Auflagen gepimpt

Harakiri überlässt der neue News-Boss der Konkurrenz

Interview | Harald Fidler, 10. Februar 2012, 07:45

STANDARD-Interview: Axel Bogocz über die Veröffentlichungspflicht der Politik, Romantik, Lähmung, Digitalpläne und eine Überraschung: Die News-Gruppe meldete der ÖAK über Jahre zu hohe Verkäufe, was er nun abstellt

"Politiker haben tatsächlich eine Veröffentlichungspflicht": Bogocz über das Positive an der Transparenz, verkannte Auswirkungen und spürbare Verunsicherung öffentlicher Werbekunden

STANDARD: Sie sind seit einem knappen halben Jahr an der Spitze der österreichischen Verlagsgruppe News - ein Kulturbruch zu ihren rund 25 Jahren Erfahrung in der deutschen Medienbranche?

Bogocz: Ich komme aus einem vertriebsorientierten Marktsegment in Deutschland, wo rund 70 Prozent der Einnahmen von Magazinverlagen aus Verkaufserlösen stammen. Die Verlagsgruppe News ist viel stärker werbeorientiert, mit grob 70 Prozent der Umsätze aus diesem Bereich. Das ist ein Wechsel der Perspektive.

STANDARD: Womöglich auch ein Wechsel zwischen nationalen Mentalitäten.

Bogocz: Die zu beurteilen reichen fünf Monate nicht. Ich habe auf die Frage, wann ist man angekommen, gescherzt: vielleicht in drei Jahren. 

STANDARD: Da läuft ihr heutiger Vertrag wohl schon wieder aus.

Bogocz: Da darf ich Sie beruhigen. Das ist weder für mich noch für die Firma ein Stichtag. Aber eines kann ich vielleicht schon sagen: In Österreich ist es sicher einfacher, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, auf allen Ebenen. Nicht nur in der Werbekundschaft, ich habe sehr viele persönliche Gespräche auch mit Ministern geführt.

STANDARD: Apropos: Gespräche mit Ministern über Werbeschaltungen?

Bogocz: Das war nicht der Gegenstand von Kennenlern-Gesprächen. 

STANDARD: Das würden manche andere Verleger aus Österreich vielleicht anders sehen. Deshalb gibt es nun ja auch ein sogenanntes Transparenzgesetz, das öffentliche Stellen und Firmen verpflichtet, ihre Schaltungen ab Herbst offenzulegen.

Bogocz: Für uns hat das eine untergeordnete Bedeutung. Wir partizipieren nicht so sehr an diesem Werbekuchen wie vielleicht einige andere Marktpartner.

STANDARD: Nach unserem Eindruck spielt oder zumindest spielte einmal politiknahe Werbung eine wesentliche Rolle in Ihrer Verlagsgruppe.

Bogocz: Im Vergleich aller Medien ist das sehr überschaubar.

STANDARD: Dann könnte Ihnen das Transparenzgesetz relativ egal sein.

Bogocz: Das Bestreben des Zeitungsverbandes, für Transparenz zu sorgen, ist anzuerkennen. Schließlich geht es darum, was mit Steuergeld passiert. In Deutschland prüft der Bundesrechnungshof genau, wie Werbegelder öffentlicher Institutionen vergeben werden. Ich glaube aber, der Zeitungsverband hier hat sich in den Auswirkungen verschätzt. Ziel dürfte gewesen sein, dass die Politik ihre Werbeausgaben nicht alleine auf einige Boulevardmedien konzentriert. Aus der Perspektive von Entscheidern ist es aber leichter zu rechtfertigen, sie müssten Menschen in der Masse erreichen, und da bieten sich reichweitenstarke Medien an. Zudem beobachten wir gerade eine gewisse Zurückhaltung und Unsicherheit der Entscheider. Sie wissen nicht, wie sie mit dem Gesetz und seinen Auswirkungen umgehen sollen. Werbung ist in diesem Zusammenhang in ein schlechtes Licht geraten. Ich bin völlig gegenteiliger Meinung: Politiker haben tatsächlich eine Veröffentlichungspflicht, was da passiert und was sie eigentlich tun.

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AXEL BOGOCZ (47) führt seit September 2011 die News-Gruppe, davor war er Manager beim Bauer-Verlag ("Bravo") und der United Internet AG sowie Ressortleiter der Illustrierten "Bunte".

