Keine Reform, nirgends

Kolumne | Günter Traxler, 9. Februar 2012, 18:32

So richtig es prinzipiell ist, dass sich die lebenslange Arbeitszeit einer steigenden Lebenserwartung anpassen muss, so schönfärberisch nun das Geschwätz von der Anpassung der Arbeitswelt an ältere Menschen

Wie immer das Sparpaket letztlich aussehen wird, sein reformatorischer Gehalt wird sich in engen Grenzen halten. Man muss die mutlose Zurückhaltung bei der Landwirtschaft, bei Erbschafts- und Schenkungssteuer in Relation zu dem fast schon an Fanatismus grenzenden Eifer sehen, mit dem Arbeitnehmer zu längerer Beschäftigung verdonnert werden sollen, unabhängig von der Realität eines Arbeitsmarktes, der ihre Arbeitsbedingungen laufend verschlechtert und sie möglichst früh ausspeit, um sie durch junge, möglichst freie Billigkräfte zu ersetzen - die vielgepriesene Qualifikation und Erfahrung egal. So richtig es prinzipiell ist, dass sich die lebenslange Arbeitszeit einer steigenden Lebenserwartung anpassen muss, so schönfärberisch nun das Geschwätz von der Anpassung der Arbeitswelt an ältere Menschen, mit dem künftig Betroffene animiert werden sollen, die Krot zu schlucken, die man Vermögenden unter dem Vorwand einer Schonung des Mittelstandes wieder einmal ersparen will.

Dass Menschen in die Frühpension gedrängt werden und daher oft auch drängen, ist ja keine neue Erscheinung. Die Möglichkeit, sie durch Adaptierung ihrer betrieblichen Umwelt in Arbeit zu halten, hätte es seit vielen Jahren gegeben. Geschehen ist in Österreich, vielleicht mit einigen Ausnahmen, das Gegenteil. Und den Schwärmereien von einer Umkehr ist zu misstrauen, schon deshalb, weil auf zunehmend internationalisierten Arbeitsmärkten das Outsourcen personeller Ressourcen künftig nicht mehr nur die Älteren betreffen, sondern sich generell verschärfen wird. Es wurde im Laufe der quälenden Pensionsdebatte nicht bekannt, wie man dem in Österreich gegenzusteuern beabsichtigt, und ob dazu überhaupt ein Wille besteht. Hauptsache: längere Arbeitspflicht!

Wie weit diese Debatte bisher an allem vorbeigelaufen ist, was nach einer längst fälligen Schlachtung heiliger Kühe aussehen könnte, lässt Ähnliches für die angeblich große Reform der österreichischen Demokratie befürchten, zu der da und dort seit geraumer Zeit nach dem Motto "Zwei Schritte vorwärts, einer zurück" Anlauf genommen wird. Warum sollte eine Koalition, die nicht einmal im Kampf gegen ausländische Ratingagenturen eine Zweidrittelmehrheit hinter sich zu versammeln weiß, eine solche für Verfassungsänderungen zustande bringen, die erst den Begriff Reform rechtfertigen könnten?

Auffällig ist da bereits jetzt die Neigung in den Koalitionsparteien, eine Reform der Demokratie mit einer Beschneidung der Volksvertretung zu beginnen. Während die Proponenten von "MeinOE" eine Stärkung und mehr Unabhängigkeit des Parlaments fordern, halten Vertreter von SPÖ und ÖVP eine Zurückstutzung des Nationalrates bei wachsenden Aufgaben für eine gute Idee. Ihr Motiv liegt in einer perversen Sehnsucht nach Nähe zum Volk: Dieses würde das Sparpaket lieber schlucken, "wenn die Politik auch bei sich ein Signal setzt". Ein solches Signal "der Politik bei sich" wäre ein Signal für Reform in die falsche Richtung, eine demokratiepolitische Sparbremse, von der man nur sagen kann: Kleiner kariert geht 's nicht mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

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Posting 1 bis 25 von 40
1 2
Christoph Karl Steininger
00
10.2.2012, 16:19
Bestes Beispiel:

Der Bund selbst. Bei den Bundesmuseen wurden angestellte Museumswärter nicht nachbesetzt sondern durch Zeitarbeiter von Verleihfirmen ersetzt. Die verdienen einen Bruchteil und zahlen keine Sozialversicherungsbeiträge.
Der Staat geht mit schlechtem Beispiel voran!

