohl deshalb als letzte der vier Zugaben die Canzonetta aus Mozarts Don Giovanni gab?

Es hätte dessen nicht bedurft, um die Legato- und Portamentotechniken Alagnas in Reinkultur zu genießen und seine Stärken (die runde, volle Tiefe, die Zurücknahme langer Töne) sowie Schwächen (mangelnde Stütze der Höhe, häufige Flucht in die Kopfstimme, Probleme mit Pianophrasen und Registerübergängen) zu erfahren.

Doch mit Charme, Selbstironie, augenzwinkernder Distanz zu so manchem Schmachtfetzen und gezielt eingesetzten Perlentränentröpfchen jonglierte Alagna genialisch über schwieriges Terrain. Selbst aus einer veritablen Panne wie einem absolut verunglückten Spitzenton in Je pense à vous aus Maître Pathelin von François Bazin schlich er sich sympathisch, indem er die Stelle beim dritten Anlauf stemmte und die Angst des Liebhabers vor seiner Angebeteten im Arientext kokettierend auf das Publikum ummünzte. Da kauft man doch gern seine Platten.  (Daniel Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

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