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23 Postings
wasisdasis
10
11.2.2012, 17:16
Lustig diese Hamburger...

1.) Diese öffentliche Selbstanklage ist mehr als eigenartig - auch wenn sie endlich die Praktiken des Verlags öffentlich macht. Aber professionelle Unternehmensführung sieht anders aus. Merke: Die Menschen lieben den Verrat, aber nicht den Verräter.
2.) Wenn diese Dinge tatsächlich geschehen sind, dann war dies Betrug und das muss straftrechtlich geahndet werden.
3.) Das die gefälschte ÖAK keine Auwirkungen auf die MA haben ist Unsinn. Kein Mensch glaubt, dass wenn Sie 7.000 Hefte von News im EH verkaufen 800.000 Leser haben - egal wieviele Abonennten sie haben.
4.) Statt Interviews zu geben sollten sie sich lieber um den Content ihrer Magazine kümmern. Dieser ist mittlerweile unter der Wahrnehmungsgrenze.

Renegade Hardware Ltd.
10
10.2.2012, 23:30

NEWS, die Krone für Maturanten.

Auge des Osiris
01
10.2.2012, 22:34

Wenn man sich ansieht, wieviele kleine Medien da in den letzten Jahren den Bach runtergegangen sind, weil es immer hieß: "schauens auf die _geprüften_ Verkaufszahlen, die Newsgruppe hat eben eine weitere Verbreitung als sie - tut uns leid, aber die bekommen den Anzeigenauftrag ..."
Im Fußball würde man einen Zwangsabstieg in die x-te Division verordnen - aber was macht man mit einem betrügerischen Wirtschaftskonzern dieser Größe?

Bob The Builder
00
11.2.2012, 09:31
...endlich einmal

die verantwortlichen zur rechenschaft ziehen. die meisten mitarbeiter des unternehmens sind für so eine schweinerei nicht verantwortlich. aber jedem medienkunden steht ja die chance offen mit denen, die diese sauerei (vermutlich - e.g.d.uvm.) zu verantworten haben nun ausserhalb der news-gruppe aussergewöhnlich tolle geschäfte zu machen.

openyoureyes
00
10.2.2012, 17:49

Die ÖAK-Korrektur mag ja redlich sein, ich lese aber im gesamten Interview nicht einen einzigen interessanten Impuls heraus, der diesen Verlagsriesen noch wiederbeleben könnte. Die Entwicklung ist schon lange vor Herrn Bogocz verschlafen worden und mit dem dort laborierenden Management wird's auch sicher nichts mehr.

franz der freie
 
03
10.2.2012, 17:37
wenn man die werbebroschüren der ganzen woche zu einem heft bondet, hat man schon ein vollständiges news oder format.

redaktionelle artikel findet man nur mit mühe unter der werbung. ist eh egal, die meisten werbungen sind eh besser gemacht, als die artikel der billigen lohnschreiber.

Martin Mucha
 
10
10.2.2012, 16:24
Ist die Korrektur der ÖAK der 1. Schritt zum Verkauf?

Ich vermute mal, dass die Korrektur der Auflagenzahlen nicht nur mit „persönlichen Prinzipien“ und „persönliche(r) Ethik“ und auch weniger mit einer „Ethik in der Unternehmensführung“ zu tun hat, sondern einfach Vorbereitungen für den (Jahre) späteren (möglichen) Verkauf des Blätterwaldes sind: Denn beim Verkauf wird natürlich alles offengelegt und eine „Verschönerung“ der Verkaufszahlen ist schlicht Betrug. Was – vor allem deutsche – Käufer eher ungern sehen.

Terence Lennox
01
10.2.2012, 19:40
definitiv..

..nicht..

bauchidgw
00
10.2.2012, 14:35
Zwischen den Printredaktionen und Online gab es bisher zu wenig Schnittpunkte.

was print kapieren muss ist, dass sie auf online setzen müssen nicht nur wenn sie nicht erfolgreich sind in print, sondern genau dann wenn sie erfolgreich im print bereich sind.

natürlich haben die print menschen dann angst, dass sie sich ihr geschäft kanibalisieren - und ja - um erfolgreich zu sein müssen sie sich kanibalisieren und hoffen dass das ganze mehr ist als die summe ihrer teile.

aber das grundissue ist: die KPI von print sind nicht mit den KPIs von digital verknüpft. deshalb ist es denen wurscht. legta die sales teams und die KPIs zusammen und der gewünschten schnittpunkte und synergien sind sofort da.

und der erste kandidat dafür ist auch ganz klar: tv-media

Terence Lennox
00
10.2.2012, 17:54
das gilt nicht für jeden verlag..