The Chaos Path
00
10.2.2012, 15:00

beamtenpensionen an jene der asvg anpassen, und ein haufen probleme wäre gelöst.

mikromalist
 
21
10.2.2012, 12:50
Werter Herr Traxler. Jetzt einmal ohne Ideologie:

Pensionisten sind strukturell wie Bauern, welche kaum Steuern zahlen aber Subventionen erhalten.

Sie sind Nettobezieher aus dem Wohlstandstopf. Würden sie Nettozahler profitierte der Topf doppelt.

Dies ginge nur durch eine radikale Agrarreform und eine radikale Pensionsreform.

Das Pensionssystem mit dem Arbeitsmarktsystem zu verknüpfen ist so falsch, wie das Agrarsteuersystem mit der Qualität und den Preisen der Agrarprodukte.

Der Verschärfung am Arbeitsmarkt kann nur mittels drastischer Arbeitszeitverkürzung begegnet werden. Der "Alten"arbeitslosigkeit durch flachere Lohnkurven.

Dann könnten wir auch länger arbeiten.

Direkte Demokratie würde das wahrscheinlich ermöglichen. Wir schiessen uns ungern ins eigene Knie.

Wolfgang Pimminger
 
00
13.2.2012, 11:17
Werter Mikromalist,

Ihre grundsätzliche Meinung in Ehren, aber das mit dem Steuerzahlen stimmt vorne und hinten nicht.

Abgaben an SV sowie die Einkommens- und Lohnsteuern werden nicht von den Einkommensbeziehern bezahlt und von den Unternehmen schon gar nicht. Es sind lästige und verteuernde betriebliche Kosten, die über den Weg der Kalkulation an den Verbraucher delegiert werden. Bezahlt werden jegliche Steuern IMMER an der Kasse. Und somit entlarvt sich ein angeblich soziales, progressives Steuersystem bei genauer Betrachtung als Mogelpackung.

Weitaus sozialer wäre es, auf die einkommensabhängigen Abgaben zu verzichten, und auf Verbrauchs- und Vermögensbesteuerung zu setzen.

mikromalist
 
00
13.2.2012, 12:12
Werter W. Pimminger, das wäre

wahr gäbe es nicht Market Clearence Pricing (vom Preis zu den Kosten). Preise legen sich zw hoher Verkäufererwaetung und niedriger Käuferbereitschaft fest.
Dieses Prinzip funktioniert nur deshalb oft nicht, weil Märkte durch Monopolbildung gekapert werden.

Würde die Steuerbemessung von Löhnen auf Erträge umgestellt, könnten Arbeitskosten entlastet werden und vollautomatische Fabriken leisteten einen fairen Beitrag zum Wohlstandstops.

Zur Feststellung des Gesundheitszustandes eines Systems stelle ich mir oft pathologische Fälle vor.
Angenommen, es arbeiten nur mehr Maschinen, Roboter, Computer ...
Die Preise wären Null, wenn niemand mehr etwas verdiente? Zahlen die Maschinen Steuer, kann dies "ausgeschüttet" werden und .....

Wolfgang Pimminger
 
00
13.2.2012, 13:11
Mir ist durchaus klar, wie das mit den Preisen funktionieren (sollte)

Das war aber nicht Inhalt meines Postings.

Wenn Sie als Unternehmer für sich und Ihre Mitarbeiter Steuern abführen (können), dann nur deshalb, weil ein Kunde an der Kassa dort den Kaufpreis Ihres Produktes bezahlt hat. Für Sie als Unternehmer SIND die einkommensabhängigen Abgaben tatsächlich betriebliche Aufwendungen und so werden sie ja auch verbucht.

Die Alternative, die mir vorschwebt, setzt auf gleichbleibende Nettoentlohnung und unmittelbare Verlagerung des einkommenseitigen Steuerausfalls auf Verbrauch und Vermögen. Vermögensbesteuerung sehe ich in diesem Zusammenhang übrigens als Verbrauchsverzichtsabgabe jener, die sich der Konsumbesteuerung entziehen können, weil das Einkommen deutlich über den Bedürfnissen liegt.

mikromalist
 
00
13.2.2012, 13:31
Betriebsausgabe.

