Die Berlinale hat für die Eröffnung mit Benoit Jacquots "Les adieux à la Reine" eine interessante Wahl getroffen
Statt auf Ausstattung und Pomp setzt das französische Historiendrama auf kluge Reduktion.
Positionen entwickeln sich im Kino im günstigsten Fall aus Perspektiven.
Der Winkel, von dem aus ein Ausschnitt der Welt betrachtet wird, prägt
das Bild - dieser erst lädt es mit Bedeutung auf, verleiht ihm Gewicht.
In Benoit Jacquots Historienfilm Les adieux à la Reine (Leb' wohl, meine
Königin), der am Donnerstagabend die 62. Berliner Filmfestspiele
eröffnet hat, bestimmt die Vorleserin von Marie Antoinette (Diane
Kruger) die Wahrnehmung einer zum Untergang verdammten Welt.
Wenige Tage vor Ausbruch der Französischen Revolution befinden wir uns
mit ihr im Schloss Versailles; wir filtern die Ereignisse durch ihre
Präsenz und hören mit ihr von Gerüchten, die in diese abgezirkelte Welt
hereinwehen.
Die vom französischen Nachwuchsstar Léa Seydoux verkörperte Heldin
verfügt über eine privilegierte Position, da ihr die launenhafte Königin
ein hohes Maß an Vertrauen schenkt. Auch sonst ist diese Sidonie
Laborde, von deren Herkunft man nichts erfährt, eine aufgeweckte,
neugierige Person, sodass man trotz der eingeschränkten Perspektive des
Films gut informiert bleibt und immer ein Gefühl für die umfassende
Situation behält.
Les adieux à la Reine ist schon deshalb eine interessante Wahl als
Eröffnungsfilm. Statt auf Ausstattung und Pomp setzt er auf die
Reduktion der Mittel, ohne an filmischer Dynamik einzubüßen. Versailles
wird hier zum von überpuderten Höflingen bevölkerten Warteraum der
Geschichte, weltvergessen und dekadent; zu nüchternen Einschätzungen
scheint allein die Dienerschaft befähigt.
Jacquot, der in seinen Filmen gerne Frauen in den Mittelpunkt rückt,
arbeitet allerdings mit keinen schlichten Herr-Knecht-Oppositionen.
Interessant wird dieses Drama vor allem durch die Bewunderung, die
Sidonie für "ihre" Königin noch dann übrig hat, als das Volk schon deren
Kopf rollen sehen will. Dass sie ihr niemals den Rücken zeigt, ist hier
mehr als soziale Etikette - und so strahlt sie umso mehr, je öfter sie
direkt anvisiert wird. Den Narzissmus und die Selbstsucht dieser Marie
Antoinette, für die Diane Kruger eine Idealbesetzung ist, sieht man
nicht sofort. Ihre Haltung wird erst deutlich, wenn sie aus ihrer Gunst
ein Spiel um Lieben und Tod macht.
Respektvoller Einspruch
An eine ganz gegenwärtige Front begibt sich dagegen Werner Herzog. Seine
dokumentarische TV-Serie Death Row, in Berlin als Special zu sehen,
setzt sich mit Gewaltverbrechern in den USA auseinander, die zum Tode
verurteilt wurde. Herzog sagt zu Beginn, er würde mit dieser
Rechtsprechung auf respektvolle Weise nicht übereinstimmen - ein Satz,
der ihm gleichsam das Feld für andere Aspekte öffnet, für
existenziellere, grundsätzlich moralische Fragen, mit denen er dann
tatsächlich immer wieder an Grenzen stößt.
Vor allem das Interview mit seinem ersten Gegenüber, einem rhetorisch
raffinierten Serienmörder, wird zur mutigen Gratwanderung. Denn so
teuflisch einem dieser Mensch mitunter auch erscheint, so deutlich macht
Herzog, dass wir ihn nur als Teil der Gemeinschaft verstehen lernen
können. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin / DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2012)