..condé nast macht definitiv print. und ist erfolgreich damit. es kommt eben auf die festigkeit der postition und die qualität des gebotenen an. hier wie dort..

Werner Gruber
01
10.2.2012, 13:43
Keine Förderungen,

... keine Inserate ...
DAS wär ein Sparpaket.

Shardik
 
05
10.2.2012, 13:35
beeindruckendes

Interview - nicht nur von Herrn Bogocz (Danke für die Offenheit!!!), sondern auch von Herrn Fidler. Danke für das wirklich spannende und interessante Interview - trotz (oder gerade wegen) dieser Länge!

--- muss auch einmal gesagt werden ---

So muss Journalismus
;)

Standard Posting
00
10.2.2012, 17:40

Bis auf die vielen Rechtschreibfehler, die eines Interviews innerhalb der Verlagsbranche nicht würdig sind.

bauchidgw
03
10.2.2012, 15:10
das beste interview

seit langer zeit im standard, und hr. bogocz kann man nur viel erfolg wünschen. wäre news nur ein zehntel so interessant wie das interview könnt ich mich überwinden ab und zu einen blick hineinzuwerfen.

Terence Lennox
05
10.2.2012, 13:00
Chapeau..

..der Mann hat verstanden, was sich gehört. Ethik, erster Teil. In Deutschland haben in einem ähnlichen Fall (Motorpresse Stuttgart) die Staatsanwälte ermittelt..

Es stellen sich zwei Fragen:

1.) Wir die Staatsanwaltschaft Wien Ermittlungen aufnehmen? Und wenn ja: Bei welchen anderen Medienunternehmen auch?

2.) Ist Hanusch als Chef der MA tragbar? Denn selbstredend hat das Effekte auf die Reichweite. Das ganze Lügengebäude österreichischer Medienunternehmer wackelt. Und das war wohl auch die Absicht der Aussage. So kann der Bote am Ende vielleicht Sieger sein..

Standard Posting
00
10.2.2012, 17:38
zu 2.)

Jemand wie Hanusch ist ein interessantes Verlagsphänomen. Beim Orac-Verlag konnte er nichts gegen die Übernahme der Fellners ausrichten. Danach integriert er sich perfekt in den wenig geliebten Verlag. Fördert fragwürdige Manager wie Giesser oder Schuh-Haunold, die sich mehr durch eine nervöse, fahrige Art als durch Kompetenz bemerkbar machen. Dann bleibt er, nachdem man ihn abhalftert, mit einem Titel ohne Mittel auf seinem Sessel sitzen. Ich meine, weiß hier jemand irgendeine herausragende verlegerische Leistung dieses Mannes?

Terence Lennox
10
10.2.2012, 17:53
mir geht es viel mehr darum..

..dass man endlich mal die MA auseinandernimmt. Und das - wenn möglich - auch gleich mit Staatsanwälten..

Gary Grantscherbn
00
10.2.2012, 12:04

na bravo. Die Deal-Portale a la "ab in den Urlaub" lügen was das Zeug hält, mit ihrem Taxameter ("schon 57 Deals verkauft"), die Medien melden falsche Mediadaten an die ÖAK....bin ich wirklich der letzte Trottel, wenn ich ein ehrlicher Unternehmer bin?

Alter Knochen
01
10.2.2012, 11:56

Sehr interessant. Danke!

Rotjacke
30
10.2.2012, 11:38
Rauchverbot im Stiegenhaus ...

... und dessen Durchsetzung wär auch noch ein Thema gewesen.

opryde
02
10.2.2012, 12:19

stellt sich nur die frage, welche relevanz das extern hat?

Jesus Christ Superstar
02
10.2.2012, 11:35

spannender mann. man darf gespannt sein, wer sein fähnchen nicht mehr in den offensichtlich rauheren wind hängen kann.

Walter Gröbchen
07
10.2.2012, 10:09

Sehr offenes Interview. Sehr unösterreichisch. Respekt.

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