Das gilt eben nur bei "Grenzkostenrechnung" in der Kalkulation.
Dazu sind "schwache" Branchen in heftigem Wettbewerb "verurteilt"..

Ein viel bessere Verbrauchsverzichtsabgabe ist aber meine Umstellung auf Summenerträge.
Wenn mein (als Unternehmer) Einkommen+ausgeschütteter Gewinn+Kapitalertrag+Zinsertrag in die Progression käme, geschähe genau das - ich zahlte nicht mehr 25% sondern, wie beim Einkommen 50%.

Und wir wären die sinnlose Diskussion zu was-ist-Vermögen(szuwachs) endlich los?

Wolfgang Pimminger
 
00
13.2.2012, 13:45

Die Besteuerung der Summenertäge löst aber nicht das Problem der hohen Lohnnebenkosten, denn alle Summenerträge liegen ja wiederum im Produktpreis, den - wie bereits festgestellt - der Konsument zu bezahlen hat.

Es gibt eben einen erheblichen Unterschied zwischen "Steuer zahlen" und "Steuer abführen".

mikromalist
 
00
13.2.2012, 14:21
Warum nicht?

Wenn die Steuersumme gleich bleibt, kann der "Bauch" in der Mitte geschrumpft werde. zB auch Nebenkosten?

Natürlich müssten dann auch Unternehmenssteuern umgebaut werden.

skip it
00
14.2.2012, 07:51
tangens: wie geht's eigentlich ihrem französisch?...

...da waer' ein linker (für sie ;-), der zumindest im ansatz aufzeigt, wie's ginge:

http://www.europe1.fr/Politique... ts-920497/

den unterschied zum faymann oder zur rudas moecht ich klavierspielen können.

mikromalist
 
00
14.2.2012, 08:45
Oh, ich habe eine grosse

unerwiderte Liebe zu Französisch.

Keine Ahnung.

Als ich noch gelegentlich Projekte für die EU reviewte habe ich die Sprachvielfalt und -gewandtheit der italienischen, spanischen, beneluxischen und skandinavischen Kolleg/innen bewundert.

Nur jene aus DE und FR waren teilweise so sprachpatschert, wie ich.

Englisch und sonst nix. Verblassendes Schwedisch, weil ich dort 9 Monate gearbeitet habe.

Harry Y.
 
00
10.2.2012, 14:02
a) Aber welche Pensionisten bitte?

So geht's net. Was ist denn mit den ASVG-Pensionisten?
b) "Die Pensionisten" haben, was Sie komplett unter den Tisch fallen lassen, oft 40 Jahre lang aufwärts, Pensionsversicherungsbeiträge gezahlt.
c) sehr wohl muß man das mit dem Arbeitsmarkt verbinden, weil Kranke und Behinderte und Sechzigjährige eben, weil abgewiesen, ebendort landen werden. Beim AMS.
Niemand hat eine Arbeitszeitverkürzung vor.
Flachere Lohnkurven meines vagen Wissens gemäß sehr wohl: die werden aber nicht ausreichen imho, weil die vorherrschende Meinung die ist, dass Ältere automatisch weniger zu leisten imstande sind als frisches Jungblut.

The Chaos Path
11
10.2.2012, 14:58

ein anfang wäre ja mal, dass niemand mehr pension erhalten kann, als er eingezahlt hat - nach unten gedeckelt duch eine mindestpension.

dass das realeinkommen am sinken ist, ist eigentlich ein sonderfall in deutschland und in österreich (in den europaischen ländern). warum muss das grad in diesen zwei ländern so sein? weil es politisch forciert und durchgezogen wird. und dann das leidige thema der vermögensbesteuerung - will man in österreich nicht vernünftig durchziehen, daher muss halt die arbeitende bevölkerung herhalten.

so vieles, was man politisch ändern könnte, aber natürlich gegen eine sehr mächtige gruppe geht - jene 10% der bevölkerung, die über die hälfte des besitzes bei sich anhäufen.

mikromalist
 
01
10.2.2012, 14:46
Wie wär es mit ein wenig Abstraktion?

