Wo der Islam einspringt, wenn der Staat fehlt

9. Februar 2012, 17:31
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Respekt: Das Berliner Ballhaus Naunynstraße war mit "Schnee" nach Orhan Pamuk zu Gast in Wien

Wien - Saftpressen machen die Christen in Deutschland endgültig zu einer Randgruppe. So erzählt es zumindest Regisseur Hakan Savas Mican in seiner gewitzten Adaption von Orhan Pamuks 2002 erschienenem Roman Schnee, mit der das Berliner Ballhaus Naunynstraße, die gefeierte selbsternannte Heimstätte des postmigrantischen Theaters, nun zweimal in der ausverkauften Garage X in Wien gastierte.

Mit seinem Co-Autor Oliver Kontny verfrachtete Mican das Handlungsgerüst der literarischen Vorlage aus den anatolischen 90er-Jahren in die Zukunft eines abgeschafften Deutschlands. Während Nobelpreisträger Pamuk Vertreter unterschiedlicher religiöser und politischer Anschauungen im Grenzgebiet zwischen seiner türkischen Heimat und Armenien auf Konfrontationskurs brachte und dabei insbesondere in seiner Heimat große Kontroversen auslöste, beschreibt die Berliner Produktion, was passieren könnte, wenn ein populistischer Islam da einspringt, wo sich der Staat sozial- und kulturpolitisch zurückgezogen hat.

In der fiktiven Kleinstadt Karsberg, vom Dichter Ka (Mehmet Yilmaz) auf der Suche nach einer guten Story und seiner Jugendliebe Seide (Sesede Terziyan) besucht, schwingt nun der landesweit als Terrorist gesuchte Grün (Aleksandar Tesla) mit dem Habitus eines Glamrock-Stars - der Unterleib zuckt, der Fuchspelz fliegt - große Reden. Mit dem Verschenken billiger Haushaltsgeräte und bunter T-Shirts gewinnt er die Herzen der Massen, sehr zum Missfallen konfessionstreuerer Bürger wie Seides Ex-Mann Herbert (Godehard Giese). Gewalttätige Auseinandersetzungen in Schule und Gemeindesaal lassen da nicht lange auf sich warten.

Unter den verschiedenen Karsbergern ist, ob gemäßigt oder radikal, Christ oder Muslima, vor lauter Falsch kaum ein Richtig zu finden. Letztlich erscheinen sie alle als fehlgeleitete Karikaturen, die sich hier durch die Kälte des weichkantigen Schaumstoffschnees (Bühne und Kostüm: Lea Walloschke) kämpfen. Für Ka bedeutet seine Erkundungsreise den steten Abstieg in ein absurdes Reich, wo Schrecken und Lächerlichkeit Hand in Hand gehen. Für das Publikum überwiegt hingegen der Fun-Faktor.

Auch wenn etwa die Liebe des Koranschülers Johann zum reschen Kopftuchmädchen Samt tragisch endet, ist Nora Abdel-Maksouds Darstellung der beiden ein komisches Highlight, das noch lange in Erinnerung bleibt. Weniger eindrücklich fällt das Beziehungs-Viereck um Ka und Seide aus, dem hohen Unterhaltungswert der Inszenierung tut dies aber keinen Abbruch. Respekt.  (Dorian Waller  / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)

  • Der Dichter und die Jugendliebe: Sesede Terziyan, Mehmet Yilmaz in "Schnee" (v. li.).
    foto: fernando miceli

    Der Dichter und die Jugendliebe: Sesede Terziyan, Mehmet Yilmaz in "Schnee" (v. li.).

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