Es ist genau de Verknüpfung von Allem mit Jedem, die alles still stehen lässt.

zuschön
07
10.2.2012, 11:39
ad "länger arbeiten löst Pensionsproblem"

Für rund 300.000 Beamtenpensionisten ist der Bundeszuschuss zu den Pensionen in etwa gleich hoch wie für die restlichen 1,8 Millionen Pensionsbezieher (ASVG, Bauern, Gewerbetreibende). So lange keine Harmonisierung (und zwar rasch) der Pensionssysteme stattfindet, ist jegliche Debatte über eine Erhöhung des faktischen Antrittsalters hintanzustellen.

hage
01
10.2.2012, 11:37

sehr gut, Herr Traxler!

Bodo Steinbrech
01
10.2.2012, 11:20
mal eine wichtige Überlegung zum Parlament - und warum ich es nicht als demokratisch betrachte

Was ist die Grundlage einer Demokratie?

Wir können uns wahrscheinlich auf "Wahlen" einigen.

Welche Wahlen?
Freie, geheime Wahlen oder Wahlen, bei denen der liebe Onkel von der Parteizentrale danebensteht um sie gegebenenfalls auf ihren Irrtum hinzuweisen, sollten sie das flasche ankreuzen?

Alle würden Variante 1 als demokratisch bezeichnen und Variante 2 als nicht demokratisch!

Alle?
Nein, eine kleine Gruppe an Parteifunktionären leistet da erbitterten Widerstand!

Variante 2 wird ausgerechnet von den obersten Vertretern unserer Demokratie im Nationalrat als die "richtige" Art der Demokratie verstanden.

So viel zu "Österrecih ist ein demokratisches Land" :(

Clubzwang abschaffen!
Freie geheime Abstimmungen einführen!

zuschön
01
10.2.2012, 11:17

„Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ (Gary Lineker)

Budgetpolitik in Österreich ist ein einfaches Spiel: Die Großkoalitionäre jagen Monate lang Milliarden nach und am Ende setzt sich (wie immer) die ÖVP durch. (Realpolitik in Ö)

Zweitgeist
00
10.2.2012, 16:55

ein schwarzer würde wahrscheinlich genau das gegenteil behaupten.

zuschön
01
10.2.2012, 11:02
Standard deviation
11
10.2.2012, 08:20
"... Zurückstutzung des Nationalrates bei wachsenden Aufgaben "

Was die wachsenden Aufgaben sind, verrät uns der
Kommentator nicht. Angesichts der EU-Mitglied-schaft und der wachsenden Kompetenz des EU-Parla-ments würden vermutlich 100 NR-Abg. ausreichen.

Die Landtage könnte man auf die Hälfte reduzieren.
So ist der Wiener Gemeinderat mit 100 Abg. deutlich
überdimensioniert. 50 Abg. würden genügen.

J. Reichhart
03
10.2.2012, 07:30
DIESEN nationalrat könnte man komplett einsparen -

herr Traxler, und durch eine gemischte kommission aus kammerfunktionären, parteisekretärInnen und lobbyisten ersetzen!

ist nämlich jetzt auch nix anderes: ein ensemble von lobbyisten und kämmerern, garniert mit clubzwang und parteidisziplin!

das ist kein demokratisches land, das ist ein lobbyistenkartell, eine parteien-oligarchie!

Bodo Steinbrech
10
10.2.2012, 10:22
völlig richtig!

solange Clubzwang und offene, nicht geheime Wahl regieren, reichen die Clubobleute im Parlament aus!

Bodo Steinbrech
00
10.2.2012, 14:37
an den Rotstrichler

haben sie auch Argumente?

Was ist falsch an der Aussage, dass man das Parlament auf die Clubobmänner reduzieren kann, solange Clubzwang und offene Abstimmungen herrschen?

KEIN Abgeordneter DARF anders wählen als sein Clubobmann - und die Apparatschiks der eigenen Reihen kontrollieren das auch fleißig.

Folglich: Clubobmänner reichen beim derzeitigen System aus!

PS: Das heist nicht, dass ich dieses System gut finde, es ist nur Fakt.

J. Reichhart
00
11.2.2012, 07:35
er/sie wird nicht antworten

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